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Sonntag, 7.8.2011, Tag 8:
Zum Frühstück gibt es Malins Lieblingsgericht Pfanneküchlein, kleine, runde, dicke.
Solche muss ich auch mal machen anstatt große, platte. Um 8 Uhr ist Abfahrt Richtung
Schwarzes Meer mit Zwischenstopp in Tatar Bunar.
An der blauen, auffälligen, mit Gold verzierten, orthodoxen Kirche nimmt uns Melania
in Empfang, die uns hier alles zeigen will. Sie verteilt Kopftücher an die Frauen, die nur
bedeckt die Kirche betreten dürfen. Am Ende des Gottesdienstes fallen wir Deutschen
ein, d.h. ich bleibe brav draußen, denn außer der Kopfbedeckung müssen Frauen
auch Röcke tragen. Edith schlingt sich ein langes Tuch um – nicht gerade der letzte
Schrei oder vielleicht gerade das -, das wenigstens seinen Zweck erfüllt.
Wie mir später zu Ohren kommt, übertritt Werner gleich die Linie, die den Männer- von
dem Frauenbereich trennt, was den Pastor in seiner Rede unterbrechen lässt. Wild
gestikulierend zeigt er ihm an, dass er sich in seinen Bereich zu verziehen hat.
Edith schockt einen Kirchgänger, indem sie in der Kirche fotografiert und spendet
reumütig gleich noch ein paar zusätzliche Griwna.
Mit kurzen Worten gesagt: Wir fallen auf ganzer Linie auf! Ich weiß schon, warum ich
lieber draußen bleibe.
Beim Verlassen der Kirche werden die ärmeren Mitbürger, die sich an den Eingang stellen, von jedem mit etwas
Geld bedacht.
Uns zieht es weiter zu einer Quelle, die gesundes Wasser heraus sprudelt, an der wir uns erfrischen können. Bei
den Wasserläufen steht auch eine Statue von Puschkin, der sich hier aufgehalten haben soll.
Jeder steigt einmal in das Wasser an der Quelle, um gesund und von
seinen Leiden erlöst zu werden.
An einer Stelle hat früher einmal eine türkische (tatarische?) Festung
gestanden, unter der weitverzweigte Katakomben verlaufen sind, die heute
noch existieren, deren Eingänge vom Wasser aus zugänglich sind.
Inzwischen sind sie aber mit Steinskulpturen verschlossen, damit sich
keine Kinder darin verirren.
Melania weist uns den Weg zu ihrem Hof und verschwindet hinter dem
hohen Tor, vor dem wir kurz warten müssen. Als es geöffnet wird, erblicken
wir sie mit ihrer Familie in traditionellen Gewändern – vor allem bestickte
Blusen – und die Musik spielt auf.
Im Hof können wir alte Haushaltsgeräte besichtigen. In einem kleinen
Nebenhaus sind die Zimmer wie früher eingerichtet als ukrainisches
Museum. Vor allem die bestickten Wandbehänge sind beeindruckend.
Melania erklärt uns, in welchem Alter die Mädchen welche Muster sticken
müssen.
Natürlich werden wir auch hier mit Brot und Wein begrüßt. Sie singen für
uns und ein älterer Mann spielt Akkordeon dazu.
Es gibt auch selbstgemachte Andenken zu kaufen. Ich nehme ein
besticktes Bild mit einem Haus und Sonnenblumen und ein geknüpftes
Püppchen zum Aufhängen für Omi und auch ein Püppchen für mich mit.
Im Weinkeller bekommen wir Brot und Wein. Anschließend werden wir zu einem teilweise offenen, riesigen
Raum geführt. Doris darf ihn als Erste betreten, da sie zuerst von uns allen Geburtstag hat. Unter einem
bestickten Tuch, das an beiden Seiten hoch gehalten wird, sodass es wie ein Tor wirkt, darf sie eintreten.
Auf den Tischen ist schon das Essen serviert und wartet auf uns. Suppe mit Schafsfleisch wird gereicht,
Mamaliga, Fleisch, Schafskäse und dazu werden wir die ganze Zeit mit Gesang und Tanz – sogar deren Kinder
machen mit – unterhalten.
Wir bleiben auch nicht verschont und müssen zuerst alle unsere Namen und Wohnorte nennen. Drei ukrainische
Frauen, Freunde und Verwandte der Museumsfamilie, sowie eine Reporterin, die über uns schreiben will,
gesellen sich hinzu. Bei den Tänzen müssen immer mehr von uns mitmachen, bis schließlich alle – außer Malin,
die sich erfolgreich drückt – mit eingebunden sind.
Es ist ein tolles Erlebnis und macht viel Spaß, aber wir wollen ja heute noch weiter. Daher verabschieden wir uns
nach einem Gruppenfoto für die Reporterin und fahren um ca. 14 Uhr weiter.
Nach einer dreiviertel Stunde kommen wir in Prymorsk, einem
Badeort am Meer, an.
Über einen langen Strandweg mit Sand laufen wir entlang an
den Ausläufern des Meeres, die von Schilf umgeben sind. Wir
überqueren mehrere kleine Brücken, sehen Frösche im
Wasser und sogar zwei Seeschlangen. Weiße Reiher und
Kormorane sitzen auf Ästen. Es ist ein malerisches Bild, das
die silbrig schimmernden Olivenbäumchen, die den gesamten
Weg säumen, nur noch vervollständigen.
Plötzlich verbreitert sich der Weg und gibt den Blick frei auf
den Strand und das Meer. Im weichen Sand lassen wir uns
nieder. Wir sammeln viele, dicke Muscheln, die nicht so schnell
zerbrechen können.
Die Gruppe verteilt sich in alle Richtungen, aber wir haben
immer noch einige von uns in Sichtweite. Ich stürze mich
gleich in die Fluten und bin angenehm überrascht, wie warm
das Wasser ist und dass keine spitzen Gegenstände wie Steine oder Muscheln am Grund liegen. In dem
angenehm temperierten Wasser schwimme ich ein ganzes Stück weit raus. Malin möchte sonnen und ich geselle
mich nach meinem Bad dazu.
Auf einmal taucht ein Pferd auf, das von einem Mann den ganzen Strand entlang geführt wird. Für vierzig Griwna
(4 €) kann man ein paar Minuten reiten, aber für Malin ist hier zu viel Publikum. Daher lehnt sie ab. Einige kleine
Kinder nehmen das Angebot an, sich auf den Rücken des ein bisschen wie ein Zigeunerpferd heraus geputzten
Pferdes zu setzen.
Was ist das schön entspannend, einfach so da zu liegen, während die Sonne auf einen herunter scheint! Dazu
weht ein angenehmer Wind, sodass man es gut aushalten kann.
Man merkt kaum, dass man Farbe bekommt, und so bin ich auch überrascht, als ich später mein rotes Gesicht
sehe. Noch einmal gehe ich ins Wasser und orientiere mich immer an einem gelben Sonnenschirm. Der ist aber
plötzlich verschwunden. Beruhigt entdecke ich aber Erikas Strohhut in der Ferne und weiß, wo unser
Strandabschnitt ist. Als jedoch der Strohhut auch nicht mehr auszumachen ist, schwimme ich zurück ans Ufer.
An Land angekommen, stelle ich fest, dass nur noch Malin da ist, d.h. und Georgij, der sich gerade in der
Umkleidekabine umzieht.
Als er zurück kommt, ziehe ich los, mich umzuziehen. Da der Andrang auf die Kabine, die nur aus Wänden
besteht, unter denen die jeweiligen Füße hervor schauen, zu groß ist, verziehe ich mich ins Schilf. Ich muss
aufpassen, wo ich hintrete, denn in Ermangelung eines Nuschniks stinkt es nicht gerade angenehm. Ich weiche
den Haufen aus, auf denen die bunt schillernden Scheißhausfliegen kreisen.
Während ich mich im Schilf umziehe, vermutet Malin mich in der Umkleidekabine. Sie will nachsehen, wie lange
es noch dauert. Gerade noch rechtzeitig bemerkt sie, dass die Füße, die unter der Kabine hervor lugen, nicht zu
mir gehören. Schade, denn die Gesichter hätte ich gerne gesehen, wenn Malin die Kabine gestürmt hätte!!
Mit einiger Mühe ziehe ich mich um, darauf bedacht, keinen Sand in meine Klamotten zu bekommen und nicht
vom Strand aus gesehen zu werden.
Nachdem ich das geschafft habe, kommt es mir so vor, als hätte ich alles falsch herum angezogen.
An einer kleinen Strandbar treffen wir auf den Rest der Gruppe. Die freut sich sehr, uns zu sehen, bedeutet es
doch, dass wir gleich fahren können.
Um 17.45 Uhr fahren wir ab, was eigentlich schade ist, da ich es gut noch ein paar Stunden ausgehalten hätte.
Bei der Fahrt durch Tarutino entdecke ich auf einmal die alte Bannasch-Villa von Omis früherem Arbeitgeber, die
ich für sie aufspüren sollte. Die ganze Zeit über habe ich sie nicht finden können, weil sie jetzt versteckt hinter
Bäumen liegt, nur noch einstöckig ist und nicht mehr so imposant. Da muss ich auf jeden Fall noch hin!
Um 19.30 Uhr kommen wir zu Hause an und – ja, was machen wir wohl?! – wir essen! Es gibt Kartoffeln mit
Soße und gefüllte Teigtaschen, Fladenbrote mit Füllung, Kartoffelsalat mit Pilzen und Tomaten.
Montag, 8.8.2011, Tag 9:
Heute besichtigen wir das Freilichtmuseum Frumuschika und brechen um 9 Uhr auf ohne Malin, die sich
ausruhen muss und einige andere, die ebenfalls Ruhe brauchen.
Den Berg hinauf am Friedhof von Tarutino vorbei fahren wir nach Beresina, wo wir die Kirche ohne Dach
bestaunen. Alles wirkt etwas ausgestorben. Auch der Bahnhof gegenüber ist verrammelt.
Weiter geht es nach Klöstitz. Ein großer Teich, idyllisch gelegen mit Scharen von Gänsen liegt auf der linken
Seite.
Am Ortseingang halten wir kurz, um zwei Denkmäler zu betrachten. Das eine Monument von 1930 haben noch
die deutschen Bewohner errichtet im Gedenken an die Opfer des 1. Weltkriegs. Den zweiten Gedenkstein haben
die ukrainischen Dorfbewohner aufgestellt für die Opfer des 2. Weltkriegs. Jetzt soll es kein drittes Denkmal
mehr geben!
Ich bette ein weiteres Opfer zur ewigen Ruh` : Ein kleiner Pirol mit gelben Federn liegt tot mitten auf dem Weg.
Mit Blättern bedeckt lege ich ihn unter einen Strauch.
Ein Storch kreist eine ganze Zeit lang über uns und wir setzen unsere Fahrt fort. Hinter Klöstitz beginnt eine
unendlich wirkende Steppenlandschaft. So weit das Auge reicht, erstreckt sie sich und wir bekommen einen
Eindruck von der Weite Bessarabiens.
Während der russischen Zeit befand sich hier in der Steppe das größte Militärgebiet Russlands.
Mitten im Nirgendwo – wie es den Anschein hat – steht einsam ein Zeiger, wie Georgij sagt, der nach rechts
zeigt. Wir korrigieren ihn, dass es „Wegweiser“ heißt, doch in Anbetracht dessen, dass wirklich gar nichts darauf
steht, wie wir überrascht und erheitert feststellen, besteht Georgij darauf, dass es sich doch um einen Zeiger
handelt, womit er ja auch Recht hat.
Wieder mitten im Nichts passieren wir Mauerteile wie eine Art Grenzposten. Jemand behauptet, dass wir gerade
den westdeutschen Sektor verlassen und in die DDR fahren.
Das Dorf Frumuschika ist ganz neu entstanden, wo es früher einmal vier Dörfer gegeben hat. Frumuschika
bedeutet „schönes, neues Dorf“.
Hier leben nur die Arbeiter für die Schafzucht und den Weinanbau, wodurch sich das Dorf versorgt. Lang
gestreckte Ställe und riesige Heuhaufen begleiten unseren Weg. Ansonsten kann man hier Urlaub machen und
Häuser mieten. Nur leider findet kaum jemand den Weg hier her mitten in die Steppe, sodass alles ein wenig
verlassen wirkt.
Wir parken neben dem Restaurant, das ganz aus Bruchsteinen gebaut ist, mit anschließendem Souvenirladen.
Zunächst besichtigen wir den schönen, blauen, moldawischen Hof, original eingerichtet bis auf das Bad mit
Whirlpool und Sauna. Für 100 € pro Tag kann man es für ca. vier bis sechs Personen mieten.
Ein großer, gegen die schönen, alten Höfe langweilig erscheinender Bau beherbergt mehrere Hotelzimmer, die
schön eingerichtet sind mit modernem Bad. Für 35 € pro Tag kann man die Hochzeitssuite mieten. Es ist nur
leider alles ausgestorben. Wir sind die Einzigen in dem ganzen Gebäude.
Unten befindet sich ein riesiger Saal mit wuchtigen Marmortischen und schweren Stühlen für die Delegierten der
Schafzüchter. Svetlana und Georgij nehmen an dem Tisch der Abgeordneten Platz, auf dem die Fähnchen der
teilnehmenden Länder aufgestellt sind. Deutschland ist auch mit dabei.
In einem Haus ist in einem großen Raum ein Museum untergebracht und wir bewundern die alten haushalts- und
landwirtschaftlichen Geräte. Ich finde heraus, dass meine Haare mit einem überdimensionalen Kamm für
Schafwolle besser gekämmt werden können. Hugo hilft mir dabei. Demnächst werde ich in der Drogerie nach so
einem Kamm fragen.
Herrliche Landschaftsbilder und auch Häuser hängen zur Ansicht aus, doch leider sind diese Ausstellungsstücke
nicht verkäuflich, sonst hätten sicher einige von uns so ein hübsches Gemälde mitgenommen.
Nebenan befindet sich der Weinkeller mit vielen Fässern, die in langer Reihe aufgestellt sind. Jeder bekommt ein
Glas und darf sich selber Wein zapfen. Irgendwie schaffen wir es aber doch, wieder aus dem Keller ans
Tageslicht zu gelangen.
Wir laufen weiter zu den Tiergehegen. Auch ein kleines Rehkitz steht im Stall. Ein Wildschwein randaliert und will
den Zaun kaputt beißen. Ich lerne, dass „malinki“ „klein“ bedeutet, was ich witzig finde: „Malin Malinki“ oder
besser: „Malinki Malin“!
Außerdem gibt es noch Ziegen, Alpakas, Ferkel, einen Auerhahn, den wir ein bisschen ärgern, sodass er sich
aufregt und wir sein Zetern anhören können.
Eine kleine, orthodoxe Kirche wird gerade gebaut und in Blau-Gold angestrichen.
Wir sehen ein typisch jüdisches Haus mit zwei Eingängen. Ein Eingang liegt zur Straße für den Handel und ein
privater an der Seite, ein gagausisches, ein bulgarisches und ein russisches Haus.
In Weiß mit Fenstern und der Tür in Braun eingefasst, steht das deutsche Haus da. Obwohl es noch nicht fertig
eingerichtet ist, dürfen wir hinein. Zum Teil stehen schon alte, schöne Möbel darin. Das Bad ist auch hier modern
und passt eigentlich nicht so ganz hinein.
Vor dem Haus gehen wir in den Erdkeller hinunter, aber außer, dass es hier kühl und dunkel ist, gibt es weiter
nichts.
In dem aus Steinen gebauten, innen sehr dunklen aber gemütlichen Restaurant bekommen wir moldawisches
Essen. Durstig gieße ich mir gleich ein ganzes Glas voll, in der Annahme, dass es sich um Kvas handelt. Ich
nehme einen großen Schluck. Und wie ich daraufhin schlucke! Es handelt sich nämlich um Alkohol genau wie
der Most, der Likör in der Karaffe und der selbstgemachte Wein. Alkoholfreie Getränke gibt es gar nicht und wir
müssen erst einmal Wasser organisieren.
Wir essen Krautsalat, frisches, total leckeres Brot mit knuspriger Kruste, Lamm- und Schweinefleisch und
Mamaliga mit Soße.
Vor der Abfahrt gehen wir noch in einen kleinen Statuen-Park. Hier werden die Statuen und Büsten gesammelt,
die woanders abgebaut werden. Vor allem Lenin, aber auch Stalin und einige mir Unbekannte stehen hier
herum.
Auf der Rückfahrt machen wir noch einmal Pause in Beresina. Weil wir heute einmal ausnahmsweise recht früh
dran sind, halten wir vor einem kleinen Cafè bzw. vor einer Kneipe. Da es hier keine Milch für unseren Kaffee
gibt – hier wird Kaffee schwarz getrunken -, fahren wir ein Stück weiter und haben Glück. Der Raum ist neu
eingerichtet mit hohen Lederbänken. Es ist überraschend geräumig und wir ruhen uns aus.
Bevor wir nach Hause fahren, halten wir noch am Tarutinoer Friedhof. Ich bin froh, dass ich vor ein paar Tagen
nicht mit dem Fahrrad noch alleine bis hier her gefahren bin, denn der Weg zieht sich noch ein ganzes Stück den
Berg hinauf.
Außerdem hätte ich nie alleine heraus gefunden, dass der deutsche Friedhof direkt links neben dem neuen liegt,
da kein Weg mehr dort hin führt. Wir bahnen uns selbst einen Pfad durch das hohe Gras und die ersten, alten
Steine kommen in Sicht. Auch hier liegen sie kreuz und quer, sind aber noch gut lesbar.
Doch je weiter wir gehen, umso undurchdringlicher wird es, da stachelige Dornenbüsche ein Weiterkommen
erschweren. Man muss aufpassen, dass man sich die Klamotten nicht kaputt reißt. Daher kehren wir um.
Nebenan auf dem neuen Friedhof geht es recht bunt zu, wie üblich auf den ukrainischen Friedhöfen. Bunte,
künstliche Blumen sind um die Kreuze und Grabsteine drapiert und auf einigen frischen Gräbern steht noch
Geschirr. Darauf wird den Toten Essen und in den Tassen Getränke mit auf ihre letzte Reise gegeben. Die
Hunde freut es, deshalb ist alles schön geleert.
Vier schwarze Welpen kommen uns entgegen. Wie wild freuen sie sich über meine Fütterung, da sicher nicht so
oft jemand begraben wird, dass für ausreichend Essen gesorgt ist.
Ich mag mich gar nicht von ihnen trennen, als es wieder los geht.
Vorbei an den bunten Kreuzen und Grabsteinen – wovon mir die blauen Eisenkreuze am besten gefallen – geht
es nach Hause zurück. Hier sitzen wir noch alle gemütlich draußen, bis wir schon wieder einmal essen.
Es gibt noch einmal Kartoffelsalat mit Pilzen, Gurken und Fleischwurst, ganz leckeren, gedünsteten Weißkohl in
Paprikasoße, dazu Tomaten, Wurst und Fleisch.
Dienstag, 9.8.2011, Tag 10:
Bevor wir heute an unserem letzten Tag noch ins Zentrum gehen, müssen wir uns erst einmal um Margor
kümmern. Die Katzenmutti hat eine große, schlimm aussehende Wunde am Hals, die wir mit Bepanthen-Salbe
versorgen. Auf unsere Bitte hin, dass wir mit ihr zum Tierarzt gehen oder ihn holen können, werden wir damit
beruhigt, dass sie öfter durch Raufereien mit anderen Katzen solche Wunden davon trägt, die von selbst wieder
heilen.
Also machen Malin und ich uns auf in Richtung Zentrum. Am
ehemaligen Bannasch-Haus machen wir halt. Wie wir
feststellen, steht es leer. Deswegen gehen wir auch gleich
hinein und halten den Verfall ausgiebig mit der Kamera fest.
Teilweise sind die Böden und Decken eingestürzt.
Als Andenken möchten Malin und ich uns ein Kettchen holen.
Zunächst gestaltet es sich aber schwierig, überhaupt einen
Schmuckladen zu finden und keiner scheint Englisch zu
sprechen.
Bei einer älteren Marktverkäuferin kaufe ich Pfirsiche. Ein
rothaariger Jugendlicher übersetzt mir auf Englisch. Gleich
nutze ich meine Chance und frage ihn nach einem
Schmuckladen. Daraufhin kommt er mit uns, erfreut, Englisch
sprechen zu können.
Er kommt mit seiner Familie aus Moldawien herüber, um auf
dem Markt Obst- und Gemüse zu verkaufen. Er zeigt mir den
Laden und wir verabschieden uns.
Hier gibt es Parfum zu kaufen, aber die Ladentheke hat eine durchsichtige Glasplatte, unter der ich Schmuck
erkenne. Durch Zeigen kann ich der Verkäuferin verständlich machen, was ich mir ansehen will. Auf einigen
Schildchen stehen Preise, die sie aber erst mit dem Anteil Gold und den angegeben Gramm multiplizieren muss.
Von einer Goldkette komme ich schnell ab. Ich bin nur noch an einem Armband mit dem kleinsten Anhänger,
einem Schlüssel, interessiert, den ich aber auch sehr schön finde. Zusammen würde das mehr als 100 € kosten.
Malin hält sich schon zurück und hat ihr Interesse verloren. Gut, dass Georgij mir „wie viel“ auf
Russisch/Ukrainisch beigebracht hat, so frage ich immer eifrig: „skolka?“ Die Verkäuferin zeigt mir die Zahl auf
dem Taschenrechner. Das funktioniert sehr gut. Zum Schluss verlasse ich den Laden nur mit dem kleinen
Schlüsselanhänger, den ich an einem schwarzen Band als Kette tragen kann. Dafür habe ich auch noch
umgerechnet 26 € bezahlt.
Zum Mittag gibt es richtig gut schmeckenden Kraut-/Kartoffeleintopf und vorher Fleischkloßsuppe, die ebenfalls
sehr gut schmeckt.
Um 13.30 Uhr fahren wir nach Alt-Posttal und sehen uns da die Schule an. Früher war es einmal die deutsche
Schule. Während der Ferien wird die Schule von den Eltern gestrichen, was ich als eine sehr schöne Initiative
ansehe.
Für den bessarabischen Markt, der am 27./28. August in Tarutino stattfinden soll, braucht die Frau, die uns
herum führt, noch dringend Tipps für das deutsche Haus. Malin schreibt einige deutsche Spezialitäten auf und
die Frau ist glücklich, möchte aber noch immer mehr wissen.
Nach der Besichtigung des Kulturhauses, das früher einmal eine Kirche war, gehen wir zurück zum Bus. Ich
bemerke nur so nebenbei, dass es in Alt-Posttal kein Handynetz gibt und frage mich, was man hier in Notfällen
so macht. Nicht jeder hat ein Auto. Ich für meinen Teil habe nicht vor, zu telefonieren.
Es geht weiter nach Kulm. Der Ort liegt auch neben Tarutino, allerdings oben auf einem Berg, was recht
ungewöhnlich ist, denn sonst liegen hier alle Orte im Tal. Von hier oben hat man eine tolle Aussicht über die
Weite und Berge Bessarabiens.
An der alten Kirche von Kulm, in der sich jetzt auch das Kulturhaus befindet, halten wir an. Wir sehen uns auch
hier den Gedenkstein in Deutsch und Russisch an.
Im Kulturhaus finden gerade Proben für den Bessarabischen Markt statt. Kinder üben Tänze ein. Wir
verabschieden uns leise, um nicht zu stören. Gerade, als wir in den Bus einsteigen, kommen auch die Kinder
heraus, und rufen uns „Auf Wiedersehen“ hinterher.
In der Straße darunter – in den meisten kleinen Orten gibt es so drei bis vier lange Straßen, die sich durch den
ganzen Ort ziehen und genauso viele, kurze Querstraßen, sodass alles recht übersichtlich ist – fahren wir zu
einem Pferdebesitzer. Dessen Pferd will Werner sich für seine Wanderung durch Bessarabien als Gepäcktier
ausleihen. Ich darf das Pferd Bunik untersuchen und stelle als Erstes fest, dass es nur ein Auge hat. Das ist aber
nicht weiter schlimm, denn der Wagen, den es ziehen muss, hält ihn auch auf dem Weg. Wir lernen noch, dass
„Hü“ „Ei“ oder „Hei“ heißt und dass das Pferd schneller läuft, je lauter man schreit. „Brr“ lautet in beiden
Sprachen gleich. Werner möchte gerne noch einen Pferdepfleger mitnehmen und ich sage für Malin und mich
zu, was ich auch wirklich gerne tun würde, aber leider geht das ja nicht.
In der Zwischenzeit werden Malin und Ulrike von einer älteren
Frau die Straße entlang geführt, um die ehemals deutschen
Häuser anzusehen, die inzwischen aber verfallen sind. Über
Malins feste Zahnspange wundert sich die Frau, genauso wie
der Mann in Neu-Elft, wo wir zu Mais und Wein eingeladen
waren. Man muss irgendwie begreiflich machen, dass das
Silber auf den Zähnen bald heraus kommt.
Der letzte Programmpunkt unserer Reise ist ein Besuch bei
Georgij, hier in Kulm. Die ganze Mannschaft stürmt den Hof
durch das Eisentor. Wir begrüßen die Katze Murka, die sich
vor uns im Beet versteckt. Der Brunnen ist türkis, wie ich
erfreut bemerke. Eine Farbe, die alle Ortschaften weitgehend
prägt, da sämtliche Häuser türkise Fensterrahmen oder Giebel
aufweisen. Auch die Kombination von Grün und Blau kommt
häufig bei Häuserfassaden vor. Ich hätte nie gedacht, dass
diese beiden Farben so gut zusammen passen würden!
Wir gehen durch den zweiten Eingang, vor dem uns seine Mutter begrüßt. Der gedeckte Tisch wartet drinnen
schon auf uns mit Weintrauben und Melonen aus dem Garten und Teigküchlein und noch vieles mehr. Auch
Wein darf nicht fehlen. Laut Malin ist das der beste Wein auf der ganzen Reise, wie sie mir - ihrer entgeisterten
Zuhörerin – gesteht. Nachdem, was sie so alles probiert hat während der Reise, ist sie jetzt die perfekte
Weinkennerin.
Der Erdkeller mit seiner blauen Holztür ist gleich innen neben dem Eingang, wie es sich bei einem gagausischen
Haus gehört.
Nebenan begrüßen wir alle – nacheinander versteht sich – seine Frau und sein ein Monat altes Baby.
Hinten im Hof sehen wir uns die Hühner und Enten an und das braune Kälbchen im Verschlag, das Ulrike mal
eben schnell Liese tauft. Hündin Brenda, die gar nicht mit der Belagerung einverstanden zu sein scheint, will
uns kaum vorbei lassen. Sie ist sicher froh, als wir aufbrechen!
Gegen 17 Uhr sind wir zurück und sitzen draußen. Zum Abendessen gibt es wie von einigen – vor allem von
Doris – gewünscht Gans. Der Busfahrer ist schon mehrmals angefeuert worden, schneller zu fahren, wenn
Gänse auf der Straße herum liefen.
Dazu gibt es Reis, Paprika-/Tomaten-/Zucchini-Durcheinander wie bei Omi, was ich besonders mag, und
Teigrollen mit Käse oder mit Gemüse und Tomaten. Wieder freut sich Mensch wie Tier über diese Leckereien.
Mit Bedauern erlebe ich diesen letzten Abend. Ich würde mir wünschen, dass wir alle zusammen sitzen und noch
einmal unsere Erlebnisse und Eindrücke austauschen, aber irgendwie findet sich die Gruppe nicht zusammen.
Gegen 21 Uhr muss Georgij hastig aufbrechen, nach langen Verhandlungen mit Svetlana und Werner. So kann
er nur schnell jedem die Hand schütteln. Wir sind sehr enttäuscht, dass wir uns nicht richtig von ihm
verabschieden können, wo wir jeden Tag etwas gemeinsam unternommen haben.
Endlich wird das Feuer weiter oben im Garten entzündet. Baumstämme liegen an allen vier Seiten zum Sitzen.
Es haben sich nicht einmal fünf Mann eingefunden.
Da wir in der Nacht wieder hinaus müssen und ich nicht sicher bin, ob noch welche zum Lagerfeuer kommen,
gehe ich ins Bett.
Malin setzt sich noch ein bisschen ans Lagerfeuer und erzählt, dass Werner und Svetlana mit den drei Servier-
Mädchen noch hinzu gekommen sind. Sie haben Lieder gesungen und Svetlana hat Witze erzählt. Um 22 Uhr
kommt Malin dann aber auch hoch.
Mittwoch, 10.8.2011, Tag 11:
Früh um 3 Uhr stehe ich auf, weil es um 4 Uhr Frühstück gibt. Ich fühle mich schrecklich. Gestern Abend haben
die Grillen besonders laut gezirpt und die Hunde besonders laut gebellt, hatte ich das Gefühl. Ich will mich hier
von nichts trennen, weder von den Hunden noch von der Gruppe, noch von dem Zimmer, Tarutino, Bessarabien,
der Ukraine... Ich will nicht!
Trotz alledem ist um 5 Uhr Abfahrt bei bewölktem Himmel, passend zu meiner Stimmung, erst recht, weil
Svetlana, die eigentlich mit nach Kiew fahren wollte, sich vorne in den Bus stellt und allen zum Abschied winkt.
Sie kann uns doch nicht begleiten, was ich richtig schade finde.
Ein letztes Mal fahren wir an der Bannasch-Villa vorbei, vorbei auch am Puschkin-Park – wie gern hätte ich ihn
noch einmal gesehen! -, vorbei am Basar und der russischen Kirche, und schon sind wir aus Tarutino heraus,
heraus aus Omis früherem Leben. Ich kann es noch gar nicht fassen!
Dieses Mal dürfen wir Moldawien bei Tageslicht betrachten. Es gibt wieder keine Grenzkontrollen. Eine ganze
Zeit lang folgen wir einem Fluss, aber ich selbst hätte nicht bemerkt, ob wir uns in Moldawien oder der Ukraine
befinden.
Die Fahrt geht an Odessa vorbei. Um 11 Uhr machen wir Rast und bekommen in einem kleinen Imbiss leckeren,
selbst gemachten Borschtsch auf der Veranda. Zum Pinkeln gehen wir in den Wald.
Vor Kiew fängt es an, heftig zu regnen, inzwischen ein ungewohnter Anblick. Der Himmel weint auch. Kann ich
verstehen.
Gegen 15 Uhr erreichen wir Kiew und stecken ununterbrochen im Stau wegen der vielen Bauarbeiten für die
Fussball-EM 2012.
Die Süddeutschen und die Kölner werden zuerst zu ihrem Flughafen gebracht, der im Vergleich zu unserem
riesig ist. Erich, Erika, Ottheim und Monika, Edith und Karlheinz verabschieden sich.
An riesigen, neu gebauten Hochhauskomplexen in vielen, bunten Farben kommen wir vorbei und der Dnepr wird
passiert.
Unseren kleinen Flughafen Zhulyany erreichen wir gegen 17.30 Uhr. Inzwischen scheint wieder die Sonne und
es ist warm, als wollte sich die Ukraine zum Abschied von ihrer besten Seite zeigen.
Pünktlich um 19.20 Uhr heben wir ab und können Kiew mit den teilweise noch im Rohbau stehenden
Hochhäusern von oben sehen. Je weiter wir uns entfernen, umso größer wird der Klumpen, der mir die Kehle
zuschnürt. Ich frage mich: Wann werde ich wieder hier her kommen? Komme ich überhaupt wieder hier her? Ich
will es mir ganz fest vornehmen.
ENDE
Nachwort:
Zu Hause angekommen, fällt es uns schwer, uns wieder zurechtzufinden. Ich verspüre einen unheimlichen
Drang, alles Türkis anzustreichen und ernte misstrauische Blicke.
Gerade renoviere ich. Die Wand habe ich schon gestrichen… in Ukrainisch-Türkis!!!
Anja Johansson
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