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„Gab es auch Geschäfte am Marktplatz?“ „Da waren mehrere. Allerdings gab es kaum
deutsche, mehr jüdische. In den deutschen Geschäften waren die Waren auf deutsch
ausgestellt, ansonsten stand alles auf rumänisch. Dekorierte Schaufenster wie heute
hatten sie nicht. Die Fenster waren klein und da lag schon mal Ware drin. Wir haben
nicht viel eingekauft, nur mal Zucker, Mehl, Salz, Reis, schon mal Nudeln. Alles gab es
lose. Wir hatten von Mutter selbst gemachte Leinenbeutel mit. In einen Beutel wurde mit
einer Schütte z.B. Zucker geschüttet, in den anderen Mehl. Die konnte man dann wieder
auskochen, sodass sie immer heller wurden. Das einzige, was wir in kleinen
Papiertütchen bekamen, waren Bonbons, die „Zuckele“. Die wurden lose aus Gläsern
genommen und die bekam man als Dankeschön. Wenn wir noch etwas Geld übrig
hatten, konnten wir uns noch auf dem Markt „Halva“ kaufen. Das ist etwas Süßes aus
gemahlenen Nüssen. Schokolade konnte man sich damals ja nur ganz selten leisten.
Bei uns wurde dann eine Tafel durch vier geteilt. Da bekam man dann sowieso nicht so
viel von ab. „Habusen“, also Melonen, haben wir auch auf dem Markt meist aber vom
Bauern direkt geholt.“
„Was hattet Ihr denn für Geld in Rumänien?“ „Ja wie gesagt: „Ban“ oder mehrere „Bani“ waren wie Pfennige,
„Lei“ war wie Mark.“
„Wie sah es sonst so aus in Tarutino?“ „Überall waren diese breiten Straßen. Jeder Bauer brachte seine Tiere
zum Tor und schickte die Herde allein raus die Straße hinunter. Deswegen waren die Straßen wahrscheinlich so
breit. Bei uns wurden die Kühe morgens fertig gemacht und von oben kam ein Hirt die Straße herunter, der alle
Tiere mitnahm bis raus auf die Wiesen. Abends wussten die Kühe von selbst, wohin sie hörten. Schlimmer war
es mit den Schafen. Die Bauern mussten ihnen zu mehreren entgegen gehen und sich ihre Schafe aus der
Herde herausfischen. Die Tiere waren ja gekennzeichnet. Oder aber die Schafe wurden den
Sommer über auf Koppeln gebracht. Einige Familien blieben die ganze Zeit über bei ihnen und machten gleich
auch den Käse da, den man sich abholen konnte. Krauses hatten auch ein paar Schafe, aber ich glaube, sie
sind auf unserem Hof geblieben. Wir hatten auch unheimlich viel Weinanbaugebiet. Als ich so ungefähr zwei
Jahre alt war, bin ich mal abgehauen in einen Weingarten, der gleich bei uns in der Nähe war. Da bin ich müde
geworden, habe mich an einen Rebstock gelehnt und bin eingeschlafen. Später haben sie mich da gefunden.
Mutter hat mich dann lieber mit einem langen Seil um den Bauch ans Bett gebunden, damit ich nicht wieder
abhauen konnte. Sie selbst lag mit ihrem Baby noch im Bett und nur zweimal am Tag kam ihr eine Frau zu Hilfe.
Ich konnte noch durch die ganze Wohnung laufen, aber eben nicht mehr abhauen. Jaaa, das nur so nebenbei.
Bei der Weinlese haben wir alle mitgeholfen. Abends bekam jeder einen Eimer Trauben. Es waren so viele, dass
sie sogar den Hühnern hingekippt worden sind. Bis nach Weihnachten hatten wir sogar noch Weintrauben. Die
„Zöttel“, also die Dolden sagt man hier, glaube ich, wurden auf eine Schicht Stroh gelegt. Die waren dann ganz
besonders lecker. Ich bin heimlich auf den Boden gegangen und habe Trauben gegessen. Hmmm. Mutter hat
das natürlich bemerkt. Sie sagte dann immer: „Oh, meine Trauben haben Besuch gehabt!“ Sie hat aber nicht
geschimpft.“
„Gab es auch Wald in Eurer Gegend, weil Du gesagt hast, es hätte sonst hauptsächlich Steppen gegeben?“ „Es
gab schon Wald. Der war aber gepflanzt, so natürlich gewachsen gab es keinen. In diesem Wald wuchsen fast
ausschließlich Akazien. Die haben so ganz viele kleine Blättchen an einem Stiel. Die Blüten sehen aus wie lauter
weiße Löwenmäulchen. Die gibt es hier auch. Die hast Du auch schon gesehen. Du kommst jetzt nur nicht
drauf.“ Mein Gesicht sieht wohl aus wie ein Fragezeichen. Ich nehme mir vor, auf diese Beschreibung zu achten.
„Bei uns gleich in der Nähe der Straße gab es auch viel Kamille, auch Mohn, aber meistens Kamille. Wenn die
blühten, sah es aus wie ein ganzer Teppich. Die Köpfchen von den Kamillen haben wir als Kinder immer
abgepflückt und dann zur Apotheke gebracht. Dafür bekamen wir ein paar Bani. Dahinter, wo diese Blumen
blühten, war der Antschiokrak, der Fluss. Es floss nicht viel Wasser darin, aber es ging da einen ziemlich tiefen
Graben hinunter. Über den Antschiokrak führte ein Brückchen zu einer anderen Straße mit Häuserreihen. Zur
Hauptstraße ging es von unserem Hof aus durch das obere Tor und dann durch noch einen Hof. Also die
übernächste Straße war die Hauptstraße.“
„Hattet Ihr Spielsachen, Puppen oder Teddys?“ „Teddys kannten wir nicht, nein. Puppen wurden selbst gemacht
aus Stoff. Mutter nähte die Augen, die Haare waren aus Wolle. Meine Puppe hieß Annemarie. Das war mein
Lieblingsname. Wenn wir gespielt haben oder ich jemandem meinen richtigen Namen nicht verraten wollte, hieß
ich immer Annemarie. Bälle haben wir auch selbst aus Lumpen genäht mit festen Maschen darum wie ein Netz,
das es zusammenhält. Oder es wurden Schweineknochen gekocht und sauber gewaschen. Darein kamen Nägel
und fertig war das Pferdchen. Wir haben auch ein kleines Stöckchen vierkantig geschnitzt. Die Enden wurden
angespitzt. Dazu wurde noch ein Schläger gemacht. Damit hat man dann vorne auf die Spitze des Stöckchens
gehauen, das Stäbchen ging hoch. Jetzt musste man ganz schnell drunter hauen den Hof runter. Die Kanten des
Stäbchens waren nummeriert. Es kam darauf an, auf welcher Seite es liegen blieb, welche Punktzahl es
anzeigte. Man konnte aber auch die Schritte zählen, wie weit das Stöckchen geflogen ist. Unser liebstes Spiel
war aber Verstecken. Hinter dem Strohschober war ein gutes Versteck.“
„Gab es auch so etwas wie Kartenspiele?“ „Kartenspiel hat Vater als Teufelsspiel gesehen. Das haben wir nie
gemacht. Würfelspiele schon und Mensch ärgere Dich nicht auch.“
„Du hast mal erzählt, dass Ihr mit russischen Kindern gespielt habt und Du Dir so russisch gelernt hast...“ „Drei
Häuser weiter wohnten die und wenn ich etwas nicht verstanden habe, habe ich Vater gefragt. Dadurch dass er
auf der Krim geboren ist, konnte er ja russisch. Russisch galt bei uns als fein. Die Reichen haben manchmal ein
russisches Wort ins Gespräch mit eingebracht. Vielleicht lag es daran, dass Tarutino im ersten Weltkrieg noch zu
Russland gehört hat so wie nach dem zweiten Weltkrieg auch wieder. Im Krieg, später als wir in Pommern
gewohnt haben, ist er auch Dolmetscher gewesen. Zum Schluss haben bei ihm im Forst auch russische
Kriegsgefangene gearbeitet, die ihm unterstanden. Mutter konnte ja auch russisch, weil sie in Wolhynien
geboren ist. Nach dem ersten Weltkrieg haben die beiden sich in Deutschland getroffen. Papa ist ja desertiert,
weil er als russischer Soldat nicht auf die Deutschen schießen wollte. Wir haben mal etwas Ahnenforschung
betrieben. Wir sind bis ins 17. Jahrhundert gekommen, wo die Vorfahren von Beiden – also von Mutter und Vater
– von Baden Württemberg nach Russland gegangen sind. Das nur als kurzer Einwurf. Wo waren wir stehen
geblieben?“
„Egal. Was ich noch wissen möchte: Habt Ihr in Tarutino auch die Möglichkeit gehabt zu schwimmen?“ „Damals
war es nicht üblich, dass so viele schwimmen konnten. Das habe ich erst in Hagen gelernt mit 52 Jahren. In Bad
Burnas am Schwarzen Meer hätte ich vielleicht die Möglichkeit gehabt, schwimmen zu lernen, aber ich habe sie
nicht genutzt. Nach Bad Burnas bin ich ja durch unseren Verein gekommen. Ich habe immer mitgearbeitet und
nur selten gefehlt. Immer habe ich mich freiwillig gemeldet, wenn etwas zu machen war. Außerdem mussten
viele Mädchen auf dem Feld arbeiten und konnten sowieso nicht. Wir waren nur zwei Mädchen von unserer
Gruppe, die gefahren sind. Von allen Orten sind sie da zusammengekommen. Eine große Villa ist angemietet
worden für uns. Die Köchin wurde gestellt, ansonsten musste jeder mithelfen. Die Räume mussten in Ordnung
gehalten werden. Wir wurden immer so in fünf Leute eingeteilt. Insgesamt waren wir ungefähr siebzig alle so in
etwa in meinem Alter. Ich war damals 17. Von Deutschland waren auch einige da. Sie haben uns Lieder und
Basteleien vom „Reich“ beigebracht. Elfriede Wagner und ich mussten gut aufpassen, um alles unserer Gruppe
weiter vermitteln zu können. Gleich morgens sind wir von unserer Klippe, wo unsere Villa stand, zum Strand
runter. Das Meer war unser Waschraum. Gleich nach dem Wecken zogen wir den Badeanzug an. Im Wasser
wurde dann Frühsport betrieben. Sogar beim Kartoffelschälen haben wir viel Spaß gehabt. Da kam der große
Bottich draußen vor die Tür. Die Jungs haben meistens Wasser aus dem nahen Brunnen geholt. Die geschälten
Kartoffeln haben sie meist extra ins Wasser plumpsen lassen. Das kalte Wasser ist uns über die Beine gespritzt.
Das gab immer eine Gaudi. Ringsum war eine große Pfütze. Wer nicht viel Geld hatte, brachte Lebensmittel mit
von zu Hause zur Verpflegung. Von zu Hause wäre es mir niemals möglich gewesen, dahin zu kommen. Es
hätte noch nicht einmal für die Bahnfahrt gereicht. So hatte ich Glück, dass alles vom Verein aus organisiert
worden ist. Mit einem Jungen aus Karlsruhe in Deutschland habe ich mich noch geschrieben. Er war ein
Verehrer von mir. Nicht aus den Augen gelassen hat er mich. Am Abend hatten wir oft Tanz. Mein Bub also
musste Ziehharmonika – Schifferklavier – spielen und konnte nicht mit mir tanzen. Deshalb bat er mich, oft bei
ihm zu sitzen und war natürlich eifersüchtig, wenn mich andere Jungs aufgefordert haben. Ich hatte da natürlich
Spaß dran und habe gelacht. Ich war so ein kleiner Teufel.“ Wie ein kleines Teufelchen lacht sie auch heute
ungefähr siebzig Jahre danach. Sogleich wird sie wieder ernst. „Er ist dann aber im Krieg gefallen.“
„ Wie war das noch, als Ihr gespielt habt, wobei Du den Jungen da verletzt hast?“ Mir fällt das gerade ein, dass
Omi mir diese Geschichte mal vor vielen Jahren erzählt hat. Aber wie war das doch gleich noch? Ein bisschen
verlegen schaut Omi jetzt drein, als sie anfängt, von diesem unglücklichen Spiel zu berichten. „Bei uns in der
Nähe lag ein ehemaliges Schlachthaus. Die Leute, die nebenan wohnten, passten auf. Es lagen da noch
allerhand Sachen herum. Bei schlechtem Wetter haben wir Mädchen gerne in der leeren Halle Haushalt oder
Küche gespielt. Wir haben Kerne zubereitet so etwas. Da kamen die Jungen herein und haben uns geärgert. Sie
haben uns mit einem Besen beim Spielen gestört. Ich war so wütend und habe mit einem Messer so vor mir
herumgefuchtelt. Dabei habe ich einen der Jungen, Wladimir P. hieß der, an der Hand verletzt. Ich war zu Tode
erschrocken. Es hat stark geblutet, der Daumen hing herunter. Wir sind gleich zu den Leuten nebenan rein. Die
haben ihn verbunden und zum Arzt gebracht. Die Sehne war durch. Ich hatte solch eine Angst, es meinen Eltern
zu erzählen. Ich hatte schreckliche Schuldgefühle. Mutter hat mir Obst mitgegeben und zum Krankenhaus
geschickt. Wie Wladimir sagte: „Wenn ich jetzt mit dieser Hand keine Frau abbekomme, musst Du mich
heiraten!“, da habe ich es ihm gleich versprochen. „Ja. Ja.“, habe ich in meiner Verzweiflung gesagt. „Ich heirate
Dich auch!“ Ich war vielleicht acht oder neun. Als wir Jahre später Beide im Verein waren, bin ich zu ihm
hingegangen und habe so gesagt: „Gib mal Deine Pfote!“ Darauf hat er dann geantwortet: „Du kannst mich
immer noch heiraten!“ Alle haben wir darüber gelacht, aber als es passiert ist, war mir eher zum Heulen. Da fällt
mir noch so eine Sache ein mit einer Schneeballschlacht. Das muss im Winter 1936/37 gewesen sein. Damals
war ich noch keine 17. Ja genau. Ich habe immer nach dem Einen geguckt. Siegfried B. hieß der. Leider ist er
viel zu früh gestorben. Ich hätte ihn gerne wiedergesehen. Ich habe ihm die Schneebälle immer voll ins Gesicht
geballert.“ Bei dem Gedanken muss Omi heute noch lachen. „Dann ist er hinter mir hergelaufen und ich bin
abgehauen. Das war so üblich, dass die Jungs die Mädchen mit Schnee gewaschen haben. Auf einmal hat er
mich gepackt und mir einen Kuss aufgedrückt. Das war vielleicht eine Überraschung!“ „
Wie wurden denn die Hochzeiten gefeiert?“ „Wenn bei uns am Unterend Hochzeit war, ging ein langer Zug zu
Fuß vom Unterend bis zur Kirche.“ Ich bin erstaunt. „Nicht mit Kutschen?“ „So prachtvolle Kutschen gab es nur
bei den hohen Herren, sonst war das nicht üblich. Ansonsten hatten es aber die reichen Mädchen schwerer. Die
mussten immer auf dem Feld und dem Hof arbeiten. Sie konnten nicht Feierabend machen wie die Aushilfen, die
es da besser hatten.“
„Wie habt Ihr Weihnachten gefeiert? Was habt Ihr in der Adventszeit gemacht?“ „Bei uns wurde viel vom
Christkind geredet, vom Weihnachtsmann hat man gar nichts gehört. Das Christkind ist weiß wie ein Engel, hat
man gesagt. Tannenbäume gab es bei uns nicht. Die wurden von Siebenbürgen geholt. Wir konnten uns nur
einen kleinen leisten, der auf der Truhe oder auf einem Stuhl im Wohnzimmer stand. Daran hing
Selbstgemachtes wie Plätzchen, Strohsterne oder Watte. Christbaumkugeln kannten wir nicht. Brennende
Kerzen waren auch noch im Baum. Einen Adventskalender hatten wir nicht. Wir haben Zucker gebräunt und
Sahne darüber gegossen, was wir dann viereckig geschnitten haben. Das waren dann Bonbons. Es war alles
viel feierlicher als heute. Wir hatten ja auch nicht so viel. Über ein kleines Tannenzweiglein konnten wir uns so
drüber freuen. Das ganze Jahr über hatten wir ja keine Tanne gesehen. In der Vorweihnachtszeit hatten wir auch
keine Lichter oder Kerzen, wir haben einfach nur Weihnachtslieder gesungen. Überhaupt wurde viel gesungen.
Radio war ja keins da.“
„Wie verlief der Heiligabend?“ „Wir haben gegessen. Die Eltern taten ganz geheimnisvoll. Meist am
Spätnachmittag sind die Eltern in die Kirche gegangen. Für uns Kinder war das zu weit, wir sind zu Hause
geblieben. Sie waren früh zurück und haben es dann aber doch irgendwie auch geschafft, heimlich den Baum
aufzustellen und zu schmücken. Dann hieß es: „Das Christkind ist gerade gegangen!“ Wenn wir dann in das
Wohnzimmer kamen und den hell erleuchteten Baum gesehen haben, wurden wir ganz andächtig. Das war
schon ein ganz feierlicher Moment. Erst wurde gesungen und danach hat jedes Kind ein Gedicht aufgesagt.
Unter dem Baum lagen die Geschenke. Das waren aber nicht so viel wie heute. Man bekam hauptsächlich
praktische Sachen: gestrickte Socken, ein Heft, Griffel, ein neues Spiel, ein Kleid war schon etwas Besonderes.
Die Puppe, die einige Wochen vor Weihnachten verschwunden war, hatte neue Anziehsachen bekommen.
Anschließend haben wir gespielt entweder mit einem neuen Spiel oder Mensch ärgere Dich nicht. Wir hatten ja
auch viele Walnüsse von den Walnussbäumen, die es überall gab. Es standen auch drei große Walnussbäume
gleich vor unserer Mauer, sodass wir immer Nüsse hatten. Damit ließ es sich auch gut spielen. Auf die Erde
wurden sechs bis zehn Nüsse in einer Reihe und in bestimmtem Abstand zueinander hingelegt. Mit einer
anderen Nuss kullerte man daran. Was aus dieser sagen wir mal Mauer herauskullerte, durfte man behalten. Ich
war meistens die Beste, weil ich die Größte war. Die Kleinen heulten dann, weil sie auch Nüsse haben wollten.“
„Wie habt Ihr Sylvester gefeiert?“ „Och, das war nichts Besonderes. Wir durften halt bis Mitternacht aufbleiben
und das neue Jahr begrüßen. Raketen hatten wir nicht. Einige Jungs haben selbst Knaller gebastelt, trotzdem es
verboten war. Sie haben Pulver in Rohren gehabt, hinten haben sie den Stöpsel rausgezogen und es gegen die
Wand geknallt und dann gab es einen Knall. Es ist auch viel dabei passiert.“
„Kanntet Ihr auch den Nikolaus?“ „Nikolaus weniger. Die jungen Burschen haben sich als Beelzebub verkleidet.
Sie gingen von Hof zu Hof, wobei sie schauerlich mit ihren Glocken klingelten und mit Ketten rasselten. Damit
schüchterten sie die Kinder ein.“
„Und Ostern?“ „Ungefähr vierzehn Tage vor Ostern haben wir Gerste in einen tiefen Teller gesät. Ostern war die
Gerste etwa 10 cm hoch und man legte die bunten Eier auf den Tellerrand. Da gab es selbst gefärbte Eier. Den
Osterhasen selbst haben wir nie gesehen.“ Dabei lacht Omi schelmisch. „Mit Zwiebelschalen wurden braune
Eier gefärbt. Schon weit vorher haben wir Zwiebelschalen gesammelt. Blümchen wurden auf die Eier geklebt
oder sie wurden mit einem Band umwickelt. Nach dem Färben waren die Eier gestreift. Es wurden auch Namen
drauf geklebt. Die Mutter sagte meistens: „Och, guckt mal, der Osterhase war schon hier. Da ist der Sack mit
dem Fleck.“ Also mit dem Fleck vom Eierfärben. Die Nester wurden versteckt.“ „Draußen auf dem Hof?“ „Nein,
um Gottes willen. Drinnen haben wir gesucht. Noch als ich zwanzig war, habe ich mein Nest gesucht. Das weiß
ich noch. Alle Anderen hatten schon ihre Nester, nur ich hatte meins noch nicht. Es war unmöglich zu finden. Vor
Wut habe ich in der Ecke geheult. Da meinte Vater: „Guck mal im Backofen!“ Schokolade und Schnuckersachen
lagen nicht in den Nestern so wie heute. Es lagen halt die gefärbten Eier drin.
Am Gründonnerstag haben wir Jugendlichen uns freiwillig gemeldet zum Gräberpflegen auf dem Friedhof. Die
Gräber, um die sich niemand gekümmert hat, wurden dann schön gemacht.“
„Kannst Du Dich noch an Deine Konfirmation erinnern?“ „Oh ja, damals oder bei uns auf jeden Fall ging man zur
Konfirmation in weiß und zur Kommunion schwarz. Heute ist es genau
umgekehrt. An der Schule haben wir uns aufgestellt und sind von da aus zur
Kirche gegangen zum Gottesdienst und zur Einsegnung. Anschließend sind
wir nach Hause gegangen. Die Nachbarn kamen zum Kaffee, sonst gab es
kein Fest. Ich bekam ein besonderes Geschenk zu meiner Konfirmation. Als
wir nach Hause kamen, lag unsere Katze Muschi mitten auf meinem guten
Federbett. Sie hatte ihre Jungen dahin gebracht. Alles bis auf die Federn war
mit Blut beschmutzt. Wir mussten alles wegschmeißen. Mutter hatte vorher
extra in der Scheune ein schönes Nest gemacht. Muschi hat jedes einzelne
Junge am Nackenfell in die Wohnung getragen. Sie haben dann hinter einer
Tür ein Nest bekommen und durften in der Wohnung bleiben. Sonst habe ich
noch silberne Ohrringe mit blauen Steinchen von Mutter bekommen und eine
Goldkette mit Kreuz.“
„Wie wurden die Geburtstage gefeiert?“ „Ganz einfach mit Kaffee und
Kuchen, auch da haben wir kein großartiges Fest veranstaltet.“
„Hattet Ihr eine Zeitung und einen Postboten bei Euch, fällt mir mal gerade
so ein?“ „Meine Eltern hatten keine Zeitung, die regelmäßig kam trotz der
großen Druckerei bei uns. Ab und zu kam mal ein Postbote und schon mal Mitteilungsblätter von der Kanzlei
also vom Amt. Meist ging Einer mit der Glocke auf die Straße und rief: „Bekanntmachung!“ Dann liefen alle raus
und Einer erzählte es dem Anderen weiter. Wir bekamen aber kaum amtliche Briefe, die von Einem persönlich
überbracht wurden wie z.B. als wir den Antrag auf Rückwanderung gestellt
haben und wir Bescheid bekamen.“
„Wie war das mit der Rückwanderung? Wieso wolltet Ihr zurück nach
Deutschland?“ „Das war so: nach ungefähr zehn Jahren musste man sich
entscheiden, ob man die rumänische Staatsangehörigkeit annehmen wollte.
Das wollte Vater aber nicht und so war er staatenlos und auch die ganze
Familie ich auch. Erst als wir nach Deutschland kamen, wurden wir wieder
deutsche Staatsangehörige. Für Vater wirkte sich das auf seine Arbeit aus. Er
behielt zwar die gleiche Arbeit, hatte aber auf einmal nichts mehr zu sagen. Er
bekam alle Befehle von oben. Es wurde bekannt gegeben, dass die
Möglichkeit auf eine Rückwanderung nach Deutschland bestand, wenn man
vor nicht allzu langer Zeit erst nach Rumänien gegangen war. So hat Vater
auch einen Antrag stellen können. Mutter und ich waren todtraurig. Sie hat
auch geweint. Nur Vater hat sich gefreut. Die Kleinen wussten noch nicht viel
darüber. Im Oktober 1938 sind wir dann „Heim ins Reich“, so hieß das ja, mit
noch drei weiteren Familien. Eine Familie kam noch aus unserem Dorf. Wir
durften nur eine bestimmte Menge mitnehmen, alles andere mussten wir
zurück lassen. Unsere Federbetten nahmen wir in Säcken mit, die oben zugenäht wurden. Jeder nahm einen
Koffer mit und im Ganzen hatten wir drei Säcke. Von der Nachbarschaft haben wir uns verabschiedet, aber der
schlimmste Abschied war vom Verein. Unsere Gaujungführerin war extra gekommen und der Gaujungführer
Christian Fies, der vor ein paar Jahren in Stuttgart gestorben ist, war auch anwesend. Alle Mitglieder sind im
großen Saal zusammengekommen. Auf der einen Seite waren die Jungs angetreten auf der anderen Seite die
Mädchen. Irma Heies Familie sollte auch mit nach Deutschland kommen, sodass sie mit ihrem Bruder auch
verabschiedet worden ist. Es wurden Reden gehalten und wir haben das „BDJ“ – also Bund deutscher Jugend
hieß es bei uns – Abzeichen bekommen. Sonst bekam man es eigentlich nur für besondere Verdienste. Wir sind
die Reihe entlang gegangen und haben uns von jedem mit Handschlag verabschiedet. Ach, ich war nur am
Heulen. Abends gab es noch eine Tanzveranstaltung. Zu Hause habe ich noch ein Ständchen von den Jungs
und Mädchen bekommen, die mich begleitet haben: „Morgen muss ich fort von hier...“ Ich dachte, mein Herz
bleibt stehen, so traurig war ich. Ganz spät noch, als wir schon alle zu Bett gegangen waren, haben noch drei
Jungs vor dem Fenster mit Gitarrenbegleitung ein Lied gesungen. Ehe ich nach draußen kam, waren sie aber
schon weg. Ich weiß nicht, wer es gewesen ist...“ Auch heute noch sieht Omi ganz deprimiert aus.
„Wie seid Ihr dann gefahren?“ „Wir sind nach Beresin mit dem Pferdewagen von Almas Hof gefahren. In Tarutino
gab es keinen Bahnhof. Lehrer Bogner, mein Lieblingslehrer, hat uns zum Abschied begleitet. Alle Kinder waren
völlig aufgelöst und er hat uns getröstet. In Beresin sind unsere beiden Familien aus Tarutino noch mit zwei
weiteren Familien zusammengetroffen. Drei Tage und Nächte waren wir
mit dem Zug unterwegs. Wir hatten einen ganzen Waggon für uns alle
und jede Familie ihr eigenes Abteil. Der Waggon wurde immer hin- und
herrangiert bis nach Berlin, sodass wir gar nicht umsteigen brauchten.
Jeder hatte eine Umsiedlungskarte umgehängt. Im Reich zu sein war für
uns etwas ganz Besonderes. Wir wurden von Rote Kreuz- Schwestern
empfangen, unsere Sachen wurden uns getragen. Die ganze Reise war
durchorganisiert. In einem großen Saal wurden wir herzlich willkommen
geheißen. Reden wurden geschwungen und der Älteste unserer Gruppe
hielt ebenfalls eine Rede stellvertretend für uns Bessarabier. Er sagte,
dass wir glücklich seien, dass wir gut in Deutschland angekommen sind.
Gerade marschierte eine Parade durch die Straße also nicht uns zu Ehren sondern einfach so. Alle liefen wir
raus auf die Straße. Soldaten marschierten zu Marschmusik mit erhobenem Arm vorbei. Vielleicht war da ein
Fest? Ich weiß es nicht. Wir haben es als sehr eindrucksvoll empfunden. Abends sind wir auf zwei Busse
aufgeteilt worden. Wir sind nach Pommern gefahren...“
Pommern
„Wir wurden in ein Lager gebracht. Viele Sudetendeutsche befanden sich auch da. Einige Wochen haben wir da
verbracht. Vater ist immer auf eigene Faust losgegangen, weil er es leid war, nur im Lager herumzusitzen. Er
wollte sich Arbeit beschaffen. Die hat er auch gefunden. So kam unsere ganze Familie auf das Gut Hanswalde.
Wir bekamen eine schöne, große Wohnung zugeteilt. Unten gab es drei große Räume und oben zwei Zimmer.
Selbst hatten wir ja nichts mitgebracht, aber ein schöner, großer Kachelofen stand im Wohnzimmer. Ein paar
Tage später holten Leute aus Rummelsburg die Eltern ab. Wir bekamen einfache Betten aus Metall. Anfangs
lagen wir auf Strohsäcken anstatt auf Matratzen. In der Mitte war ein Schlitz, da wurde das Stroh hineingestopft.
Darüber kamen eine Decke und ein Laken. Alle Möbel wurden uns zugestellt. Kaufen brauchten wir uns nichts.
Nach und nach konnten wir sie durch bessere Möbel austauschen. Das Nötigste für den Haushalt bekamen wir
vom Staat. Die Sachen waren einfach aber neu. Gardinen hatten wir keine vor den Fenstern. Anfangs waren die
Leute neugierig. Sie gingen immer wieder vor unserem Haus auf und ab und glotzten rein. Mutter hat dann über
dem Fenster zwei Nägel reingehauen und Bettlaken darüber gehängt.“
„Du hast erzählt, dass Du in Pommern krank geworden bist vor Heimweh...“ „Ja das stimmt. Gleich am Anfang
die düsteren Monate November/Dezember, als wir da waren, das war schon
deprimierend. Man kam nirgendwo hin. Überall hat man nur dasselbe gesehen. Da
waren die zwei Zimmer auf dem Dachboden. Ich stand oft oben am Fenster und habe
hinausgesehen. So weit man sehen konnte: nur Tannen, Tannen, Tannen... Ich wollte
lieber in Tarutino sein und gar keinen Tannenbaum sehen. Ich war es so leid. Obwohl
wir uns in Bessarbien über ein kleines Tannenzweiglein gefreut hatten. Ich habe so
geheult und hatte solche Sehnsucht nach Hause. Ich hatte zwar die Familie, aber da
war kein Mensch, mit dem ich etwas machen konnte. Ich habe nur noch geheult und
nichts mehr gegessen. Also hat Vater den Arzt geholt. Der sagte, dass ich eine
seelische Erkrankung hätte nämlich Heimweh. Mutter ist dann mit mir in die Stadt
gegangen zur BDM – also Bund deutscher Mädchen – Gruppenleiterin. Die hat sich
gefreut und ich sollte da in diese Gruppe kommen. Ich bin einmal abends dahin und
habe mir das angehört. Ich durfte auch von Tarutino erzählen. Vorher hat man immer
gedacht: Wunder, was das wäre „Heim ins Reich“ und die deutschen Mädchen
würden sich nicht schminken und dies und das... Und dann kommst Du dahin und
dann stimmt das gar nicht und von ihrem Benehmen her... Das hat mir da nicht gefallen und deshalb bin ich
dann auch nicht mehr dahin gegangen.
Wie die auch in Pommern gesprochen haben! Da konnten wir im Ausland besser deutsch reden als im Reich
selber. Mein Gott, was haben sie die Wörter verdreht. Wir haben uns vielleicht angeguckt und dachten: Wie
sprechen die denn hier? Das hat sich in etwa so angehört: „Kommst Du mit mit mich?“ Ab dem 1.Januar 1939
haben wir auf dem Gut gearbeitet. Das war so bei allen Leuten in Hanswalde, dass die ganze Familie auf dem
Gut geholfen hat außer den Frauen. Die haben nur bei der Kartoffelernte und beim Garbenbinden im Sommer
geholfen stundenweise so wie sie Zeit hatten. Emmi und ich bekamen etwas Geld, Vater hat kaum Geld
bekommen. Statt dessen hatte er ein paar Hühner, eine Kuh und zwei Schweinchen, Unterkunft und Holz zur
Selbstversorgung. Das nannte sich „Deputat“, weniger Geld aber alles so, was man zum Leben braucht. Im April
ist dann Alma von Tarutino gekommen. Sie sollte in Kiel eine Hebammenschule besuchen, weil das in Tarutino
nicht möglich war. Die Stelle war aber noch besetzt und so hat sie ein halbes Jahr bei uns gewohnt, damit sie
nicht noch einmal nach Bessarabien zurück brauchte. Wir haben uns alle gefreut. Wir haben ja alle gearbeitet
und kamen nur mittags zum Essen nach Hause. Alma und Mutter haben viel zusammen gemacht. Sie war wie
ein eigenes Kind. Wenn wir Heimweh hatten, haben wir uns an den See gesetzt und Lieder von zu Hause
gesungen.
Als Alma ging, war der Abschied schwer. Allerdings wusste man, dass sie in Kiel nicht so weit weg sein würde.
Die Mädchen mit denen ich zusammen gearbeitet habe auf dem
Hof, waren sehr einfach und wussten nicht viel. Sie haben richtig
zu mir aufgesehen. Denen konnte ich viel beibringen wie
Basteleien. Wir waren immer so sieben Mädchen und Fränzchen
war immer dazwischen. Er und sein Bruder haben auch auf dem
Gut gearbeitet, ansonsten waren alle Jungs im ganzen Dorf beim
Militär. Fränzchen war drei Jahre jünger als ich. Er hatte viel
Blödsinn im Kopf. Wir haben mit ihm Äpfel geklaut und lauter
solche Sachen. Im Dorf war ein sehr stilles Mädchen, die Gretel.
Die war aber nicht doof. Sie war vielleicht ein Jahr älter als ich.
Fränzchen hat sie oft geärgert. Wenn sie alleine losgegangen ist
zum Dorf, hat er sich im Chausseegraben versteckt mit einem
Bettlaken umgehängt. Dann sprang er immer um sie herum noch
mit laut klappernden Holzpantinen. „Huhu!“ hat er dabei gemacht.
Sie sagte gleich: „Fränzchen, lass das sein! Fränzchen, das bist Du doch?“ Gretel wusste gleich, wer das war
und hatte keine Angst. Oder er hat bei ihr an die Tür geklopft und vorher einen Eimer Wasser irgendwie über der
Tür befestigt. Als sie die Türe aufgemacht hat, hat sie einen Schwall Wasser abbekommen. Nur so einen Scheiß
hat er drauf gehabt.
In Hanswalde sind wir oft im Kino gewesen. Sonst hatten wir samstags nichts vor. Jeder kriegte fünfzig Pfennig.
Das reichte gerade für die vordersten Plätze. Wir saßen immer in der ersten Reihe, weil das am Billigsten war.
„Wir sitzen jetzt Rasierplatz!“ haben wir immer gesagt. Einen haben wir immer vorgeschickt. Meist musste
Fränzchen vorauslaufen, um schon mal Karten zu kaufen. So brauchten wir nicht lange zu warten. Da gab es
dann aber schon richtige Filme, keine Stummfilme mehr.“
„Ist das auch in Hanswalde gewesen mit den zwei Zicklein, von denen Du mal erzählt hast?“ „Hänsel und
Gretel? Jaa, das war in Hanswalde. Wir hatten da diese zwei Zicklein, die wir alle sehr mochten. Eines Tages
saßen wir alle nach der Arbeit beim Essen zu Hause. Wir haben uns gewundert: „Fleisch? Heute gibt es
Fleisch?“ Mutter stocherte auffallend im Essen herum. Da fiel Einem von uns ein: „Vielleicht ist das von Hänsel
und Gretel?“ Alle liefen wir raus in den Stall. Der war leer. Vater hatte ein Zicklein verkauft, das andere
geschlachtet. Keiner hat mehr gegessen, Vater durfte allein weiter essen. Den Rest des Fleisches hat Mutter
verschenkt. Eine andere Geschichte fällt mir da ein: Der Kaninchenstall stand genau draußen unter meinem
Fenster. Ganz früh morgens hörte ich die Kaninchen fürchterlich quieken. Ich bin zum Fenster hin. Da sah ich,
wie die Katze da im Stall zugange war. Sie ist durch ein Loch hineingelangt. Ich bin gleich raus aus dem Zimmer
raus im Nachthemd, musste aber durch das Elternschlafzimmer durch. Da konnte ich am schnellsten aus dem
Haus herauskommen. Dabei habe ich die ganze Zeit gerufen: „Die bringe ich um! Die bringe ich um!“ Als ich raus
kam und auf den Stall zugestürzt bin, hat die Katze sich so erschrocken. Sie hat einen Satz gemacht durch das
Loch. Dabei hat sie sich vom Fell ausgerissen und beinahe den Zaun mit abgerissen. Ein Kaninchen war ein
bisschen verletzt, was aber schnell verheilt ist. Ich habe mich umgedreht und wollte wieder ins Haus zurück. Da
stand die ganze Familie im Nachthemd hinter mir. Sie wollten wissen, wen ich umbringen wollte... Oh, da fällt mir
doch gleich noch etwas von Hanswalde ein, wo ich gerade von Nachthemd rede...
Oben an den Fenstern war ein Kreuz als Oberlicht. Das hatten wir oft auf. Um es zuzumachen, musste man auf
das breite Fensterbrett steigen. Eines Nachts war ein Gewitter. Ich wollte bei meinen Eltern im Zimmer oben das
kleine Fenster zumachen. Dazu bin ich in meinem Nachthemd auf die Fensterbank gestiegen. In dem Moment
erhellt ein Blitz den ganzen Raum. Mutter wird wach und sieht nur eine dunkle Gestalt im Fenster. Sie schreit
sofort: „Arthur! Adolf! Einbrecher!“ Ich wollte nicht, dass die ganze Familie wach gemacht wird. Darum habe ich
immer „Scht! Scht!“ gemacht die ganze Zeit. Es hat aber trotzdem noch eine ganze Zeit gedauert, ehe Mutter
gemerkt hat, dass ich es war und sich wieder beruhigt hat.“ Omi lachte und strahlte dazu über beide Backen bei
dem Gedanken daran. „Wieso seid Ihr dann umgezogen?“ „Ja, das war so: In Hanswalde musste Vater alle
Arbeiten auf dem Gut verrichten. Das passte ihm nicht so. Hinzu kam sein Unfall. Es passierte beim
Heuaufladen auf einen Leiterwagen. Er stand oben und hat das Heu entgegen genommen, das ihm jemand von
unten angereicht hat. Wenn der Wagen beladen ist, kommt dann von vorne bis hinten in der Mitte ein
Baumstamm - ein Balken - drauf und wird unten festgezurrt. Vater stand gerade ganz hinten oben drauf auf dem
Heu, als ein Reh aus dem Wald kam. Die Pferde scheuten und Vater fiel vom Wagen herunter. Dabei hat er sich
den Rücken wehgetan und wollte sich aufgrund dessen eine leichtere Arbeit suchen. Und so kamen wir nach
Gewiesen, das aber genau wie Hanswalde zu Rummelsburg gehört...
1941 sind wir nach Gewiesen gezogen, wo Vater auch bei Bauern gearbeitet hat. Er hat aber auch im Wald
Bäume gepflanzt und geschnitten. In dem kleinen Ort hatten wir eine Wohnung in einem Zweifamilienhaus, so
wie es oft üblich war. Jeder hatte seinen eigenen Eingang. Links unten war die große Küche, daneben lag ein
Schlafzimmer. Geradeaus vom Flur war das Wohnzimmer und rechts hoch führte eine Treppe rauf. Unter der
Dachschräge lagen zwei Zimmer und eine Räucherkammer. Darin wurden die Würste und das Fleisch nach dem
Schlachten geräuchert. Gänsebrust fand ich besonders lecker. Hmm...Wir hatten ja Essensmarken, weil Krieg
war. Jeder musste sich das Essen einteilen. Wer selber geschlachtet hat, musste angeben wie viel. Man durfte ja
nicht schlachten, so viel man wollte. Es kam immer ein Viehzähler vom Amt, der die Anzahl der Gänse und
Enten und überhaupt des Viehs kontrollierte. Es war nur so, dass er die Tiere gar nicht richtig zählen konnte. Die
hielten ja nicht still und stellten sich vor ihm in einer Reihe auf. Also haben die Leute immer weniger angegeben
als sie eigentlich hatten. Wenn z.B. ein Kontrolleur vom Amt auf Riecks Hof kam, wo ich später gearbeitet habe,
hat der Riecks ihn reingebeten in die Stube auf einen Schnaps. Der hat nie selber geguckt. Riecks gab immer
selber an und das natürlich weniger.
Der Mensch vom Amt hat nie im Stall nachgesehen. Das wurde alles bei einem Schnaps geklärt. Ich weiß noch –
das wird 1944 gewesen sein – als bei Riecks zwei Schweine geschlachtet wurden, ein großes und ein kleines.
Einer vom Amt kam zum Abschätzen. Da wurde das kleine Schwein rausgehängt und das große in den Stall
gelegt. Wenn der Mann weg war, wurden beide verarbeitet.“
„Hattet Ihr in Pommern schon richtige Toiletten, weil Ihr ja auch Strom hattet?“ „Nein, da waren auch noch diese
Plumpsklos, allerdings war die Toilette in Gewiesen im Stall, aber abgeteilt. Die Tiere durften wir ja mitnehmen
von Hanswalde, da sie inzwischen abbezahlt waren, es waren unsere eigenen. Oben unter dem Dach hat
allerdings nie jemand geschlafen. Emmi und ich waren eigentlich nie gleichzeitig zu Hause. Wir sahen uns nur
Weihnachten und Ostern mal. Ab April`41 waren wir Beide ja dienstverpflichtet. Das erste Mal mussten wir von
zu Hause weg. Ich habe als Landwirtschaftsgehilfin bei Riecks auf dem Hof angefangen, wo ich bis 1945 blieb.
Vater kannte Herrn Riecks auch irgendwie. Das war der größte Bauer auf dem Stadtfeld, was ca. drei Kilometer
von Rummelsburg entfernt lag. Eigentlich gehörte Stadtfeld zu Georgendorf. Das war zwar groß. Es gab aber
nur wenige Häuser, die alle sehr weit verstreut lagen. Nach Gewiesen zu meinen Eltern waren es sechs oder
sieben Kilometer. Immer wenn ich frei hatte, bin ich mit meinem Fahrrad nach Hause gefahren. Ich hatte schon
in Hanswalde ein eigenes Fahrrad als Einzige in der Familie bekommen, weil nur ich Rad fahren konnte. Sonst
hatten fast alle am Ort schon ein eigenes Rad. Ich bin dann nach der Hofarbeit in Hanswalde immer nach
Rummelsburg die drei Kilometer gefahren zum Einkaufen. Lilli (die kleinste Schwester) wollte auch Fahrrad
fahren lernen. Immer wenn sie umgekippt ist, hatte ich Angst, es könnten Schrammen an mein Rad kommen.“
„Wie oft hast Du denn frei gehabt bei Riecks?“ „Alle vierzehn Tage oder drei Wochen konnte ich nach Hause. Es
kam darauf an, wie viel Arbeit da war, ob Erntesaison war. Wir waren drei
Mädchen auf einem Zimmer. Wir drei haben uns immer abgewechselt.
Samstag nachmittags war frei und sonntags.“
„Wie hieß noch mal der Hofhund bei Riecks?“ „Lumpi. Das war unser
Lumpi. Das war so ein kleinerer Hund mit kurzem, braunen Fell. Er lief
immer frei herum und fegte zwischen die Hühner und Enten. Man
brauchte nur rufen: „Lumpi, hol sie rum!“, dann fegte er los, dass die
Federn flogen. Abends mussten die Enten und Gänse von dem Teich
herunter geholt werden. Da musste man zu zweit von jeder Seite
kommen, sonst war es unmöglich, sie herunterzubekommen. Jaaa, der
Lumpi. Der ist hinterher überfahren worden von einem Militärauto. Er
kannte ja keine Autos und ist darauf zugesprungen, weil er die Gefahr
nicht kannte. Da war es zu spät...
Bei uns in Gewiesen gab es nur das Postauto, wo mal eventuell Einer
oder Zwei mitkonnten, wenn man krank war. Sonst musste man sich ein
Fahrzeug auf dem Gut leihen oder der Landarzt musste kommen.
Wenn ich nach Hause kam im Sommer, warteten Lillis Klassenkameradinnen schon am Dorfrand auf mich. Ich
habe nämlich immer mit ihnen Volkstänze eingeübt. Das kannten die da gar nicht. Der Lehrer war mir sehr
dankbar dafür. An Muttertag wurden die Tänze vor dem ganzen Dorf aufgeführt. Nun ja, es waren ja nicht so
viele Leute. Unser ganzer Hof war voll kleiner Kinder, mit denen ich herumgetanzt habe. Mutter meinte immer:
„Ach, Else, Du wirst nie erwachsen!“ Na ja, teilweise stimmt das ja. Omi Else hat es heute 2005 mit 85 Jahren
immer noch faustdick hinter den Ohren... „Zu meinem Geburtstag kamen alle mit Feldblumensträußen an“,
erinnert Omi sich. „Sämtliche Gläser, Töpfe und Tassen, also hauptsächlich Einmachgläser waren voll mit
Sträußen. Vasen haben wir ja keine gehabt. Alle Tische und Fensterbänke standen voll.“
„Neulich habe ich erst einmal erfahren, dass Du ja damals in Pommern verlobt warst. Erzähl` doch mal davon!“,
fordere ich sie auf. „Ja, der Verlobungstag war schon interessant. Er hatte Urlaub gekriegt, er war ja Soldat. In
Rummelsburg wohnte er. Seine Schwester Lieschen war meine Freundin. Die kleinste Schwester von ihm, Erika,
kannte ich auch, ansonsten waren alles seine Geschwister schon verheiratet und außer Haus. Die kannte ich gar
nicht.“
„Wie hieß er denn eigentlich?“, frage ich dazwischen. „Erwin W.. Ich habe noch ein Foto von ihm. Das kann ich
Dir mal zeigen. Ich war also bei ihm und habe mich schon gewundert: „Oh, die machen heute aber groß
Essen...“ Wir Beiden sind dann runter in den Garten gegangen– die wohnten in der ersten Etage. Bei Christel
Thiel haben wir noch vorbei geschaut. Das war das Pflichtjahrmädchen bei Riecks, also eine Arbeitskollegin von
mir. Anschließend haben wir alleine bei ihm im Garten gesessen und von den Erbsenschoten gegessen. Er hat
nichts gesagt, nur meine Hand genommen. Ich hatte so einen Silberring um mit einem blauen Stein, den ich von
Mutter bekommen hatte. Wie er so mit meiner Hand herumspielte, streifte er noch einen zweiten Ring über. Ich
habe es aber gemerkt, weil der Ring wohl kälter war als der, den ich schon am Finger trug. Also habe ich
geguckt, dann hat er mir einen Kuss gegeben. Tja, und so waren wir verlobt. Wir sind dann hoch zu ihm
gegangen. Da wussten schon alle Bescheid und haben gratuliert. Es wurde gegessen und am anderen Tag
brachte er mich mit dem Fahrrad bis zu Riecks. Drei Tage später hat er einen Stellungsbefehl erhalten und
musste sofort zu seiner Einheit zurück. Er musste seinen Urlaub abbrechen und kam dann in den Osten nach
Russland.
Am nächsten Sonntag bin ich erst wieder nach Hause zu meinen Eltern gekommen und habe
ihnen von der Verlobung erzählt. Die waren erst einmal knatschig. Sie konnten nicht glauben,
dass ich vorher nichts davon gewusst habe und waren beleidigt, dass sie nicht dabei gewesen
waren. Am 16. August 1942 war übrigens die Verlobung.“
„Wie war denn das noch einmal mit dem Soldaten, den Du getroffen und an der Nase herumgeführt hast?“ Omi
gluckst vor Lachen. „Och, nun ja... Riecks haben ab und zu mal aus dem Lazarett einen oder zwei Soldaten
geholt. Die bekamen den ganzen Tag Ausgang, wurden morgens abgeholt und abends wieder mit dem
Pferdewagen zurückgebracht. Sie wurden wie Gäste verpflegt. Da war Einer dabei, der auch in Rummelsburg
gewohnt hat. Ich wusste das aber nicht und habe ihm gesagt, dass ich `Annemarie` heiße. Das habe ich ja oft
gemacht, wenn ich nicht meinen richtigen Namen angeben wollte. Das war aber ein Arbeitskollege von der Erika,
die jüngste Schwester meines Verlobten. Sie haben zusammen in einer Fabrik gearbeitet. Er erzählte ihr: „Oh,
da war ich auf dem Stadtfeld und habe ein toftes Mädchen getroffen, die Annemarie. Die würde ich gerne näher
kennen lernen.“ Erika wusste gleich, dass nur ich gemeint sein konnte und sagte zu ihm: „Du, von der lass mal
Deine Finger. Die wird mal meine Schwägerin!“ Omi amüsiert sich heute noch köstlich. „Da ist mir noch einmal
so etwas passiert, als ich den falschen Namen angegeben habe. In Rummelsburg war Manöverball, eine
öffentliche Tanzveranstaltung. Jeder konnte da hingehen. Alle Mädchen waren da, unsere Räder haben wir
außerhalb abgestellt. Ich habe mit einem Soldaten getanzt. Der wollte nun wissen, wie ich denn heiße?
„Annemarie!“ Und wo ich wohne? „Rummelsburg!“ Wo in Rummelsburg? Ich habe die Adresse der Christel Thiel
angegeben. Ein oder zwei Tage später tauchte er tatsächlich dort auf und fragte nach Annemarie. Die Christel
war gerade zu Hause und wusste gleich, wer gemeint war. Sie gab zu, dass sie eine Annemarie kennt, sagte ihm
aber nicht, wo er mich finden könnte. Tjaaa, mit dem falschen Namen konnte es manchmal ganz schön brenzlig
werden...“
„Wie habt Ihr eigentlich den Ausbruch des Krieges erlebt?“ „Unser Radio funktionierte nicht richtig. Das war zu
klein, dass der Empfang sehr schlecht war. Abends waren wir oft draußen vor der Haustür versammelt. Unsere
Nachbarn waren aus Polen, wohnten aber schon lang in Deutschland. Die haben im Radio davon gehört und so
bekamen wir es mit. Wir waren alle geschockt. Polen war ja nicht so weit von uns weg. Die Situation war nur so
komisch, als die Nachbarin verzweifelt versuchte, die polnischen Nachrichten mit zu verfolgen. Es war ja
verboten, den polnischen Sender zu hören, also kroch sie bald da ins Radio hinein. Ihr kleiner Sohn machte
dabei aber ständig Lärm und quatschte andauernd dazwischen, sodass sie nicht alles mitbekam. So kam es zu
dem berühmten Spruch, den Du bestimmt auch schon oft gehört hast, weil uns der immer bei Gelegenheit
wieder einfällt. Ihr platzte nämlich der Kragen und sie fuhr ihren Jungen an: „Sei sich doch still, du dummer
Bengli du! Will sich doch hören, was sagt sich die Warschau!“ Bei allem Ernst mussten wir dabei doch lachen.
Wir haben natürlich immer gespannt die Kriegsberichte verfolgt. Man hörte ja nur immer Gutes. Die sind da
einmarschiert und da rein...“
Flucht
„Im Frühjahr 1945 wie die rote Armee immer näher kam, haben wir uns schon auf die Flucht vorbereitet. Meine
Arbeitskollegin, Gertrud Koggel hieß die, sollte zu ihren Eltern nach Köslin gehen. Das lag einige Kilometer
nördlich von Rummelsburg direkt an der Ostseeküste. Bis dahin, hat man damals gesagt, würde der Russe nicht
kommen. Tja, der Gertrud habe ich deshalb auch mein Fotoalbum mitgegeben zum Verwahren. Wir konnten ja
nicht ahnen, dass sich bald der ganze Osten auf der Flucht befinden würde. Ich habe nie wieder etwas von ihr
gehört und mein Album mit den ganzen Kinderfotos noch von Tarutino habe ich auch nie wieder gesehen...
Überhaupt haben wir gedacht, wir würden wieder nach Hause zurückkommen. Wir dachten, der Adolf wollte da
alles frei haben und uns da rausholen, um die Russen besser zurücktreiben zu können, ohne dass den Leuten
etwas passiert.“
„Wie habt Ihr Euch denn auf die Flucht vorbereitet?“ „Ich hatte nur einen Rucksack mit extra breiten, gefütterten
Riemen. Am Anfang war er noch voll, hinterher war noch eine Zahnbürste darin. Die konnte ich aber nicht
benutzen, da ich kein Wasser hatte. Dann hatte ich nur noch einen Brustbeutel mit ein paar Bildern und Papieren
wie mein Ausweis, meine Umsiedlungskarte, Einbürgerungsurkunde und meine Konfirmationsurkunde. Wenn ich
eine Pause gemacht und den Rucksack abgenommen habe, hatte ich trotzdem noch das Gefühl, ich trüge ihn
noch auf dem Buckel. Jeder Hof hat einen Planwagen beladen mit dem Nötigsten und natürlich mit Essen. Die
einzelnen Gehöfte, die in der Nähe von Riecks Hof lagen, haben sich zusammengetan. Mit der ganzen Familie
und allen, die zum Hof gehörten, ging es dann in den Wald zum Forsthaus. Die Pferde wurden im Stall
untergebracht. Die Leute haben wie die Heringe eng aneinander in den Räumen im Forsthaus auf Stroh auf dem
Boden gelegen. Ständig kamen russische Tiefflieger von der nahegelegenen Front. Selbst einzelne Leute auf
den Feldern sind beschossen worden. Wenn es gerade mal ruhig war, ist jemand schnell losgelaufen, um die
Tiere auf dem Hof zu versorgen und mehr Vorräte zu holen. Anschließend hat man gesehen, dass man schnell
zurück in den Wald kam. So haben wir ca. eine Woche verbracht. Die Lage wurde immer brenzliger. Eines
nachts kamen zwei Soldaten. Die hatten den Auftrag, unsere Gruppe herauszuholen aus dem Wald und auf die
Straße Richtung Lauenburg und Stolp zu führen. Insgesamt waren es sieben Wagen. Ehe die in Gang gesetzt
werden konnten.... Es war eine einzige Katastrophe! Es war überall verschneit. Man konnte den Weg nicht
sehen. Beim Anrucken riss hier ein Strang, da brach ein Schwengel. Alle waren aufgeregt. Die Pferde waren
unruhig, die Kinder weinten. Sie hatten ja gerade geschlafen und sind hochgerissen worden. Die ganze Nacht
hindurch wurde gefahren. Am Tage haben wir uns im Wald vor den Tieffliegern versteckt. Mit den Wagen haben
wir Schutz gesucht. In der zweiten Nacht ist ein Pferd bei einer Steigung gefallen und hat sich ein Bein
gebrochen. Es wurde erschossen. Auf den bis oben hin voll bepackten Wagen durften nur die Kinder mitfahren.
Alle Anderen mussten die ganze Strecke laufen. Wir kamen durch kleinste Dörfer bis Lauenburg. Unterwegs
bekamen wir von den Bewohnern so viel zu essen. Sie brachten Eingemachtes und Fleisch. Sie mussten ja auch
bald weg, sonst wäre das ganze Essen ja verdorben. An den Straßenrändern standen zugebundene Zinkeimer.
Darin lagen Würste, die in Schmalz gebraten worden sind. Ab Januar durfte man wieder so viel schlachten, wie
man wollte. Keiner kontrollierte mehr. Wir haben die Würste mitgenommen. In Stolp waren die Russen schon vor
uns angekommen, also sind wir weiter Richtung Lauenburg marschiert. Aber noch vor Lauenburg kamen viele
Tiefflieger und haben uns beschossen.
Die Sirenen heulten Alarm. Die Straßen waren voller Flüchtlinge. Alles lief von den Wagen weg. Überall war mit
Pfeilen markiert, wo sich die Eingänge zu den Luftschutzkellern befanden. Man ist einfach irgendwo rein. Als
Entwarnung gegeben wurde, kam ich wieder raus aus dem Keller. Ich war mit Frau Kreft und ihren drei Kindern
zusammen. Sie hat mit mir zusammen bei Riecks gearbeitet. Die einjährige Gisela war mein Patenkind. Wir
haben unseren Wagen nicht mehr gefunden und sind dann allein weiter Richtung Danzig. Das mag jetzt zwar
komisch klingen, dass wir in die falsche Richtung nämlich nach Osten auf die Russen zugingen. Man ist aber
einfach mit der Masse mit gelaufen. Außerdem schien es das Beste zu sein, mit dem Schiff nach Westen zu
kommen vom nächsten Hafen aus und das war nun mal Danzig für uns. Die Kinder waren fix und fertig und alles
war weg. Deshalb wollte Frau Kreft zu Bekannten im übernächsten Ort. Ich bin dann alleine weiter gegangen
und habe mich eine Zeit lang einem Mädchen angeschlossen. Zwischendurch tauchten plötzlich wieder
Tiefflieger auf. Wenn sie hoch fliegen, hört man sie rechtzeitig. Aber wenn sie tief fliegen, tauchen sie blitzschnell
über Einem auf. Es blieb uns da keine Zeit mehr, uns zu verstecken. Die Geschosse kamen schon. Wir mussten
uns platt hinschmeißen, so können sie auch nicht erkenn, wo man sich befindet. Ich habe nur kurz meinen Kopf
heben wollen, da schrie mir schon Einer zu: „Kopf runter!“ Wenn mir heute Einer sagen würde: „Du gehst mit
Blasen an den Füssen weiter...“ Also, neee.... Ich wollte schon aufgeben. Ich dachte, ich kann nicht mehr. Das
war irgendwo bei Anklam. Ich bin gerade mit einer Frau und ihren drei Kindern zusammen gegangen. Ihr Vater,
der in etwa siebzig war, war mit dabei. Der sagte dann zu mir: „Kind, versuch` es, fass hier am Kinderwagen an!“
Er hat mir einen Stock geschnitzt und Lumpen darum gewickelt, in dem er sein Hemd zerriss, damit ich nicht
noch Blasen an den Händen vom Festhalten bekam. Er hat sogar sein Hemd dafür zerrissen. Nachher ist er
sitzen geblieben, weil er nicht mehr weiter konnte. Die Tochter wollte noch bei ihm bleiben. Ich sollte aber weiter
gehen und nicht auf sie warten. Ich glaube nicht, dass er das überlebt hat. Es lagen so viele ältere Menschen tot
am Wegesrand, denen sie ein Tuch übergelegt hatten. Ich bin ganz automatisch weitergegangen. Da waren
immer andere Leute an der Seite. Es interessierte schon gar nicht mehr, wer das war. Schon mal hat man
gefragt, woher man kommt. Kurz vor Demmin – man lief und lief darauf zu – kam jemand von da zurück und
plötzlich hieß es: „Alles wieder zurück! Demmin ist zur Festung erklärt worden!“
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