© by Ani in 2010 Feedback Copyright Links    Impressum      Spendenkonto   Webmail Eine Wanderung im Juni 2011 von Katzbach über Neu-Elft nach Alt-Elft Von meiner Großmutter Christine Stock, geb. Groß aus Katzbach war mir aus Erzählungen bekannt, dass sie einen Onkel und eine Tante in Neu-Elft hatte. Es handelte sich dabei um die Familie Kleinknecht, mit mehreren kleinen Kindern. Sie war während und nach dem ersten Weltkrieg dort als Jugendliche häufiger über einige Tage zu Besuch und passte auf ihre jüngeren Cousins und Cousinen auf. Später, als sie mit Adolf Stock bereits verheiratet war und selbst drei Kinder hatte, fuhren sie mit ihrem Pferdegespann öfter zu Besuch von Katzbach nach Neu-Elft. Ich war nun im Juni 2011 wiederholt in Bessarabien. Dieses Mal konnte ich neben meiner Ehefrau Karin noch meine Schwester Martina mit auf die Reise nehmen. Ani Teubner, Delegierte des Bessarabiendeutschen Vereines, hatte sich uns angeschlossen. Seit meiner ersten Reise spukte mir im Kopf herum, den Weg von Katzbach nach Neu-Elft und von dort weiter bis Alt-Elft auf den Spuren meiner Großeltern zu wandern. Nun war es soweit und wir regelten die erforderlichen Dinge über unsere Wirtin in Tarutino, Frau Swetlana Krug, vom Bessarabischen Haus, in dem wir untergebracht waren. Zunächst wollten wir mit dem Auto von Tarutino nach Katzbach fahren und dort die Wanderung beginnen. Der zuerst kontaktierte Fahrer meinte, dass ihm die Straße nach Katzbach zu schlecht für sein neues Auto sei. Der Zweite hatte angeblich ein defektes Fahrzeug, bis schließlich mit halbstündiger Verspätung ein junger Mann mit einem alten Opel erschien, der seine tatarische Herkunft augenscheinlich nicht verbergen konnte. Nachdem die Reisegesellschaft Platz genommen hatte, versuchte ich mich auf dem Beifahrersitz anzuschnallen. Dies war ein vergebliches Bemühen, denn ein Verschlussgegenstück des Gurtes fehlte komplett und der Blick auf die Straße wurde durch mehrere Sprünge in der Windschutzscheibe eingeschränkt. Dann ging es aber los und wir flogen nur so über die Löcher in der Landstraße in Richtung Alt-Posttal und kurz davor rechtsabbiegend über Vinogradovka, Tschemlek rechter Hand streifend, zunächst bis nach Kuporan. Von dort weiter durch eine sehr schöne, baumbestandene Senke nach Katzbach. Zwei Tage vorher hatten wir diese Strecke bereits mit Fahrrädern bewältigt und dort einige wunderschöne Blauracken gesehen.) Man konnte nun Katzbach von einer Anhöhe aus erkennen und wir näherten uns immer noch in atemberaubendem Tempo, gemessen an der Straßenbeschaffenheit, dem Unterdorf. Im Oberdorf entstiegen wir unserem „Taxi“ an der Kreuzung, die hoch zum Friedhof führt. Dort wurden die unter dem Gestrüpp zum Teil verborgenen Grabsteine inspiziert. Leider sind sehr viele Inschriften nicht mehr lesbar oder sie liegen umgekippt auf der beschriebenen Namensseite. Danach sollte die Wanderung endlich beginnen und wir schritten frohen Mutes auf dem alten Schulweg entlang über die Brücke der Alliaga, an der Kirche und der daneben befindlichen alten Schule vorbei, in der nun ein Einkaufsladen untergebracht ist. Dort deckten wir uns mit den erforderlichen Getränken und Proviant ein, der bereits kurz danach auf einem verlassenen Grundstück im Unterdorf von uns verzehrt wurde. Der unverwechselbare Ruf eines Kuckucks direkt über uns in einem Baum erregte dabei unsere ganze Aufmerksamkeit, bis wir ihn zwischen den Ästen entdecken und ein Foto von ihm geschossen werden konnte. Nach einem kleinen Nickerchen auf der mitgeführten Decke ging es dann aber mit energischen Schritten entlang des Alliagatales in Richtung Neu-Elft. Das Wetter meinte es wirklich gut mit uns, strahlender Sonnenschein, 28 °C bei einem völlig wolkenlosen Himmel. Der Weg zeichnete sich als Fahrspur vor uns ab. Die Erde war auf Grund der Trockenheit mit Rissen durchzogen und wir wanderten immer seitlich des kaum zu erkennenden Bachlaufes in südlicher Richtung. Linker Hand zeigten sich vereinzelte Akazienhaine und rechts der Alliaga begleitete uns stetig ein Schilfgürtel, aus dem fortwährend Vogelstimmen zu vernehmen waren. Die Gegend erwies sich als Eldorado für Ornithologen, denn wir konnten eine Vielzahl von Vögeln beobachten, insbesondere als wir uns einem Stausee näherten, der sich ungefähr bei Streckenhälfte zwischen Katzbach und Neu-Elft ausdehnte. Die Sonne schien zwar erbarmungslos auf uns hernieder, aber durch den kräftig wehenden Steppenwind empfanden wir die Temperatur als angenehm warm und nicht zu heiß. Am Stausee wurde eine kleine Rast eingelegt und vom mitgeführten Wasser getrunken. Dabei beobachteten wir zwei Greifvögel, die in der Luft über uns kreisten. Ich nehme an, dass es sich um Wiesenweihen oder Rohrweihen handelte. Neben uns am Ufer landeten einige gelbgefiederte Singvögel und eine Binnenseeschwalbe segelte unaufhörlich vor uns hin und her. Meine Schwester Martina war von der Vielseitigkeit der Landschaft sehr überrascht und beeindruckt. Hatte sie sich doch vorgestellt, dass die Gegend um Katzbach herum gänzlich eben und nicht so abwechslungsreich mit Hügeln und kleinen Wäldern versehen war. Die Menschen brachten gerade ihr getrocknetes Heu mit vorsintflutlich anmutenden Traktoren oder mit Pferdegespannen ein. Alles wirkte wie aus einer bereits vergangenen Zeit und der Duft des getrockneten Grases wehte uns entgegen. Hier döste ein Pferd, eingespannt vor einem Leiterwagen in der Sonne und dort suchte ein junges Mädchen mit einem kleinen Kind Schutz vor der Mittagssonne unter dem verbeulten Anhänger eines Traktorengespannes. Alles strahlte eine Ruhe und Zufriedenheit aus und man hatte das Gefühl, dass die Menschen im Einklang mit der Natur und ihrer Arbeit leben. Unser Wanderweg führte auf die andere Seite der Alliaga, ein Storch suchte Nahrung in den Feuchtwiesen, schluckte die gefangene Beute mit hocherhobenem Haupt hinunter, während über unseren Köpfen mehrere Falken am Himmel entlangzischten. Mehrfach hatten wir mittlerweile auch den eigentümlichen Ruf des in Bessarabien häufig vorkommenden Wiedehopfes vernommen und im Flug an uns vorbeiziehen sehen. Plötzlich landete er in einem neben uns befindlichen Feld und wir konnten ihn mit meinem mitgeführten Fernglas gut beobachten. Das schöne, schwarzweiß und gelb gezeichnete Gefieder mit der aufgestellten Haube und dem langen, gebogenen Schnabel. Wir näherten uns einer weiteren, großen Staumauer, Wasser war allerdings beiderseits des Gebildes nicht festzustellen. Hinter dem Damm schlängelte sich unser Weg durch ein Feucht- und Wiesengebiet, in der Ferne waren bereits die Häuser von Alt-Elft zu erkennen. Wiederum umschwirrte uns eine Vielzahl von Vögeln und unser Schritt wurde bereits etwas langsamer, zumal Ani mit ihrem Schuhwerk einige Probleme hatte, war es doch für solch eine Wanderung eher ungeeignet. Gut, dass wir zu diesem Zeitpunkt Neu-Elft mit seinen wunderschön erhaltenen Grundstücksmauern erreichten. Dieses Dorf zieht mich, neben dem Geburtsort meiner Mutter und meiner Großeltern in Katzbach, immer wieder an. Es ist für mich der Inbegriff einer deutschen Kolonie in Bessarabien. So müssen in meiner Vorstellung die deutschen Dörfer vor der Umsiedlung 1940 ausgesehen haben. Eine sehr breite Dorfstraße, von Akazien gesäumt, Gänseschare am Straßenrand, die zischelnd ihre um sich versammelten Jungen gegen wandernde Eindringlinge schützen. Unser Weg führte neben der Dorfstraße in Richtung Ortsmitte, direkt entlang der Grundstücksmauern, so hatten wir einen guten Blick in die dahinter gelegenen Hofgrundstücke mit ihren sicher noch aus deutscher Zeit stammenden Erdkellern. Eine Frau mittleren Alters sprach uns im Gehen an, sie hatte es augenscheinlich sehr eilig, wollte sich aber dennoch mit uns unterhalten. Als sie bemerkte, dass ein konstruktives Gespräch nicht zustande kommen konnte, setzte sie ihren eiligen Schritt fort. Wir passierten die schön restaurierte Dorfkirche und hielten uns einige Zeit an der unmittelbar dahinter befindlichen Schule auf. Sämtliche Gebäude wurden dort von außen inspiziert und die notwendigste Wundversorgung an den Füßen nach ca. 10 Kilometer Wegstrecke vorgenommen. Ani wechselte von Halbschuhen auf Flip Flops, was für mich keinen großen Erfolg erhoffen ließ. Meine Schwester Martina hatte zwar nagelneue teure Wanderschuhe, allerdings hatte sie es versäumt, sie richtig einzulaufen. Also suchten wir das Magazin in Neu-Elft auf, das für ukrainische Verhältnisse gut sortiert wirkte. Dort tranken wir ein „Pivo“ und die Welt sah schon wieder erheblich fröhlicher aus. Es ging danach die breite Dorfstraße zurück und am Spätnachmittag saßen die älteren Frauen zu einem „Schwätzle uff`m Bänkle“ an den vor den Grundstücksmauern wie zu deutscher Zeit aufgestellten Sitzgelegenheiten. Kurz vor dem Dorfende in Richtung Katzbach schlugen wir nun die Teerstraße nach rechts in Richtung Alt-Elft und Teplitz ein. Eigentlich wollte ich über einen Feldweg kurz hinter Neu-Elft mit meinen „Mädels“ nach Alt-Elft marschieren, um uns dort mit unserem „Taxifahrer“ an der alten deutschen Kirche zu treffen. In Anbetracht der fortgeschrittenen Zeit blieben wir aber auf der befestigten Straße und telefonierten, nachdem endlich Empfang vorhanden war, mit unserem Fahrer Valerie.Er sollte uns auf dem Weg zwischen den Ortschaften Neu-Elft und Alt-Elft entgegenkommen und „auflesen“. Irgendwie gab es wohl Kommunikationsschwierigkeiten und nach einiger Zeit meldete er sich per Handy und teilte mit, dass er nun an der besagten Kirche sei. Also beschrieb ich ihm den Weg zu uns und nach einer weiteren Zeitspanne bimmelte das Telefon erneut. Valerie teilte mit, dass er nun in Teplitz sei und dort auf uns warte. Keine Panik auf der Titanic, eine erneute Reisebeschreibung folgte und als wir schon kurz vor Alt-Elft waren, konnten wir in weiter Entfernung ein kleines helles Auto erkennen, dessen Fahrer uns schließlich aufnahm und sicher nach Tarutino brachte. Eine sehr abwechslungsreiche, ca. 17 Kilometer lange Wanderung auf den Wegen meiner Großeltern wird mir unvergesslich bleiben und ich kann so etwas gerade der nachwachsenden Generation der Bessarabiendeutschen nur empfehlen. Während unseres Aufenthaltes in Tarutino wanderten wir noch an anderen Tagen u.a. im Kogelniktal von Paris nach Teplitz oder unternahmen eine Fahrradrundfahrt von Tarutino über Beresina, Borodino und Klöstitz. Ulrich Derwenskus << zurück zur Auswahl