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Eine Bessarabienreise der etwas anderen Art
Der Flieger landete via Dortmund am frühen Nachmittag auf dem Flughafen Borispol
nahe Kiew. Die leise Hoffnung, einen Frühlingstag mit Sonnenschein und milden
Temperaturen anzutreffen, wurde schon auf der Gangway im Ordner „unerfüllte
Wünsche“ abgelegt. Ein heftiger, eiskalter Wind mit starkem Schneegestöber
erinnerte uns an unsere warmen Wintermäntel, die leider im heimischen
Kleiderschrank geblieben waren. Die Passkontrolle sollte die erste Hürde sein, die
es zu überwinden galt. In vier langen Reihen standen die Mitreisenden in ihren
warmen Wintermänteln im zugigen Abfertigungssaal und schoben sich im
Schneckentempo langsam Richtung Schalter. Nach etwa einer halben Stunde, oder
anders ausgedrückt, nach etwa zwei Metern Bodengewinn bemerkten wir, dass fast
alle Schlangennachbarn ein weißes Zettelchen nebst ihrem Reisepass in den
Händen hielten. Diese Zettel erweckten nicht nur unsere Neugier, sondern
verursachten auch eine leichte Besorgnis. Nach unzähligen Rechercheversuchen
klärte uns dann ein ukrainischer Geschäftsmann, der ein wenig radebrechend
deutsch sprach, über die Bewandnis dieses geheimnisvollen weißen Blattes auf. Es
müssen hier alle persönlichen Eintragungen in zweifacher Ausfertigung handschriftlich
eingetragen und beim Einreisebeamten abgegeben werden. Fragen wie: Grund der Einreise, Bleibedauer,
Reiseziel, Übernachtungsadresse und so weiter und so fort. Nach längerer Suche fanden wir irgendwo in der
Halle ein Tischchen mit den Blankoformularen (natürlich in ukrainischer Sprache) und machten uns ans
Ausfüllen. Da wir aber kein Übernachtungsdomizil im Vorfelde gebucht hatten, schrieben wir einfach "Hotel Kiew"
in Odessa, im guten Glauben, dass der Abfertigungsbeamte nicht die Hotels in Odessa kennen würde, oder dass
es in Odessa bestimmt ein Hotel mit dem Namen "Kiew" geben würde. Nach einer weiteren Stunde erreichten
wir das Ende der Schlange und der Beamte begann mit uns eine Konversation in russischer Sprache, die
natürlich sehr einseitig ausfiel, da unser russischer Wortschatz nur aus „spassiba ,na darowje und dawai“
bestand. Er musste dann aber doch irgendwie Mitleid mit uns gehabt haben oder sein Schichtende war nahe,
denn er sprach nach einigen Minuten das uns bekannte Wort „dawai“. Geschafft, die erste Klippe war
überwunden und das Abenteuer konnte beginnen. Nachdem wir unser Gepäck wieder an uns gebracht hatten,
standen wir unversehens in der Flughafenhalle, in der uns unzählige Menschen und ein unbeschreiblicher Lärm
empfingen. Nach wenigen Schritten stürzten schon mehrere dunkel gekleidete, teilweise grimmig aussehende
Männer auf uns zu, die uns unbedingt für ein „kleines“ Entgelt nach Kiew fahren wollten. Der Flughafen von
Borispol ist ca. 30 Km von Kiew entfernt und wir mussten zum Bahnhof, um den Nachtreisezug nach Odessa zu
bekommen. Das „kleine Entgelt“ beinhaltete eine Spanne zwischen 30 und 300 Dollar und wurde von den
wildesten Geschichten untermalt, was alles passieren könnte, wenn man sich nicht gerade für ihr Taxi
entscheiden würde. Dank unserer „Mit uns nicht“ Einstellung fanden wir nach längerer schneebegleitender
Suche auf dem Vorplatz einen alten verrosteten Transitbus, der die Fahrt mit 25 Griwna (umgerechnet etwa 2,30
Euro) anbot. Auch die Mitreisenden erweckten den Eindruck, dass es wohl auch woanders nicht preiswerter zu
bekommen wäre. Da auch urplötzlich das Interesse der mindestens 20 Taxifahrer erlahmte, die uns nach wie vor
den Begleitschutz stellten, waren wir überzeugt, den optimalen Transfer nach Kiew gefunden zu haben. Die
Fahrt dauerte etwa 1 Stunde und der Blick aus dem schmutzigem Fenster wurde fast ausschließlich von der
Farbe Grau dominiert. Zerfallene Industrieanlagen, rostige Rohre, Berge von Unrat und das zu dieser Jahreszeit
noch nicht vorhandene Grün erinnerte uns an eine endlose Fahrt über einen riesigen Schrottplatz. Endlich am
Hauptbahnhof angekommen, bot sich uns nun ein erfreulicheres Bild. Früher war der Hauptbahnhof von Kiew ein
richtiger Schandfleck, er wurde aber vor rund 5 Jahren komplett renoviert und ist nun wirklich sehr schön und ein
wahres Schmuckstück. Der Bahnhof hat eine wunderschöne Eingangshalle im stalinistischen Zuckerbäckerstil.
Die Personenzüge sind in der Ukraine extrem lang und wie in Russland in hellblau gehalten. Auch hat die
Ukrainische Staatseisenbahn nicht die Europäische Spurweite, sondern die breitere Russische Schienenbreite.
Dies kommt noch von der Zarenzeit her, weil die Russen auf diese Weise einen möglichen europäischen Angriff
auf Russland erschweren wollten. Leider mangelte es an der Freundlichkeit und Hilfsbereitschaft der
Bahnhofsbediensteten. Egal, ob an der Information oder an den Fahrkartenschaltern, es war unmöglich
jemanden zu finden, der etwas deutsch oder englisch verstand oder verstehen wollte. Sowie man uns als
nichtrussisch sprechende Ausländer identifizierte, behandelte man uns wie Luft und ging sofort auf andere
„normale“ Kunden über. Erst als wir schriftlich unsere Wünsche zum Ausdruck brachten (Uhrzeit, Kiew-Odessa,
2 Personen und Kupe), bequemte man sich mit leicht angewidertem Gesichtsausdruck, die Fahrkarten
auszustellen. Unser Zug sollte gegen 23:30 Uhr auf Gleis 17 abfahren und so hatten wir noch einige Stunden
Zeit, Kiew für uns zu entdecken. Das Gepäck kam in die Aufbewahrung und ein Taxi brachte uns in die
Innenstadt. Der Taxifahrer witterte ein gutes Geschäft und gab sich uns als bester Stadtführer Kiews zu
erkennen. Zwar sprach auch er nur russisch, aber irgendwie klappte es mit der Kommunikation, die allerdings
größtenteils aus Zeichensprache bestand. Er chauffierte uns durch das Regierungsviertel, erzählte uns von
Tymoschenko und Juschtschenko, was wir natürlich allein schon von den Namen her verstanden und parkte
dann vor Pechersk Lavra, was ihm wohl von allen Sehenswürdigkeiten Kiews am besten gefiel. Seine
Einschätzung überzeugte nach wenigen Minuten und Ausblicken auch uns. Auf deutsch heißt Pechersk Lavra
"Kiewer Höhlenkloster". Der riesige Klosterkomplex vereint beeindruckende Architektur mit tiefer orthodoxer
Religiosität. Der Gang mit einer Kerze durch die stockdunklen Höhlengänge, in denen die einstigen Mönche des
Klosters einbalsamiert und aufgebahrt sind, ist unglaublich beeindruckend und rührt sogar den größten
Kulturbanausen an. Oberhalb der Erde kann man jahrhundertealte Kirchenarchitektur
bestaunen, wunderbare Kirchenmalerei bewundern und die Atmosphäre eines
weihrauchgeschwängerten orthodoxen Gottesdienstes in sich aufnehmen. Man
braucht Tage, um alle Schätze dieses Klosterkomplexes zu entdecken. Darum
werden wir das Höhlenkloster unbedingt wieder besuchen. Das Kloster liegt erhöht
am Dnepr und ist von vielen Stellen von Kiew aus zu sehen und es gehört wohl zu
den schönsten Sehenswürdigkeiten dieser Stadt. Danach zeigte uns unser
Taxifremdenführer noch einige Kirchen und andere Monumentalbauten Kiews und
verabschiedete uns dann vor dem Katakombeneingang dieser Riesenmetropole.
Dort wurde ausgestellt, angepriesen, musiziert und gegaukelt. Es gab von
verrosteten Nägeln über Erotikshops bis zu fast schon dekadenten Luxusboutiquen,
gemütlichen Lokalitäten und Wodkaausschank auf Apfelsinenkisten alles zu sehen,
was das Touristenherz begehrt. Unser Favorit war ein Urwaldlokal über mehrere
Ebenen mit stilechten Bäumen und Lianen in beeindruckender Größe. Unter diesen
Urwaldriesen waren gemütliche Tische aufgebaut und neben rauschenden Bächen
und farbenfrohen Springbrunnen erklang eine zauberhafte Musik. Essen und
Getränke waren hervorragend und für unsere Verhältnisse enorm preiswert. Gern
wären wir länger geblieben, aber der Abfahrtstermin Richtung Odessa rückte
bedrohlich näher. 10 Minuten vor planmäßiger Abfahrt des Nachtzuges waren wir noch immer die einzigen
Odessareisewilligen, die auf dem Bahngleis warteten. In kurzen Abständen hörten wir Lautsprecherdurchsagen,
deren einziges uns bekannte Wort Odessa enthielt. Langsam wurden wir nervös und zweifelten an der
Richtigkeit unserer Abfahrtsinformation. Eine deutsch-russische Konversation mit zwei älteren Damen brachte
uns dann die Erkenntnis, dass entweder der Zug ausgefallen war oder die Abfahrt auf ein anderes Gleis verlegt
wurde. Wir also mit unserem schweren Reisegepäck zurück in die Bahnhofshalle und gehetzt zur Anzeigetafel.
Tatsächlich war das Bahngleis für diese Reise auf ein anderes Gleis verlegt worden. Eine Minute vor der Abfahrt
erreichten wir unseren Abteilwagen und stürzten gerade noch hinein, bevor der Zug auch schon losfuhr. Die
Abteilschaffnerin brachte uns in unseren Schlafbereich, der aber bereits von anderen Gästen belegt war. Nach
teilweise heftigen Diskussionen unter Mithilfe der sehr resoluten und korpulenten Zugbegleiterin eroberten wir
unsere Betten zurück und ließen uns erschöpft und verschwitzt auf unsere Pritschen fallen. Der Waggon
beherbergte etwa 100 Personen und Schlafgelegenheiten gab es für ca. 60
Personen. Eine einzige Toilette mit Waschgelegenheit bildete das Zentrum der
Begierde und man musste etwa 30 Minuten anstehen, um die total verschmutzte,
hochwassergefährdete Erleichterungs- und Reinigungsörtlichkeit benutzen zu
können. Ich erinnere mich noch an ein Gespräch mit einem reiseerfahrenen
Ukraineurlauber, der mir ausdrücklich empfahl, im Schlafwagenzug unbedingt Kupe
(4er Abteil) zu buchen, da sonst die Annehmlichkeiten katastrophal wären. Welch
weiser Rat. Unsere beiden Abteilnachbarn schnarchten um die Wette und wir
lernten, dass Knoblauch in der Ukraine eine sehr populäre Gemüsesorte ist. Gegen
8:30 Uhr lief unser „Komfortzug“ in Odessa ein und auch der Himmel hatte seine
Schneeschleusen endlich geschlossen. Als Perle des Schwarzen Meeres wird
Odessa bezeichnet. Mit ihren mehr als 200 Jahren und rund einer Million
Einwohnern ist diese Stadt eine verhältnismäßig junge und von ihrer Größe her
überschaubar. Es ist auch eine Stadt der Gegensätze. Man trifft von bettelarm auf
steinreich, Ortsteile, die schmutzig, verfallen und grau sind und Straßen, in denen
sich Boutiquen und Luxusgeschäfte in Hülle und Fülle aneinanderreihen. Elegante,
nach dem neuesten Modeschrei gekleidete Frauen neben zerlumpten,
ausgemergelten Gestalten. Luxuskarossen aller Couleur neben Pferde- und Eselfuhrwerken und alten nur noch
von Rost zusammengehaltenen Fahrzeugen, die man in Deutschland sofort aus dem Verkehr ziehen würde.
Edle Gourmetrestaurants neben Straßenständen, die Backwerk
und andere Köstlichkeiten anbieten. Ein Spaziergang durch
Odessa ist eine wahre Sinnesweide und man weiß nicht, wohin
man seinen Blick und seine Nase zuerst wenden soll. Durch
das Internet hatten wir Kontakt zu einem Odessiten, der
Mitinhaber mehrerer kleinerer Lokale in Odessa ist. Maxim
beherrscht die deutsche Sprache recht gut, da er mehrere
Jahre in Frankfurt am Main gearbeitet hatte. Er vermittelte uns
nahe des Zentrums eine große möblierte Wohnung zu einem
für unsere Verhältnisse sehr günstigen Preis und so konnten
wir in Ruhe Odessa für uns erobern. Innerhalb der Stadt
voranzukommen, ist absolut unproblematisch. Es gibt sehr viele
Busse in verschiedenen Größen und auch ein
Straßenbahnnetz. Wenn man aber bequemer und gezielter fahren möchte, stellt man sich einfach zu jeder Tag-
oder Nachtstunde an die Straße und hält seine Hand hoch. Im Bruchteil einer Sekunde hält ein Auto und gibt vor,
ein Taxi zu sein. Man handelt kurz den Fahrpreis aus, was auch ohne Sprachkenntnisse sehr problemlos
funktioniert. Für umgerechnet zwei Euro wird man an jedes Ziel dieser Stadt chauffiert. Die Busse und Bahnen
kosten natürlich nur einen Bruchteil dieses Betrages. Die drei Tage unseres Odessaaufenthalts vergingen wie im
Fluge. Alle Eindrücke und Erlebnisse dieser Exkursion niederzuschreiben, würde den Rahmen dieses
Reiseberichts sprengen. Jedenfalls war es absolut interessant und kurzweilig und wir können nur jedem
zukünftigen Besucher Odessas empfehlen, sich mindestens auch diese Zeit zu nehmen. Ganz sicher wird dies
nicht unser letzter Besuch in dieser aufregenden Stadt gewesen sein. Durch einen Besuch im Bayerischen Haus
in Odessa, deren Geschäftsführer uns sehr freundlich empfing, vermittelte uns eine freundliche Mitarbeiterin
dieses Hauses einen jungen ukrainischen Studenten, der in diesem Hause die deutsche Sprache erlernt und
auch schon im Jugendaustausch Deutschland kennengelernt hat. Er holte uns am nächsten Morgen mit seinem
alten Lada von unserer Wohnung ab und stand uns dann mehrere Tage zur Verfügung. Sergejs Elternhaus steht
in Tarutino und so war es für beide Seiten natürlich eine glückliche Fügung, da wir ebenfalls diesen Ort auf
unserer Wunschliste hatten und er seit längerer Abwesenheit mal wieder seine Eltern besuchen konnte. Unser
erstes Ziel war Akkerman, dem heutigen Belgorod-Dnestrowsky am Liman. Über die schlechten
Straßenverhältnisse in der Ukraine ist sicherlich schon sehr viel geschrieben worden. Die Realität zeigte uns
aber, dass auch der negativste Bericht noch untertrieben war. Die Straßen haben jedenfalls den Vorteil, dass sie
jeden Fahrer vor dem Einschlafen am Steuer abhalten, denn zumindest ein Achsenbruch wäre die
unvermeidliche Folge. Teilweise quadratmetergroße, 10 cm tiefe Löcher in der Fahrbahn verlangen einem
absolute Konzentration ab. Richtig abenteuerlich wird es nachts oder bei Regen- oder Schneewetter. Je weiter
wir uns von Odessa entfernten, desto desaströser wurden die Verhältnisse. Sergej erwies sich aber als
olympiatauglicher Slalomspezialist und so erreichten wir gegen
Mittag wohlbehalten Akkerman. Die Fahrt dahin war geprägt
von kilometerlangen Weinanbauflächen und herrlichen
Ausblicken auf den Liman. Ein großer Markt in der Innenstadt
von Weißstadt (so bezeichnete unser Fahrer Akkerman)
fesselte unsere Aufmerksamkeit und gab uns einen ersten
Einblick vom geschäftigen Leben dieser durchaus
sehenswerten Stadt. Das große Angebot von heimischen Obst-
und Gemüsesorten, Textilständen, Rundfunk- und HiFi-
Zubehör, Haushaltsgeräten und Blumenauslagen begeisterte
uns mit seinen vielfältigen Gerüchen und einer für uns fremd
anmutenden Geräuschkulisse. Unser nächstes Ziel war die
riesige, direkt am Liman gelegene alte Festung, deren
Entstehung bis ins 6. Jahrhundert vor Chr. zurückzuführen ist. Die riesige Anlage mit ihren Burgfesten
beeindruckte mit ihrer außergewöhnlichen Lage am Wasser und ihren Wandelgängen, Treppen aus großen
Steinquadern und Türmen, die den Blick aus dem Innenraum auf den inzwischen azurblauen Himmel
gestatteten. Nach einer halbstündigen Stadtbesichtigung und einer Weinverkostung ging die Autofahrt weiter zu
unserem eigentlichen Tagesziel: Sangerowka in der Nähe von Tuzla am Liman gelegen. Die Urgroßmutter
meiner Reisegefährtin Ani stammt aus Sangerowka, einem Dorf, das damals 29 Höfe zählte und vor der
Umsiedlung 372 Einwohner hatte. Heute heißt der Ort Novo Michailowka und in dem Teil des Dorfes, an dem
damals Sangerowka stand, gibt es nur noch 2 Häuser. Hinter diesen Häusern, wo heute nur noch Felder und
Wiesen sind, schauen aber noch unzählige Ruinen der alten deutschen Höfe aus dem hohen Gras. Wir lernten
die ukrainischen Bewohner des letzten Hauses am Ortsende kennen und sie baten uns in ihre nach unseren
Maßstäben gesehenen recht bescheidenen Räumlichkeiten. Die Frau bereitete uns einen Imbiss aus
geräuchtem Speck, hausgebackenem Brot, eingelegten Tomaten und Paprika und selbst gefangenen kleinen
Fischchen. Wir steuerten eine große Flasche Rotwein (Isabella) dazu und ließen es uns gemeinsam schmecken.
Inmitten von Feldern, Wiesen und Ruinen liegt ein ca. 5000 qm kleines Wäldchen mit knochigen, irreal
anmutenden Bäumen. Unsere Gastgeber erklärten uns, dass hier der alte deutsche Friedhof war. Nie hat man
versucht dieses Stück zu roden um neue Felder oder
Weideland zu erschließen. Die umliegenden Anwohner
betrachten diesen Bereich als unantastbare Ruhestätte der
ehemaligen Bewohner und damit als heiligen Ort. Es ist zwar
kein Grabstein oder Kreuz mehr zu sehen, aber es strahlt eine
seltsame, kaum zu beschreibende Ruhe und Unberührbarkeit
aus. Man spricht automatisch leise und scheut sich, seinen
Fuß auf diese mystisch anmutende Insel zu setzen. Nie hatten
wir Ähnliches erlebt und empfunden. Die Ruinen der alten
deutschen Häuser erlaubten den Blick auf die ehemalige
Bauweise unserer Vorfahren. Mauern aus Lehm mit Stroh
versetzt, teilweise bis 40 cm dick, ließen die Größe der alten
Häuser erahnen und beflügelten unsere Fantasie, wie hier vor
noch nicht einmal 70 Jahren reges Familien- und Dorfleben stattfand. Anis Urgroßmutter Leontine, die heute in
Rathenow bei bester Gesundheit gerade 88 geworden ist, hatte hier ihre Jugend und Kindheit verbracht. Sie
selbst war inzwischen ganz schweigsam und melancholisch tief in sich gekehrt und rieb sich manche Träne
verstohlen aus den Augen. Nun waren wir in Bessarabien angekommen, getreu unserem Motto: „Zurück zu den
Wurzeln“.
Werner Schabert und Ani Teubner
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