© by Ani in 2010 Feedback Copyright Links    Impressum      Spendenkonto   Webmail Bessarabien erleben, Geschichte begreifen… und die schwarze Erde und das Schwarze Meer spüren dürfen Meine Freunde fragen: „Ja wohin verreist du denn?“ Ganz selbstverständlich sage ich:“ in die Ukraine, in das frühere deutsche Bessarabien.“ Vor einigen Jahren hatte ich schon einmal Kontakt mit Ukrainern, damals fand ein Austausch von Landwirten zum Thema „regionale Vermarktung und nachhaltiger Anbau“ bei uns in der Region statt. Und ich habe das erste Mal mitbekommen, dass es zum Frühstück schon Wodka gab. Ich habe also dieser Reise mit einiger Spannung entgegengeschaut. Auf einmal also ist der Tag da, es beginnt meine wohl schönste Reise in meinen Leben. Noch heute, es ist doch schon wieder einige Zeit her, dass ich gelandet bin, besteht ein großer Teil meiner Gedanken und Gefühle noch immer aus den Erlebnissen in Bessarabien. Die unendliche Weite von Feldern, von Weinanbauten, die ewig langen Dorfstraßen und die schnurgeraden und breiten Straßen zwischen den Dörfern. Gedanken an ganz liebevolle und wunderbare Menschen, welche unsere Gastgeber waren, welche uns aber auch ganz einfach auf der Straße angesprochen haben. An sehr gepflegte, frisch gestrichene Häuser und Zäune. An Lauben voller blauer Trauben. An die Geschichten der Dörfer. An eine einfach fidele Gruppe, von 24 bis 60! Angefangen hat es mit der Idee, dieses „mysteriöse“ Bessarabien einmal zu besuchen. Dieser Bereich der Welt und der Geschichte der gar nicht so aktuell in den Köpfen unserer Bevölkerung ist ( bis zum heutigen Tage habe ich die Geschichte inzwischen aber bestimmt 100 mal erzählt!), aber auch das Land, welches so viele einfach verlassen mußten. Wie viele Schicksale dahinter steckten und wie viele von Ihnen gar nicht mehr die Möglichkeit hatten Ihre alte Heimat zu besuchen. Heute gibt es zwar Grenzen, doch sie lassen sich schneller überwinden als noch vor Jahren. Es hieß also: „Wir machen eine Wanderung durch alte deutsche Dörfer in Bessarabien“. Irgendwie konnte ich mir dies gar nicht vorstellen, darum fragte ich: „Und mit was bereite ich mich vor?“ Und die Antwort war dann: „Am besten gar nicht“. Natürlich habe ich mich vorbereitet. Eine inzwischen mir sehr liebe Freundin bat mich, bei meinem Besuch, wenn möglich das Haus Ihres Großvaters in einem der deutschen Dörfer zu fotografieren. Und mit der alten Geschichte, mit dem alten Dorfplan und mit der Geschichte Ihrer Familie war ich dann ausgestattet. Auch hatte ich ein gutes Gespräch mit meiner Apothekerin, welche mir mit so vielen Tipps zur Seite stand. Und heute weiß ich, ich war da gut beraten, wir wussten die Vorzüge des guten Blasenpflasters zu schätzen. Allerdings habe ich nie ein Mittel für Magen und Darm gebraucht. Ob dies wohl an dem hervorragenden Essen der Gastgeber lag oder am Rakiu? Rakiu ist so etwas wie Obstler, halt nur eben aus Aprikosen gemacht! Und unendlich gut wenn wir ihn nicht zum Frühstück trinken. Ich möchte noch erwähnen, dass meine Wurzeln nicht in Bessarabien liegen. Doch ich bin jemand, der fest davon überzeugt ist, dass die Wurzeln der Familie eine große Rolle in unserer Entwicklung spielen. Also geht es los: Ankommen im Bessarabien Haus in Tarutino. Eine herzliche Begrüßung durch Svetlana, Verabschiedung von unserm Fahrer Igor, der sehr zu diesem guten Ankommen (und auch wieder zum Heimkommen) beigetragen hat. Unter anderem mit viel Geduld, einem guten Auto und einer mehr wie bewunderungswürdigen Fahrweise. So richtig war ich auf die vielen „Schlaglöcherstrassen“ nicht vorbereitet, und so ist es von großer Wichtigkeit einen guten Fahrer zu haben. Ja und außer diesen Schlaglöchern gab es auch noch etwas: Gänse all überall. Die ersten Sprachprobleme machten wir mit Händen und Füßen wett. Ein paar Worte verstand auch Igor, in der Schule haben die meisten Moldawier und Ukrainer auch Deutsch gehabt. Doch wenn man es nicht ständig benutzen kann entschwindet es wieder. Und so war die Anfahrt schon mal ein kleines Abenteuer, welches ich sehr genossen habe. Und es sollten noch so einige folgen. Am nächsten Tag ging es gleich los. Pferd und Wagen standen schon beim Frühstück bereit. Unser Pferd Bunik, und das wird sich auch noch zeigen… war das geduldigste und liebste Pferd das es gibt. Der Besitzer hatte sogar den Wagen noch gestrichen und so luden wir erst einmal Rucksäcke, Wasser und Hafer fürs Pferd und sonstige Utensilien wie Regenschirm und Luftpumpe in diesen Wagen, und los ging es. In den ganzen 5 Tagen zu Fuß durch alte deutsche Dörfer(es war auch ein wunderschönes bulgarisches Dorf dabei: Winogradowka, wo vor jedem Haus ein Ratschbankerl stand) war ein großer Dreh- und Angelpunkt unser Pferd mit Wagen. In diesen Tagen lernte ich, dass es deutsche Häuser, bulgarische, russische und und mehr gab. Sie unterschieden sich in der Bauweise und in der Form der Dächer. Also war es schon auch ein schönes Gefühl zu sagen: dort schau, wieder ein deutsches Haus. Wir schliefen auch hauptsächlich in Deutschen Häusern. Unsere Gastgeber waren durchweg herzliche Menschen, die uns voller Stolz ihren Besitz präsentierten und natürlich uns ihre Geschichten erzählten. So haben wir in einem Haus geschlafen dessen damaliger deutscher Besitzer sein Hab und Gut einem seiner bulgarischen Landmitarbeiter übergeben hat. Diese Hofstelle ist heute in 2. Generation im Besitz dieser Familie. Das war schon irgendwie ein schönes Gefühl, zu wissen, dass hier obwohl die Aussiedlung so viel Leid gebracht hat, eine neue Familie ihren Platz gefunden hat und dieses Anwesen noch liebevoll gepflegt wird. Dank unserem absolut geduldigen Dolmetscher haben wir alle sehr davon profitiert, dass uns viele Menschen Ihre Geschichte erzählt haben. Die Reise ging von Tarutino nach Alt-Posttal, von dort nach Katzbach, weiter über Alt Elft nach Teplitz, vorletzte Übernachtung war dann in Paris und am nächsten Tag ging es über Krasna nach Tarutino. Unser Essen war eine herrliche Mischung aus perfekter Kochkunst der Gastgeber bis zum Lagern vor Magazinen mit Wurst, Käse und Bier. Das Brot ist ganz anders als bei uns und so haben wir doch glatt einmal ein paar dunkel aussehende Teile, in der Hoffnung, dass es Vollkornweckerl sind, mit süßem Gebäck verwechselt. Wein war vom Vorjahr leider schon aus und der neue wurde gerade geerntet. Schade ich hatte mich so darauf gefreut. Bei den wundervollen Speisen könnte ich glatt zur Vegetarierin werden. Paprika in allen Varianten, Tomaten, Schafskäse, Ziegenkäse, Gurken, Auberginen (diese nennt man blaue Tomaten), allerlei Teigtaschen mit Füllung. Aber auch bulgarische Spezialitäten, sogar perfekte pochierte Eier in der Früh. Eine ukrainische Frau erzählte mir die Vorzüge Ukrainerin zu sein: „Wir Frauen beschäftigen uns hauptsächlich mit Kochen, dafür stehen wir schon morgens früh auf. Außerdem gilt es Haus und Hof sauber zu halten und für die Kinder da zu sein. Deutsche Frauen müssen alle arbeiten gehen.“ Dies ist etwas, was mich an dieser Reise ganz besonders fasziniert hat. Zumindest die Menschen auf den Dörfern leben nach einem bestimmten Rhythmus und in einer Klarheit die sich so mancher nur wünschen kann. Ein natürliches Zusammensein, keine Abhängigkeit vom PC, keine punktgenaue Terminplanung. Ich möchte nichts beschönigen, hatte aber den Eindruck, dass es ganz natürlich ist sich auszutauschen. Was allerdings auch durchaus überall mit einer großen Anzahl von Handys funktionierte. Wenn mir heute noch mal jemand sagt, es herrscht Armut dort. Kann ich doch auch anführen, dass in so manchen Gebieten in Deutschland es nicht so viele Menschen mit so viel Herzlichkeit und menschlichem Austausch gibt. Es ist Reichtum vorhanden… seelischer Reichtum? Oh, da fällt mir etwas ein. Habe ich früher schon gern die russischen Lieder gehört, seit Alt-Postal weiß ich erst was zwei Frauenstimmen für ein Volumen, für ein Gefühl darbringen können. Natürlich hatte ich keine Ahnung was den Text angeht, doch die Lieder … sie gingen vom höchsten Kopfansatz bis in den kleinen Zeh… in diesem Moment hätte ich gerne die Zeit angehalten und Ihnen noch viele Stunden gelauscht. Die Zeit anhalten ist auch etwas Wunderbares. So sind die wichtigsten Verkehrsmittel: das Fahrrad und der Pferdewagen. Natürlich auch das Moped oder das Motorrad mit Beiwagen. Wobei der Beiwagen hauptsächlich für Transport von Gegenständen benutzt wird. Mir persönlich waren diese Transportmittel nicht fremd, denn hier auf dem Dorf in dem ich lebe werden die kleinen Wege alle mit dem Radl oder dem Bulldog gemacht. Ja die Bulldogs (Traktoren), so mancher Fan hätte glasige Augen bekommen bei einer solchen Vielfalt von altgedienten Raritäten. Genauso wie die alten Lastwägen. Man fühlt sich in eine andere Zeit versetzt. Das ist auch ein Erlebnis aus diesem Urlaub. Irgendwie zählt die Zeit nicht mehr, Uhren scheinen nebensächlich. Wenn es anfängt dunkel zu werden sollte man ein Bett für die nächste Nacht gesichert haben, und dann knurrt auch schon der Magen. Bemerkenswert bei dieser Reise finde ich den sehr wertvollen Austausch der Bessarabiendeutschen bzw. deren Enkel: Jeder im Hotel hat irgendwie zur Findung der Verwandtschaftsgrade, zur Vorbereitung für die Heimatdörfer und für die Völkerverständigung beigetragen. Aber auch die Wanderung, ebenso wie unsere Gastgeberin im Donaudelta, welche mit uns auf den Frieden in der Welt und auf die Völkerverständigung angestoßen hat verbinden die Menschen. Vor Ort konnte ich Geschichte, Menschen und das Leben viel besser verstehen lernen. Haben doch die Menschen einen anderen Glanz in Ihren Augen und andere Prioritäten in Ihrem Leben! Allein die Tatsache, dass Tiere noch mit Ihren Hirten zu gutem Futter kommen ist einfach schön! Schafe, Pferde in freier Natur, Kuhherden und natürlich Gänse an den Gewässern. Und wer meint die Steppe ist flach, weit gefehlt, hügelig und immer wieder auch ein Wasser um darin zu schwimmen. Ich habe mich auf der Wanderung durch diese Dörfer immer und an jeder Stelle einfach gut aufgehoben gefühlt. Geschichte erleben und anfassen machte diese Reise zu einem der schönsten Urlaubserlebnisse in meinem Leben. Mein Tipp: Diese Land muss man einfach selbst erleben und erkunden um schwarze Erde zu fühlen, zu riechen und um die Menschen besser zu verstehen. Ob ich dies wirklich geschafft habe, lassen wir dahingestellt, denn ich glaube dazu braucht es bestimmt noch einen Besuch! Ob ich dann wieder so einen schönen Regenbogen sehen werde? Ein besonderes Danke gilt dem Bessarabiendeutschen Verein e.V. für die großartigen Einsätze, welche überall in den Heimatdörfern zu erkennen sind. Ebenfalls ein großer Dank dem unermüdlichen Einsatz von WECF, deren Mitarbeiter -mit dem nötigen Respekt vor den Menschen- Projekte u.a. in der Ukraine betreuen, dazu gehören wichtige Themen wie Hygiene, sauberes Wasser und nachhaltiger Landschaftsanbau. Es war eine schöne Zeit und ich werde wiederkommen. Danke! Cпаcибо ("spasibo", wird oft auch "spasiba" ausgesprochen) Auf Wiedersehen! До cвидания! (do swidanija) Sascha   September 2011 сентябрь (sentjabr') 2011 << zurück zur Auswahl