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Bessarabien erleben, Geschichte begreifen…
und die schwarze Erde und das Schwarze Meer spüren dürfen
Meine Freunde fragen: „Ja wohin
verreist du denn?“ Ganz
selbstverständlich sage ich:“ in die
Ukraine, in das frühere deutsche
Bessarabien.“
Vor einigen Jahren hatte ich schon
einmal Kontakt mit Ukrainern,
damals fand ein Austausch von
Landwirten zum Thema „regionale
Vermarktung und nachhaltiger
Anbau“ bei uns in der Region statt.
Und ich habe das erste Mal mitbekommen, dass es zum Frühstück schon Wodka gab.
Ich habe also dieser Reise mit einiger Spannung entgegengeschaut.
Auf einmal also ist der Tag da, es beginnt meine wohl schönste Reise in meinen Leben. Noch heute, es ist doch
schon wieder einige Zeit her, dass ich gelandet bin, besteht ein
großer Teil meiner Gedanken und Gefühle noch immer aus den
Erlebnissen in Bessarabien. Die unendliche Weite von Feldern,
von Weinanbauten, die ewig langen Dorfstraßen und die
schnurgeraden und breiten Straßen zwischen den Dörfern.
Gedanken an ganz liebevolle und wunderbare Menschen, welche
unsere Gastgeber waren, welche uns aber auch ganz einfach auf
der Straße angesprochen haben. An sehr gepflegte, frisch
gestrichene Häuser und Zäune. An Lauben voller blauer Trauben.
An die Geschichten der Dörfer. An eine einfach fidele Gruppe, von
24 bis 60!
Angefangen hat es mit der Idee, dieses „mysteriöse“ Bessarabien einmal zu besuchen. Dieser Bereich der Welt
und der Geschichte der gar nicht so aktuell in den Köpfen unserer Bevölkerung ist ( bis zum heutigen Tage habe
ich die Geschichte inzwischen aber bestimmt 100 mal erzählt!), aber auch das Land, welches so viele einfach
verlassen mußten. Wie viele Schicksale dahinter steckten und wie viele von Ihnen gar nicht mehr die Möglichkeit
hatten Ihre alte Heimat zu besuchen. Heute gibt es zwar Grenzen, doch sie lassen sich schneller überwinden als
noch vor Jahren.
Es hieß also: „Wir machen eine Wanderung durch alte deutsche Dörfer in Bessarabien“. Irgendwie konnte ich mir
dies gar nicht vorstellen, darum fragte ich: „Und mit was bereite ich mich vor?“ Und die Antwort war dann:
„Am besten gar nicht“. Natürlich habe ich mich vorbereitet. Eine inzwischen mir sehr liebe Freundin bat mich, bei
meinem Besuch, wenn möglich das Haus Ihres Großvaters in einem der deutschen Dörfer zu fotografieren. Und
mit der alten Geschichte, mit dem alten Dorfplan und mit der Geschichte Ihrer Familie war ich dann ausgestattet.
Auch hatte ich ein gutes Gespräch mit meiner Apothekerin, welche mir mit so vielen Tipps zur Seite stand. Und
heute weiß ich, ich war da gut beraten, wir wussten die Vorzüge des guten Blasenpflasters zu schätzen.
Allerdings habe ich nie ein Mittel für Magen und Darm gebraucht. Ob dies wohl an dem hervorragenden Essen
der Gastgeber lag oder am Rakiu? Rakiu ist so etwas wie Obstler, halt nur eben aus Aprikosen gemacht! Und
unendlich gut wenn wir ihn nicht zum Frühstück trinken.
Ich möchte noch erwähnen, dass meine Wurzeln nicht in Bessarabien liegen. Doch ich bin jemand, der fest
davon überzeugt ist, dass die Wurzeln der Familie eine große Rolle in unserer Entwicklung spielen. Also geht es
los:
Ankommen im Bessarabien Haus in Tarutino. Eine herzliche Begrüßung durch Svetlana, Verabschiedung von
unserm Fahrer Igor, der sehr zu diesem guten Ankommen (und auch wieder zum Heimkommen) beigetragen
hat. Unter anderem mit viel Geduld, einem guten Auto und einer
mehr wie bewunderungswürdigen Fahrweise. So richtig war ich
auf die vielen „Schlaglöcherstrassen“ nicht vorbereitet, und so ist
es von großer Wichtigkeit einen guten Fahrer zu haben. Ja und
außer diesen Schlaglöchern gab es auch noch etwas: Gänse all
überall. Die ersten Sprachprobleme machten wir mit Händen und
Füßen wett. Ein paar Worte verstand auch Igor, in der Schule
haben die meisten Moldawier und Ukrainer auch Deutsch
gehabt. Doch wenn man es nicht ständig benutzen kann
entschwindet es wieder. Und so war die Anfahrt schon mal ein
kleines Abenteuer, welches ich sehr genossen habe. Und es
sollten noch so einige folgen.
Am nächsten Tag ging es gleich los. Pferd und Wagen standen schon beim Frühstück bereit. Unser Pferd Bunik,
und das wird sich auch noch zeigen… war das geduldigste und
liebste Pferd das es gibt. Der Besitzer hatte sogar den Wagen
noch gestrichen und so luden wir erst einmal Rucksäcke, Wasser
und Hafer fürs Pferd und sonstige Utensilien wie Regenschirm
und Luftpumpe in diesen Wagen, und los ging es.
In den ganzen 5 Tagen zu Fuß durch alte deutsche Dörfer(es war
auch ein wunderschönes bulgarisches Dorf dabei: Winogradowka,
wo vor jedem Haus ein Ratschbankerl stand) war ein großer
Dreh- und Angelpunkt unser Pferd mit Wagen. In diesen Tagen
lernte ich, dass es deutsche Häuser, bulgarische, russische und
und mehr gab. Sie unterschieden sich in der Bauweise und in der
Form der Dächer. Also war es schon auch ein schönes Gefühl zu sagen: dort schau, wieder ein deutsches Haus.
Wir schliefen auch hauptsächlich in Deutschen Häusern. Unsere
Gastgeber waren durchweg herzliche Menschen, die uns voller
Stolz ihren Besitz präsentierten und natürlich uns ihre
Geschichten erzählten. So haben wir in einem Haus geschlafen
dessen damaliger deutscher Besitzer sein Hab und Gut einem
seiner bulgarischen Landmitarbeiter übergeben hat. Diese
Hofstelle ist heute in 2. Generation im Besitz dieser Familie. Das
war schon irgendwie ein schönes Gefühl, zu wissen, dass hier
obwohl die Aussiedlung so viel Leid gebracht hat, eine neue
Familie ihren Platz gefunden hat und dieses Anwesen noch
liebevoll gepflegt wird. Dank unserem absolut geduldigen
Dolmetscher haben wir alle sehr davon profitiert, dass uns viele
Menschen Ihre Geschichte erzählt haben.
Die Reise ging von Tarutino nach Alt-Posttal, von dort nach Katzbach, weiter über Alt Elft nach Teplitz, vorletzte
Übernachtung war dann in Paris und am nächsten Tag ging es über Krasna nach Tarutino. Unser Essen war eine
herrliche Mischung aus perfekter Kochkunst der
Gastgeber bis zum Lagern vor Magazinen mit Wurst, Käse und
Bier. Das Brot ist ganz anders als bei uns und so haben wir doch
glatt einmal ein paar dunkel aussehende Teile, in der Hoffnung,
dass es Vollkornweckerl sind, mit süßem Gebäck verwechselt.
Wein war vom Vorjahr leider schon aus und der neue wurde
gerade geerntet. Schade ich hatte mich so darauf gefreut. Bei
den wundervollen Speisen könnte ich glatt zur Vegetarierin
werden. Paprika in allen Varianten, Tomaten, Schafskäse,
Ziegenkäse, Gurken, Auberginen (diese nennt man blaue
Tomaten), allerlei Teigtaschen mit Füllung. Aber auch bulgarische
Spezialitäten, sogar perfekte pochierte Eier in der Früh. Eine
ukrainische Frau erzählte mir die Vorzüge Ukrainerin zu sein: „Wir
Frauen beschäftigen uns hauptsächlich mit Kochen, dafür stehen wir schon morgens früh auf. Außerdem gilt es
Haus und Hof sauber zu halten und für die Kinder da zu sein. Deutsche Frauen müssen alle arbeiten gehen.“
Dies ist etwas, was mich an dieser Reise ganz besonders fasziniert hat. Zumindest die Menschen auf den
Dörfern leben nach einem bestimmten Rhythmus und in einer Klarheit die sich so mancher nur wünschen kann.
Ein natürliches Zusammensein, keine Abhängigkeit vom PC, keine punktgenaue Terminplanung. Ich möchte
nichts beschönigen, hatte aber den Eindruck, dass es ganz natürlich ist sich auszutauschen. Was allerdings
auch durchaus überall mit einer großen Anzahl von Handys funktionierte.
Wenn mir heute noch mal jemand sagt, es herrscht Armut dort. Kann ich doch auch anführen, dass in so
manchen Gebieten in Deutschland es nicht so viele Menschen mit so viel Herzlichkeit und menschlichem
Austausch gibt. Es ist Reichtum vorhanden… seelischer Reichtum?
Oh, da fällt mir etwas ein. Habe ich früher schon gern die russischen Lieder gehört, seit Alt-Postal weiß ich erst
was zwei Frauenstimmen für ein Volumen, für ein Gefühl darbringen können. Natürlich hatte ich keine Ahnung
was den Text angeht, doch die Lieder … sie gingen vom höchsten Kopfansatz bis in den kleinen Zeh… in
diesem Moment hätte ich gerne die Zeit angehalten und Ihnen noch viele Stunden gelauscht.
Die Zeit anhalten ist auch etwas Wunderbares. So sind die
wichtigsten Verkehrsmittel: das Fahrrad und der Pferdewagen.
Natürlich auch das Moped oder das Motorrad mit Beiwagen.
Wobei der Beiwagen hauptsächlich für Transport von
Gegenständen
benutzt wird. Mir persönlich waren diese Transportmittel nicht
fremd, denn hier auf dem Dorf in dem ich lebe werden die kleinen
Wege alle mit dem Radl oder dem Bulldog gemacht. Ja die
Bulldogs (Traktoren), so mancher Fan hätte glasige Augen
bekommen bei einer solchen Vielfalt von altgedienten Raritäten.
Genauso wie die alten Lastwägen. Man fühlt sich in eine andere
Zeit versetzt. Das ist auch ein Erlebnis aus diesem Urlaub. Irgendwie zählt die Zeit nicht mehr, Uhren scheinen
nebensächlich. Wenn es anfängt dunkel zu werden sollte man ein
Bett für die nächste Nacht gesichert haben, und dann knurrt auch
schon der Magen.
Bemerkenswert bei dieser Reise finde ich den sehr wertvollen
Austausch der Bessarabiendeutschen bzw. deren Enkel: Jeder im
Hotel hat irgendwie zur Findung der Verwandtschaftsgrade, zur
Vorbereitung für die Heimatdörfer und für die Völkerverständigung
beigetragen. Aber auch die Wanderung, ebenso wie unsere
Gastgeberin im Donaudelta, welche mit uns auf den Frieden in
der Welt und auf die Völkerverständigung angestoßen hat
verbinden die Menschen. Vor Ort konnte ich Geschichte,
Menschen und das Leben viel besser verstehen lernen. Haben doch die Menschen einen anderen Glanz in Ihren
Augen und andere Prioritäten in Ihrem Leben!
Allein die Tatsache, dass Tiere noch mit Ihren Hirten zu gutem Futter kommen ist einfach schön! Schafe, Pferde
in freier Natur, Kuhherden und natürlich Gänse an den
Gewässern. Und wer meint die Steppe ist flach, weit gefehlt,
hügelig und immer wieder auch ein Wasser um darin zu
schwimmen. Ich habe mich auf der Wanderung durch diese
Dörfer immer und an jeder Stelle einfach gut aufgehoben gefühlt.
Geschichte erleben und anfassen machte diese Reise zu einem
der schönsten Urlaubserlebnisse in meinem Leben.
Mein Tipp: Diese Land muss man einfach selbst erleben und
erkunden um schwarze Erde zu fühlen, zu riechen und um die
Menschen besser zu verstehen. Ob ich dies wirklich geschafft
habe, lassen wir dahingestellt, denn ich glaube dazu braucht es
bestimmt noch einen Besuch!
Ob ich dann wieder so einen schönen Regenbogen sehen werde?
Ein besonderes Danke gilt dem Bessarabiendeutschen Verein e.V.
für die großartigen Einsätze, welche überall in den Heimatdörfern zu erkennen sind. Ebenfalls ein großer Dank
dem unermüdlichen Einsatz von WECF, deren Mitarbeiter -mit dem nötigen Respekt vor den Menschen- Projekte
u.a. in der Ukraine betreuen, dazu gehören wichtige Themen wie Hygiene, sauberes Wasser und nachhaltiger
Landschaftsanbau.
Es war eine schöne Zeit und ich werde wiederkommen.
Danke!
Cпаcибо ("spasibo", wird oft auch "spasiba" ausgesprochen)
Auf Wiedersehen!
До cвидания! (do swidanija)
Sascha
September 2011 сентябрь (sentjabr') 2011
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