© by Ani in 2010 Feedback Copyright Links    Impressum      Spendenkonto   Webmail Eine Fahrradtour im August 2011 auf dem Fluchtweg meiner Großeltern von Kleinwollental (ehemals Westpreussen) nach Emmen  Nachdem meine Großeltern Adolf und Christine Stock, geb. Groß, im Jahre 1940 aus dem Dorf Katzbach in Bessarabien nach gut einem Jahr Lageraufenthalt im Deutschen Reich in Westpreussen auf einen ehemals polnischen Bauernhof umgesiedelt wurden, mussten sie bereits im Februar 1945 von dort erneut eine große Reise antreten - die Flucht vor der russischen Armee. Wieder wurden diese Menschen herumgestoßen und am Freitagmorgen, 16.Februar 1945, um 03:00 Uhr, setzte sich der Treck in bitterkalter Nacht bei leichtem Schneefall vom kleinen Dorf Kleinwollental, ca. 60 km südlich von Danzig im Kreis Stargard, in Bewegung. Der gesamte Treck bestand aus 13 Pferdewagen, mehrheitlich alles Bessarabiendeutsche aus dem Dorf Katzbach, die gemeinsam in Kleinwollental angesiedelt worden waren. Die Stationen und Erlebnisse der Flucht wurden von der Lehrerin des Ortes, Frau Willmanns, schriftlich festgehalten und so konnte ich die Fahrt sehr genau nachvollziehen. Im August war es endlich soweit, ich hatte im Vorfeld meine Ehefrau Karin dazu bewegen können, den unter äußersten Strapazen im Winter 1945 von den Großeltern mit ihren drei Kindern bewältigten Fluchtweg von Westpreussen nach Hankensbüttel-Emmen mit dem Fahrrad zu fahren. Sicherlich ein ungleiches Verhältnis von Jahreszeit und lebensbedrohendem Ungemach, doch für uns sollte es ja lediglich eine nicht alltägliche Urlaubsreise auf den Spuren meiner Vorfahren sein. Am Freitag, 12.08.2011, fahren wir mit dem Zug über Berlin, Frankfurt/Oder (Übernachtung), Küstrin bis zur Kreisstadt Stargard (Übernachtung), südlich von Danzig. Sonntag, 14.08.2011 (69 km) Am Sonntag starten wir von Stargard/Starogard Gdanski in der Frühe bei nebligem Wetter. Als wir nach 20 Km Kleinwollental/Wolental erreichen, lugt bereits die Sonne hinter den Nebelschleiern hervor und es verspricht ein sonniger Tag zu werden. Zunächst inspizieren wir den ehemals kleinen Bauernhof, den meine Großeltern seinerzeit zugeteilt bekommen hatten. Ich war dort bereits 1993 zusammen mit meiner Mutter, meinem Bruder und meiner Schwester und 1998 mit einem Wohnmobil. Das Wohnhaus war damals dem Verfall preisgegeben, um so erstaunter bin ich, dass am Gebäude eine rege Bautätigkeit eingesetzt hat und vom Eigentümer anscheinend gerettet wird. Ich spreche kurz mit dem jungen Mann, kann mich aber nur schlecht mit ihm verständigen. Immer wieder muss ich feststellen, dass man auch mit englisch in diesem Teil Polens nicht weiterkommt. Die von meinem Großvater damals an der Stallwand gezimmerten Einfluglöcher für seine geliebten Tauben sind nicht mehr vorhanden. Bei meinen vorangegangenen Besuchen im Ort konnte man sie dort noch sehen, jetzt ziert die Giebelwand eine Holzverschalung.   Nach einer Dorfrunde und dem Einkauf einiger Lebensmittel im Kaufladen des Ortes geht es die Anhöhe nach Ponschau/Paczewo hinauf und von dort kurz vor der gerade mit EU-Hilfe restaurierten Kirche in Richtung Schwarzwald/Czarnylas. Am Ortsausgang von Ponschau fällt mir die überwachsene und nicht mehr genutzte Bahnlinie ins Auge und in einiger Entfernung sehe ich den Bahnhof, der unverkennbar noch in seinem ursprünglichen Zustand vorhanden ist. Es überkommt mich immer wieder ein eigentümliches Gefühl, wenn ich vor solchen Gebäuden stehe und mir vorstelle, wie viele verschiedene Menschen, auch deutscher Herkunft, dort ein und ausgegangen sind. Vier Kilometer weiter in Schwarzwald auch eine 2004 - 2006 wunderschön restaurierte Kirche und ein unbefestigter Weg bis Lubichow/Lubichowo. Die Gedanken sind ab und zu bei unseren robusten Fahrrädern und ich hoffe insgeheim, dass sie die nächsten Tage gut durchstehen werden. Nach insgesamt 69 Kilometern kommen wir in Alt-Kischau/Stara Kiszewa an und finden nach kurzer Suche dass von mir im Internet bereits in Deutschland herausgesuchte Hotel Kaschubien. Es lässt für uns so gut wie keine Wünsche offen. Auch der Treck aus Kleinwollental übernachtete in Alt-Kischau. Sie wurden auf zwei Gehöfte aufgeteilt und hörten in der Nacht die heftigen Kämpfe zwischen der deutschen Wehrmacht und der russischen Armee in unmittelbarer Nähe. Montag, 15.08.2011 (76 km) Von Alt-Kischau geht es am anderen Morgen auf der Hauptstraße in Richtung Bütow/Bytow, unserem nächsten Ziel entgegen. Prächtige Alleen säumen schon seit gestern den Weg, vorwiegend handelt es sich dabei um Eschen- und Ahornbäume, die so alt sind, dass sie vom Elendszug der Flüchtlinge berichten könnten, die sich durch Schnee und gegen eisigen Wind gekämpft haben.   Wir selbst fahren bis Mittag bei seichtem Regenwetter, erreichen gegen Abend Bütow und übernachten in der Burg, die vom Deutschen Ritterorden erbaut wurde und in dem sich nun ein Hotel befindet. Bevor wir dort ankommen, haben wir einen harten Kampf gegen den uns aus der Lüneburger Heide so gut bekannten Mollersand hinter uns. Das Fahrrad macht mit dem schweren Gepäck bei diesem Untergrund was es will und der Weg scheint kein Ende zu nehmen. Was ist dies allerdings gegen die Beschwerlichkeit der Flucht 1945, bei der die Menschen immer die Angst vom russischen Militär eingeholt zu werden vor Augen hatten. Man brauchte für die Wegstrecke nach Bütow einen Tag länger als wir Fahrradfahrer, die Pferde waren völlig erschöpft und mussten während der kalten Nacht im Freien stehen, es waren keine Ställe vorhanden.        Dienstag, 16.08.2011 (70 km) Auf der Fahrt von Bütow in Richtung Borntuchen/Borzytuchom, bei vorwiegend Sonnenschein und mäßigem Gegenwind, gehen meine Gedanken immer wieder zu meinen Großeltern mit ihren Kindern und Reisegefährten. Einige ältere Häuser zeugen noch von der deutschen Vergangenheit mit entsprechenden Initialen und Jahreszahlen in den Backsteinwänden. Wie viele Menschen mögen seinerzeit in der Fensterscheiben gesessen und die mollig warmen Stube hinter den vereisten Fliehenden mit ihren Tieren gegen ungewiss dessen, was auf sie die Natur ankämpfend beobachtet haben, selbst noch zukommen werde?                                                 Für uns scheint weiterhin die Sonne und die Fahrräder schnurren nur so dahin. In dieser Gegend Polens gleicht die Landschaft der Lüneburger Heide sehr, Wacholderbüsche und blühendes Heidekraut zwischen alten Kiefernbeständen. Die Wälder wirken sehr aufgeräumt und gut gepflegt. In Bartin/Barcino wird Verpflegung eingekauft und gleich an Ort und Stelle mit einem guten Zywiec-Piwo vertilgt. So lässt es sich leben. Übrigens legte der Treck dort auch eine Rast und eine Übernachtung ein. Die Pferde wurden zum Teil neu beschlagen und man deckte sich, soweit erforderlich, mit Lebensmitteln ein. Wir fahren exakt dieselbe Route weiter über Varzin/Warcino bis nach Wussow/Osowo. Es geht vorbei an wunderschön gelegenen Seen und über Brücken, die über glasklare Bäche führen. Die Landschaft ist leicht hügelig und man muss schon etwas Kondition besitzen, um das stetige Auf und Ab nicht als Übel zu empfinden. In dem kleinen Wussow fallen mir riesige im Verfall befindliche Scheunen und Stallungen auf, die zu einem Gut oder ähnlichem gehört haben müssen. Aus der Fluchtbeschreibung ist bekannt, dass der Treck in diesem Ort zwei Tage zur Erholung bleiben musste. Die Pferde waren am Ende ihrer Kräfte und sie waren schließlich die Lebensversicherung der Menschen, deshalb wurde auf sie besonderes Augenmerk gelegt. Unsere Fahrräder rollen noch 10 Kilometer weiter bis nach Krangen/Krag. Unterwegs fällt mir in der Dorfmitte des kleinen Obleze (deutscher Name nicht bekannt) ein riesiger Findling auf. Eine Inschrift darauf hat folgenden Wortlaut: Unser Wille war härter als die deutsche Not! Was immer der Schreiber mit diesen Zeilen bezwecken wollte - mir bleibt es verschlossen.   In Krangen mieten wir uns in das an einem schönen See gelegene Schlosshotel Podewils ein. Bei den vorhandenen Annehmlichkeiten des ehemaligen Ritterschlosses zu Krangen bekommt man fast ein schlechtes Gewissen, denkt man an die Flüchtenden, die für unsere heutige Etappe insgesamt 4 Tage brauchten. Mittwoch, 17.08.2011, (68 Km) Wir schlagen nach dem guten Frühstück die Nebenstraße nach Latzig/Laski ein und werden mit sehr wenig Verkehr und wunderschönen Alleen belohnt. Der Himmel ist noch bedeckt, aber gegen Mittag erreichen wir Köslin/Koszalin, die Sonne bricht sich Bahn und meint es wirklich gut mit uns. Bei diesen Bedingungen geht die Fahrt viel schneller voran als wir dachten.            Wir wollen die Ostsee sehen und fahren bis in das völlig überlaufene und furchtbar laute Großmöllen/Mielno. Nichts wie weiter nach Sorenbohm/Sarbinowo. Hier erfahren wir, wie es meinen Großeltern so häufig ergangen ist. Wir werden an den überfüllten Hotels und Herbergen abgewiesen, bis wir eine Unterkunft am Rande des Ortes bekommen, die unseren Wünschen vielleicht nicht entspricht, aber in Anbetracht der Situation völlig ausreichend ist. Unser Treck hatte es freilich viel schwieriger, in der Nähe von Latzig/Laski wurde zwei Tage Zwangspause eingelegt. Mehrere Kinder waren krank geworden und das Wetter war einfach zu schlecht um an eine Weiterfahrt zu denken. In der letzten Nacht dann die Nachricht, dass russische Panzer durchgebrochen waren und man machte sich sofort auf in Richtung Köslin, welches man zwei Tage später erreichte. Donnerstag, 18.08.2011 (87 km) Sorenbohm ist nun nicht der ruhige Ostseeort den wir uns vorgestellt haben. Also ab die Post nach Kollberg/Kolobrzeg,  eine der Städte des Sinnbildes der Zerstörung im II. Weltkrieg. Am 28.02.1945 näherten sich die Flüchtenden ebenfalls Kollberg, mussten aber abdrehen und nach Greifenberg/Gryfice weiterfahren. Unterwegs starb beim Führen eines Pferdes eine 80jährige Frau, deren Leiche auf dem Pferdewagen mitgenommen wurde. Es herrschte unbeschreiblich schlechtes Wetter, die Wagen fuhren immer wieder fest, es brachen Räder und man kam am 01.03.1945 mitten in der Nacht in der Nähe von Greifenberg unter. Wir sind in Kollberg und haben uns damit zum ersten Mal kurzfristig vom Fluchtweg entfernt, um die Stadt zumindest kurz in Augenschein zu nehmen. Sie empfängt uns mit einer Militärausstellung am Ortseingang, Panzer und Geschütze sind dort zur Besichtigung aufgestellt, welch eine Ironie zur Geschichte. In Kollberg wird die in ihren Ausmaßen gewaltige Kirche St. Marien und das von Friedrich Schinkel entworfene Rathaus besichtigt. Danach geht es relativ unspektakulär aber relativ langwierig auf Nebenstraßen in Richtung Greifenberg, bis wir wieder auf die Treckroute treffen.  Freitag, 19.08.2011, (61 km) Am Morgen entlädt sich ein heftiges Gewitter und der Regen prasselt auf unser Moteldach. Als wir später die Richtung nach Cammin/Kamien Pomorski einschlagen, ist alles vorbei, aber uns weht den gesamten Tag ein äußerst unangenehmer Sturm entgegen. Die andere Richtung wäre sehr viel angenehmer, aber wir können uns das schließlich nicht aussuchen. Für unsere Flüchtenden waren die nächsten Tage die entscheidenden der gesamten Treckfahrt. Nachdem die Nachricht gebracht wurde, dass russische Panzer bereits ganz nah durchgestoßen waren, brach man überstürzt aus Greifenberg auf. Die Fahrt sollte über Dievenow an der Ostsee weitergehen, aber als man bereits in Cammin war, wurde bekannt, dass die dortige Brücke bereits gesprengt worden sei. Also wurde in südliche Richtung nach Wollin/Wolin abgedreht. Kurz vor Wollin stand der Treck in einem 7 Kilometer langen Stau, es ging überhaupt nichts mehr, weil alles über die dortige Brücke wollte. Ist man vorher schon am Tag nur ca. 4 Kilometer weit gekommen, hier war es noch weniger. Eine Fahrradfahrerin, die den Treck überholte, war völlig aufgelöst und berichtete, dass "der Russe" nur noch 4 Kilometer hinter ihnen sei. Um Mitternacht wurde auch der Kleinwollentaler Treck über die Brücke gelassen, während sich am Himmel deutsche und russische Flugzeuge in Kampfhandlungen befanden und im Rücken der Flüchtenden schwere Panzerkämpfe zu hören waren. Wollin war bereits eine "tote Stadt", die Einwohner hatten den Ort verlassen, um sich in Sicherheit zu bringen. Für uns wird es ab Cammin auch erheblich schwerer voran zu kommen. Der Sturm wird immer stärker und wir fahren diesem jetzt genau entgegen bis nach Wollin. Karin versucht sich im Windschatten meiner doch relativ kleinen Fahrradgestalt zu halten, aber der Wind treibt uns immer wieder auseinander. Endlich sind wir in Wollin angekommen und finden eine Unterkunft. Nach einem Bier und gutem, deftigem polnischem Essen, geht es uns schon wieder viel besser. Der Flüchtlingstreck hingegen verbrachte eine Nacht nach der anderen bei eisiger Kälte im Freien auf der Strecke und es ging in einem wahren Zickzackkurs weiter. Auf dem Pferdewagen meiner Großeltern befanden sich neben ihnen selbst ihre drei eigenen Kinder,  Anna (6 Jahre), Edwin (9 Jahre), Herta (11 Jahre) und zwei kleine Schwestern der Familie Knopp. Ihr Vater, Andreas Knopp, hatte einen Einkaufsladen in Kleinwollental und besaß kein eigenes Fuhrwerk, deshalb wurden seine Töchter von meinen Großeltern mitgenommen. Samstag, 20.08.2011, (68 km) Meine Hoffnung, dass sich der gewaltige Sturm über Nacht legen würde wird nicht erfüllt. Er bläst mit unverminderter Stärke aus Südwest und erschwert unser Weiterkommen enorm. Wir kämpfen uns am Rande des Wolliner Nationalparks durch den Mistrojer Wald bis zur Swine, einer der beiden Oderabflüsse aus dem Stettiner Haff. Die Flüchtenden kamen nach Wollin nur äußerst langsam voran, sämtliche Straßen und Wege waren verstopft. Als man kurzfristig aus der Schlange ausscherte, um für einige Stunden zu ruhen und die Pferde zu füttern, kamen die Fuhrwerke für Stunden nicht mehr auf die Straße zurück.   Wieder verbrachte man mehrere Nächte im Schritttempo fahrend auf dem Wagen, Hunger setzte ein, denn die Lebensmittel und das Pferdefutter wurden knapp. So zog der Elendszug unendlich langsam auf total überlasteten "morastigen" Wegen bis zum Seebad Mistroj/Miedzyzdroje und weiter bis zur Swine. Dort ging es am 11.03.1945, kurz nach Mitternacht, bei völliger Dunkelheit über eine behelfsmäßige Pontonbrücke. Zum Glück scheuten die Pferde nicht, es ging alles gut, in einer Nebenstraße von Swinemünde erholten sich die Getriebenen kurzfristig. Swinemünde wurde einen Tag später, am 12.03.1945 gegen Mittag, von der US Air Force schwer bombardiert und dabei zum größten Teil zerstört. Es sollen dabei bis zu 23000 Menschen den Tod gefunden haben, vorwiegend Flüchtlinge, die sich in der Stadt befanden. Wir setzen komfortabel mit einer großen Fähre über die Swine, mein Blick geht in die Fluten und ich denke daran, wie viele Menschen hier ihr Leben lassen mussten, wie viele Schicksale sich hier entschieden. In Ahlbeck und Heringsdorf , kurz hinter Swinemünde, wurden die flüchtenden Menschen aus Kleinwollental sehr nett aufgenommen, man reichte ihnen tatsächlich Kaffee und der Sonntag wurde den Umständen entsprechend angenehm. In Heringsdorf sind die Flüchtenden im Kurhaus untergebracht worden, die Pferde standen dort sogar auf Marmorböden, was ihnen sicherlich völlig gleichgültig war. Wir haben nun die mittlerweile unsichtbare Grenze nach Deutschland überfahren und entlang der Promenaden zwischen Ahlbeck, Heringsdorf, Bansin und Zinnowitz flanieren unzählige Urlauber und wir müssen gut aufpassen, niemanden anzufahren. Zwischendurch erhaschen wir aber immer wieder einen Ausblick auf die Ostsee. Sonntag, 21.08.2011, (83 km) Wir kommen zunächst sehr gut voran, es geht nordwestlich auf Wolgast zu, eine sehr schön gelegene Stadt am Peenestrom. Kurz vor dieser Stadt hatte der Treck im Wald übernachten müssen, die Stute eines Bauern wurde krank und mein Großvater holte einen Tierarzt. Dies kann ich sehr gut nachvollziehen, ist er doch zeitlebens ein Pferdenarr gewesen. Die Stute ging trotzdem ein und musste zurückgelassen werden.  Im kleinen Dörfchen Dargezin, einem weiteren Halt des Trecks, fallen mir riesige Feldsteinmauern auf, die einen großen, ehemaligen landwirtschaftlichen Hof umschließen. Sollten die Flüchtenden hier die zwei Nächte verbracht haben, von denen berichtet wird, um sich von der Hetze etwas zu erholen? Wieder sind wir mit unseren Fahrrädern 4 Tage schneller als die vor 66 Jahren vor dem Grauen flüchtenden Bessarabier. Was mit ihnen, insbesondere den Frauen, passiert wäre, falls sie von den "Feinden" eingeholt worden wären, ist uns durch persönliche Überlieferungen hinlänglich bekannt.   Wir rollen noch bis kurz vor Altentreptow und haben in unserem zufällig gefundenen Biker- Gutshotel nur noch gegen die dort herrschende Mückenplage zu kämpfen. Montag, 22.08.2011, (90 Km) Es ist wie verhext, wir hatten uns schon gefreut, dass uns der Wind heute von hinten anschieben würde, denn wir schwenken, nachdem Altentreptow erreicht ist, direkt nach Westen in Richtung Stavenhagen. Allerdings hat dieser über Nacht entgegengesetzt gedreht und stemmt sich uns mit voller Kraft entgegen. Es ist extrem anstrengend mit unserem Gepäck die richtige Windschlüpfrigkeit zu erlangen. Bei Karin bemerke ich das erste Mal leichten Unmut. Wir können uns aber überhaupt nicht beklagen, sind wir doch bis zum heutigen Tag von oben nicht einmal nass geworden, lediglich etwas feucht. In Stavenhagen haben wir die stürmischste Strecke hinter uns und wir schnabulieren ausgiebig auf dem Marktplatz, dort wo der Treck am 16.03.1945 ebenfalls hielt und das Fritz-Reuter-Denkmal erwähnt wurde. Natürlich wird davor ein Foto aufgenommen und ich fahre noch schnell zum Bahnhof, dort wo der Treck untergebracht war. Der Bahnhof ist noch in seiner alten Struktur vorhanden, rundherum sieht es aber sehr trostlos aus. Weiter geht´s für uns auf Waren an der Müritz zu. Schlappe 30 Kilometer noch, wenn da nicht der kleine Umweg über Groß Dratow wäre, dort wo die Flüchtlinge auf einem Gut zwei Nächte verblieben, um sich zu erholen Vom Gut sind nur noch zwei in ihren Ausmaßen imposante Stallungen vorhanden, ich schaue mir das gesamte Areal, welches jetzt anscheinend eine landwirtschaftliche Genossenschaft ist, ausgiebig an. Hier also haben die Menschen seinerzeit zwei Nächte im Kälberstall geschlafen und waren an den folgenden Morgen vom Ammoniakgeruch deutlich benommen aufgewacht. Privatquartiere gab es nicht, die Mecklenburger Landsleute wurden immer wieder als sehr unfreundlich beschrieben. Karin und ich mieten uns in einer kleinen Pension in der Nähe des alten Yachthafens in Waren für zwei Nächte ein. Wir liegen mit der Reiseplanung super in der Zeit und gönnen uns hier an der Müritz einen zusätzlichen Tag. Dienstag, 23.08.2011, (38 km) Morgens besichtige ich die St. Marienkirche in Waren und steige auf den Kirchturm. Die Marienkirche ist auf dem höchsten Punkt der Stadt erbaut worden und man hat einen sehr schönen Ausblick auf die umgebende Seenlandschaft und die Altstadt. Karin nutzt den Vormittag zum "Shopping" und nachdem ich noch der St. Georgen Kirche einen Besuch abgestattet habe, treffen wir uns gegen Mittag an unserem verabredeten Ort, den sehr schönen Marktplatz mit seinen vortrefflich restaurierten Gebäuden. Der Nachmittag wird mit einer Fahrradtour entlang der Müritz verbracht. Mittwoch, 24.08.2011, (68 km) Vorbei das "Lotterleben", es geht wieder weiter auf dem Weg der Altvorderen in Richtung Malchow. Das Wetter ist uns nicht so hold, wir werden das erste Mal nass, aber dann haben wir unsere Regencapes wenigstens nicht umsonst mitgenommen. Pünktlich um 12:00 Uhr schlägt das Wetter aber schon wieder zu unseren Gunsten um, es ist sonnig und wird richtig heiß. Vom Nachtlager des Flüchtlingstrecks auf dem ehemaligen Gut in Penkow ist nichts mehr zu entdecken. Kurz hinter Malchow verlassen wir kurz den Treckweg und setzen mit einer Fähre über den Plauer See. Dieses kurze Highlight wollen wir uns gönnen und sind nach kurzer Zeit in der Stadt Plau angekommen. Im Ort ist es für mich schon bewegend, das alte Bahnhofshotel noch in seiner ursprünglichen Form, sogar mit der verblichenen Aufschrift "Bahnhofshotel", vorzufinden. Dort hatten sich die Menschen aus Kleinwollental am 20.03.1945 eine Bleibe gesucht. Eigentlich sollten sie im Schützenhaus untergebracht werden, das war für sie an diesem späten Abend aber nicht mehr zu erreichen. Heute sind in dem Gebäude ein Internetcafe und das Jugendzentrum von Plau untergebracht. Ich gehe hinein, die Treppe und die Zimmertüren scheinen noch aus der damaligen Zeit zu sein. Danach geht es direkt nach Westen in die Bierstadt Lübz. Dort hatte man seinerzeit überlegt, die Flucht zu beenden, entschloss sich aber doch zur Weiterfahrt. Vielleicht wäre ich ja anstatt Polizeibeamter Bierbrauer geworden? Weiter in der Kreisstadt Parchim nächtigen wir im Hotel Stadtkrug und haben es damit entschieden besser als die Flüchtlinge, die in der ehemaligen Konservenfabrik in Massenquartieren untergebracht waren und die Angst umging, sich Läuse und Wanzen einzufangen.   Donnerstag, 25.08.2011, (87 km) Wir verlassen Parchim bei bedecktem Himmel, aber es ist warm und endlich fast windstill. In Neustadt- Glewe bei Ludwigslust halten wir kurz auf dem Marktplatz, hier hatten die Fliehenden gerade ihre Suppe am Mittag bekommen, als Fliegeralarm gegeben wurde. In völliger Hast ging es für sie nach Ludwigslust, die schöne Suppe verkleckerte und konnte nicht eingenommen werden. Der einzige Trost war der schöne Frühlingstag so früh im Jahr. Die Gedanken freilich waren in der Heimat Bessarabien, dort wo man jetzt schon mit der Aussaat beginnen würde. Warum hatte das Schicksal sie dazu verdammt, immer wieder vertrieben zu werden? Ich schlage mit Karin die Richtung nach Karstädt, nördlich von Perleberg ein. Beim Studium der Karte am Vorabend war mir schon aufgefallen, dass dies ein Umweg von ca. 20 km bedeuten wird. Ich zerbreche mir während des Tages darüber den Kopf - weshalb ging es nicht direkt nach Dömitz über die Elbebrücke? Auf einmal entdecke ich auf der Landkarte ein zweites, viel kleineres Karstädt. Das macht jetzt natürlich Sinn, allerdings befinden wir uns schon einige Kilometer südlich von Ludwigslust in Richtung des "falschen" Karstädt. Flugs zurück, ab in das "richtige" Dorf. Hier wurden die Treckfahrer sehr schlecht aufgenommen, es gab wieder einmal keine Verpflegung, Futter und Unterkunft. Man schlief, wie schon so oft, auf den Pferdewagen oder im Freien. Im nächsten Übernachtungsort Neu-Kaliß, kurz vor Dömitz, empfing sie der Bürgermeister aber sehr freundlich und am Schluss der Reise durch Mecklenburg hatten die Flüchtenden Glück und ihnen wohlgesonnene Dorfbewohner. In Dömitz fahren wir über die neu erbaute Dömitzer Brücke. Linksseitig stehen noch die Reste der alten Eisenbahnbrücke, die am 20.04.1945 bei einem Luftangriff zerstört worden ist. In Dannenberg schlagen wir im Hotel "Alte Post" unser Nachtlager auf. Freitag, 26.08.2011, (88 km) Gestern surrten die Kettenschaltungen unserer Fahrräder und es ging leicht dahin, warum fällt es uns heute schwerer, als wir die Straße nach Uelzen unter die Räder nehmen? Wir merken aber bald, dass es auf der B 191 bis Zernien stetig bergan geht. In Hohenzethen biegen wir in Richtung Stoetze ab, dort wo der Treck ebenfalls hingeleitet worden ist. In Stoetze gefiel es den Flüchtlingen ausnehmend gut, die Bauern waren sehr freundlich und insbesondere die niedersächsischen Dörfer mit den eichenbestandenen landwirtschaftlichen Höfen und Ortsmittelpunkten gefielen ihnen gut. Deshalb wurde wahrscheinlich auch noch ein Ausruhtag in Stoetze eingelegt. Wir radeln bereits in Uelzen ein, halten kurz Rast und schon geht es weiter über Wieren nach Bad Bodenteich. Mittlerweile steigt das Quecksilber auf über 30 Grad, wie wir an verschiedenen Anzeigen der Geschäfte in den Ortschaften ablesen können. Die nächste Übernachtung des Trecks fand in Uelzen statt, die Pferde hatten einen guten Stall, die Menschen verbrachten erneut eine Nacht im Freien im oder unter dem Pferdewagen, denn die zugewiesene Turnhalle erweckte den Anschein, als wenn es sich bei einigen Bettgenossen um Läuse oder Wanzen handeln könnte. In Uelzen erhielt man den letzten Fahrbefehl der Flucht, und zwar in den Landkreis Gifhorn. In Bodenteich sollte für die Treckfahrer Mittagessen ausgegeben werden, aber zwei Tage vorher, am 25.März 1945, waren am Bahnhof drei Munitionswagen explodiert und ca. 80 Menschen fanden dabei den Tod. Nach den Aufzeichnungen der Lehrerin aus Kleinwollental sollen keine  unbeschädigten Fenster und Dächer mehr in der Ortschaft vorhanden gewesen sein. Der Flüchtlingszug machte deshalb in Langenbrügge halt und die Mütter kochten, wie schon so oft zuvor, ihr Essen selbst. Möglicherweise waren noch Lebensmittelbestände vorhanden, die sie von zu Hause mitnahmen. Mir ist bekannt, dass meine Großeltern extra für die Flucht kurz zuvor noch ein Schwein geschlachtet hatten. In Wittingen wurde den Flüchtenden von der Kreisleitung dann endlich ihr Bestimmungsort mitgeteilt - Hankensbüttel. Mittlerweile war es aber schon so spät geworden, dass man den Weg dorthin nicht mehr auf sich nehmen wollte. In Glüsingen wurde die Nacht bei sehr netten Leuten verbracht und am nächsten Tag, 28.03.1945, kamen die Getriebenen am Mittag um 12:00 Uhr auf dem Jahnplatz an der Karl-Söhle-Schule in Hankensbüttel an. Von dort wurden sie zum Schützenplatz in Emmen geschickt, wo sie 2 - 3 Tage blieben. Bis auf fünf bessarabische Familien kamen alle anderen in Emmen unter und sind dort zum Teil noch heute wohnhaft. Nach genau 960 gefahrenen Kilometern und 12 Tagen Fahrt kommen Karin und ich in Hankensbüttel an. Natürlich fahren wir dort auf den Jahnplatz und zum Schützenhaus in Emmen, dort wo die Flucht kurz vor Kriegsende auch ihr Ende gefunden hatte. Für mich hat sich nun ein lang gehegter Wunsch erfüllt und Karin war nach anfänglicher Skepsis ebenfalls froh, an der Tour teilgenommen zu haben, denn wir sind um einige Erfahrungen reicher und haben ganz besondere Eindrücke, auch aus dem Blickwinkel der historischen Sichtweise, in uns aufgenommen.    Ulrich Derwenskus << zurück zur Auswahl