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Eine Fahrradtour im August 2011
auf dem Fluchtweg meiner Großeltern
von Kleinwollental (ehemals Westpreussen) nach Emmen
Nachdem meine Großeltern Adolf und Christine Stock, geb. Groß, im Jahre 1940 aus
dem Dorf Katzbach in Bessarabien nach gut einem Jahr Lageraufenthalt im Deutschen
Reich in Westpreussen auf einen ehemals polnischen Bauernhof umgesiedelt wurden,
mussten sie bereits im Februar 1945 von dort erneut eine große Reise antreten - die
Flucht vor der russischen Armee.
Wieder wurden diese Menschen herumgestoßen und am Freitagmorgen, 16.Februar 1945, um 03:00 Uhr, setzte
sich der Treck in bitterkalter Nacht bei leichtem Schneefall vom kleinen Dorf Kleinwollental, ca. 60 km südlich
von Danzig im Kreis Stargard, in Bewegung. Der gesamte Treck bestand aus 13 Pferdewagen, mehrheitlich alles
Bessarabiendeutsche aus dem Dorf Katzbach, die gemeinsam in Kleinwollental angesiedelt worden waren.
Die Stationen und Erlebnisse der Flucht wurden von der Lehrerin des Ortes, Frau Willmanns, schriftlich
festgehalten und so konnte ich die Fahrt sehr genau nachvollziehen.
Im August war es endlich soweit, ich hatte im Vorfeld meine Ehefrau Karin dazu bewegen können, den unter
äußersten Strapazen im Winter 1945 von den Großeltern mit ihren drei Kindern bewältigten Fluchtweg von
Westpreussen nach Hankensbüttel-Emmen mit dem Fahrrad zu fahren. Sicherlich ein ungleiches Verhältnis von
Jahreszeit und lebensbedrohendem Ungemach, doch für uns sollte es ja lediglich eine nicht alltägliche
Urlaubsreise auf den Spuren meiner Vorfahren sein.
Am Freitag, 12.08.2011, fahren wir mit dem Zug über Berlin, Frankfurt/Oder (Übernachtung), Küstrin bis zur
Kreisstadt Stargard (Übernachtung), südlich von Danzig.
Sonntag, 14.08.2011 (69 km)
Am Sonntag starten wir von Stargard/Starogard Gdanski in der Frühe bei nebligem Wetter. Als wir nach 20 Km
Kleinwollental/Wolental erreichen, lugt bereits die Sonne hinter den Nebelschleiern hervor und es verspricht ein
sonniger Tag zu werden.
Zunächst inspizieren wir den ehemals kleinen Bauernhof, den meine Großeltern seinerzeit zugeteilt bekommen
hatten. Ich war dort bereits 1993 zusammen mit meiner Mutter, meinem Bruder und meiner Schwester und 1998
mit einem Wohnmobil.
Das Wohnhaus war damals dem Verfall preisgegeben, um so erstaunter bin ich, dass am Gebäude eine rege
Bautätigkeit eingesetzt hat und vom Eigentümer anscheinend
gerettet wird. Ich spreche kurz mit dem jungen Mann, kann mich
aber nur schlecht mit ihm verständigen. Immer wieder muss ich
feststellen, dass man auch mit englisch in diesem Teil Polens
nicht weiterkommt.
Die von meinem Großvater damals an der Stallwand
gezimmerten Einfluglöcher für seine geliebten Tauben sind nicht
mehr vorhanden. Bei meinen vorangegangenen Besuchen im Ort
konnte man sie dort noch sehen, jetzt ziert die Giebelwand eine
Holzverschalung.
Nach einer Dorfrunde und dem Einkauf einiger Lebensmittel im
Kaufladen des Ortes geht es die Anhöhe nach
Ponschau/Paczewo hinauf und von dort kurz vor der gerade mit
EU-Hilfe restaurierten Kirche in Richtung Schwarzwald/Czarnylas.
Am Ortsausgang von Ponschau fällt mir die überwachsene und
nicht mehr genutzte Bahnlinie ins Auge und in einiger Entfernung
sehe ich den Bahnhof, der unverkennbar noch in seinem
ursprünglichen Zustand vorhanden ist. Es überkommt mich immer
wieder ein eigentümliches Gefühl, wenn ich vor solchen
Gebäuden stehe und mir vorstelle, wie viele verschiedene
Menschen, auch deutscher Herkunft, dort ein und ausgegangen
sind.
Vier Kilometer
weiter in
Schwarzwald
auch eine 2004 - 2006 wunderschön restaurierte Kirche und ein
unbefestigter Weg bis Lubichow/Lubichowo. Die Gedanken sind
ab und zu bei unseren robusten Fahrrädern und ich hoffe
insgeheim, dass sie die nächsten Tage gut durchstehen
werden.
Nach insgesamt 69 Kilometern kommen wir in Alt-Kischau/Stara
Kiszewa an und finden nach kurzer Suche dass von mir im
Internet bereits in Deutschland herausgesuchte Hotel
Kaschubien. Es lässt für uns so gut wie keine Wünsche offen.
Auch der Treck aus Kleinwollental übernachtete in Alt-Kischau.
Sie wurden auf zwei Gehöfte aufgeteilt und hörten in der Nacht die heftigen Kämpfe zwischen der deutschen
Wehrmacht und der russischen Armee in unmittelbarer Nähe.
Montag, 15.08.2011 (76 km)
Von Alt-Kischau geht es am anderen Morgen auf der Hauptstraße in Richtung
Bütow/Bytow, unserem nächsten Ziel entgegen.
Prächtige Alleen säumen schon seit gestern den Weg, vorwiegend handelt es
sich dabei um Eschen- und Ahornbäume, die so alt sind, dass sie vom Elendszug
der Flüchtlinge berichten könnten, die sich durch Schnee und gegen eisigen
Wind gekämpft haben.
Wir selbst fahren bis Mittag bei seichtem Regenwetter, erreichen gegen Abend
Bütow und übernachten in der Burg, die vom Deutschen Ritterorden erbaut
wurde und in dem sich nun ein Hotel befindet. Bevor wir dort ankommen, haben
wir einen harten Kampf gegen den uns aus der Lüneburger Heide so gut
bekannten Mollersand hinter uns. Das Fahrrad macht mit dem schweren Gepäck
bei diesem Untergrund was es
will und der Weg scheint kein
Ende zu nehmen.
Was ist dies allerdings gegen
die Beschwerlichkeit der Flucht
1945, bei der die Menschen
immer die Angst vom russischen Militär eingeholt zu werden
vor Augen hatten. Man brauchte für die Wegstrecke nach
Bütow einen Tag länger als wir Fahrradfahrer, die Pferde waren
völlig erschöpft und mussten während der kalten Nacht im
Freien stehen, es waren keine Ställe vorhanden.
Dienstag, 16.08.2011 (70 km)
Auf der Fahrt von Bütow in Richtung Borntuchen/Borzytuchom,
bei vorwiegend Sonnenschein und mäßigem Gegenwind, gehen meine Gedanken immer wieder zu meinen
Großeltern mit ihren Kindern und Reisegefährten. Einige ältere Häuser zeugen noch von der deutschen
Vergangenheit mit entsprechenden Initialen und Jahreszahlen in den Backsteinwänden. Wie viele Menschen
mögen seinerzeit in der Fensterscheiben gesessen und die mollig warmen Stube hinter den vereisten
Fliehenden mit ihren Tieren gegen ungewiss dessen, was auf sie die Natur ankämpfend beobachtet haben,
selbst noch zukommen werde?
Für uns scheint weiterhin die Sonne und die Fahrräder schnurren nur so dahin. In dieser Gegend Polens gleicht
die Landschaft der Lüneburger Heide sehr, Wacholderbüsche und blühendes Heidekraut zwischen alten
Kiefernbeständen. Die Wälder wirken sehr aufgeräumt und gut gepflegt.
In Bartin/Barcino wird Verpflegung eingekauft und gleich an Ort und Stelle mit einem guten Zywiec-Piwo vertilgt.
So lässt es sich leben.
Übrigens legte der Treck dort auch eine Rast und eine Übernachtung ein. Die Pferde wurden zum Teil neu
beschlagen und man deckte sich, soweit erforderlich, mit Lebensmitteln ein.
Wir fahren exakt dieselbe Route weiter über Varzin/Warcino bis nach Wussow/Osowo. Es geht vorbei an
wunderschön gelegenen Seen und über Brücken, die über glasklare Bäche führen. Die Landschaft ist leicht
hügelig und man muss schon etwas Kondition besitzen, um das stetige Auf und Ab nicht als Übel zu empfinden.
In dem kleinen Wussow fallen mir riesige im Verfall befindliche Scheunen und Stallungen auf, die zu einem Gut
oder ähnlichem gehört haben müssen.
Aus der Fluchtbeschreibung ist bekannt, dass der Treck in diesem
Ort zwei Tage zur Erholung bleiben musste. Die Pferde waren am
Ende ihrer Kräfte und sie waren schließlich die
Lebensversicherung der Menschen, deshalb wurde auf sie
besonderes Augenmerk gelegt.
Unsere Fahrräder rollen noch 10 Kilometer weiter bis nach
Krangen/Krag. Unterwegs fällt mir in der Dorfmitte des kleinen
Obleze (deutscher Name nicht bekannt) ein riesiger Findling auf.
Eine Inschrift darauf hat folgenden Wortlaut: Unser Wille war
härter als die
deutsche Not!
Was immer der
Schreiber mit
diesen Zeilen bezwecken wollte - mir bleibt es verschlossen.
In Krangen mieten wir uns in das an einem schönen See
gelegene Schlosshotel Podewils ein. Bei den vorhandenen
Annehmlichkeiten des ehemaligen Ritterschlosses zu Krangen
bekommt man fast ein schlechtes Gewissen, denkt man an die
Flüchtenden, die für unsere heutige Etappe insgesamt 4 Tage
brauchten.
Mittwoch, 17.08.2011, (68 Km)
Wir schlagen nach dem guten Frühstück die Nebenstraße nach Latzig/Laski ein und werden mit sehr wenig
Verkehr und wunderschönen Alleen belohnt. Der Himmel ist noch bedeckt, aber gegen Mittag erreichen wir
Köslin/Koszalin, die Sonne bricht sich Bahn und meint es wirklich gut mit uns. Bei diesen Bedingungen geht die
Fahrt viel schneller voran als wir dachten.
Wir wollen die Ostsee sehen und fahren bis in das völlig überlaufene und furchtbar laute Großmöllen/Mielno.
Nichts wie weiter nach Sorenbohm/Sarbinowo.
Hier erfahren wir, wie es meinen Großeltern so häufig ergangen ist. Wir werden an den überfüllten Hotels und
Herbergen abgewiesen, bis wir eine Unterkunft am Rande des Ortes bekommen, die unseren Wünschen
vielleicht nicht entspricht, aber in Anbetracht der Situation völlig ausreichend ist.
Unser Treck hatte es freilich viel schwieriger, in der Nähe von Latzig/Laski wurde zwei Tage Zwangspause
eingelegt. Mehrere Kinder waren krank geworden und das Wetter war einfach zu schlecht um an eine Weiterfahrt
zu denken. In der letzten Nacht dann die Nachricht, dass russische Panzer durchgebrochen waren und man
machte sich sofort auf in Richtung Köslin, welches man zwei Tage später erreichte.
Donnerstag, 18.08.2011 (87 km)
Sorenbohm ist nun nicht der ruhige Ostseeort den wir uns vorgestellt haben. Also ab die Post nach
Kollberg/Kolobrzeg, eine der Städte des Sinnbildes der Zerstörung
im II. Weltkrieg.
Am 28.02.1945 näherten sich die Flüchtenden ebenfalls Kollberg,
mussten aber abdrehen und nach Greifenberg/Gryfice
weiterfahren. Unterwegs starb beim Führen eines Pferdes eine
80jährige Frau, deren Leiche auf dem Pferdewagen
mitgenommen wurde. Es herrschte unbeschreiblich schlechtes
Wetter, die Wagen fuhren immer wieder fest, es brachen Räder
und man kam am 01.03.1945 mitten in der Nacht in der Nähe von
Greifenberg unter.
Wir sind in Kollberg und haben uns damit zum ersten Mal
kurzfristig vom Fluchtweg entfernt, um die Stadt zumindest kurz in
Augenschein zu nehmen. Sie empfängt uns mit einer
Militärausstellung am Ortseingang, Panzer und Geschütze sind
dort zur Besichtigung aufgestellt, welch eine Ironie zur Geschichte.
In Kollberg wird die in ihren Ausmaßen gewaltige Kirche St. Marien und das von Friedrich Schinkel entworfene
Rathaus besichtigt. Danach geht es relativ unspektakulär aber relativ langwierig auf Nebenstraßen in Richtung
Greifenberg, bis wir wieder auf die Treckroute treffen.
Freitag, 19.08.2011, (61 km)
Am Morgen entlädt sich ein heftiges Gewitter und der Regen prasselt auf unser Moteldach. Als wir später die
Richtung nach Cammin/Kamien Pomorski einschlagen, ist alles vorbei, aber uns weht den gesamten Tag ein
äußerst unangenehmer Sturm entgegen. Die andere Richtung wäre sehr viel angenehmer, aber wir können uns
das schließlich nicht aussuchen.
Für unsere Flüchtenden waren die nächsten Tage die entscheidenden der gesamten Treckfahrt. Nachdem die
Nachricht gebracht wurde, dass russische Panzer bereits ganz nah durchgestoßen waren, brach man überstürzt
aus Greifenberg auf. Die Fahrt sollte über Dievenow an der Ostsee weitergehen, aber als man bereits in
Cammin war, wurde bekannt, dass die dortige Brücke bereits gesprengt worden sei. Also wurde in südliche
Richtung nach Wollin/Wolin abgedreht. Kurz vor Wollin stand der Treck in einem 7 Kilometer langen Stau, es
ging überhaupt nichts mehr, weil alles über die dortige Brücke wollte. Ist man vorher schon am Tag nur ca. 4
Kilometer weit gekommen, hier war es noch weniger. Eine Fahrradfahrerin, die den Treck überholte, war völlig
aufgelöst und berichtete, dass "der Russe" nur noch 4 Kilometer hinter ihnen sei. Um Mitternacht wurde auch der
Kleinwollentaler Treck über die Brücke gelassen, während sich am Himmel deutsche und russische Flugzeuge in
Kampfhandlungen befanden und im Rücken der Flüchtenden schwere Panzerkämpfe zu hören waren. Wollin
war bereits eine "tote Stadt", die Einwohner hatten den Ort verlassen, um sich in Sicherheit zu bringen.
Für uns wird es ab Cammin auch erheblich schwerer voran zu kommen. Der Sturm wird immer stärker und wir
fahren diesem jetzt genau entgegen bis nach Wollin. Karin versucht sich im Windschatten meiner doch relativ
kleinen Fahrradgestalt zu halten, aber der Wind treibt uns immer wieder auseinander. Endlich sind wir in Wollin
angekommen und finden eine Unterkunft. Nach einem Bier und gutem, deftigem polnischem Essen, geht es uns
schon wieder viel besser.
Der Flüchtlingstreck hingegen verbrachte eine Nacht nach der anderen bei eisiger Kälte im Freien auf der
Strecke und es ging in einem wahren Zickzackkurs weiter. Auf dem Pferdewagen meiner Großeltern befanden
sich neben ihnen selbst ihre drei eigenen Kinder, Anna (6 Jahre), Edwin (9 Jahre), Herta (11 Jahre) und zwei
kleine Schwestern der Familie Knopp. Ihr Vater, Andreas Knopp, hatte einen Einkaufsladen in Kleinwollental und
besaß kein eigenes Fuhrwerk, deshalb wurden seine Töchter von meinen Großeltern mitgenommen.
Samstag, 20.08.2011, (68 km)
Meine Hoffnung, dass sich der gewaltige Sturm über Nacht legen würde wird nicht erfüllt. Er bläst mit
unverminderter Stärke aus Südwest und erschwert unser Weiterkommen enorm. Wir kämpfen uns am Rande
des Wolliner Nationalparks durch den Mistrojer Wald bis zur Swine, einer der beiden Oderabflüsse aus dem
Stettiner Haff.
Die Flüchtenden kamen nach Wollin nur äußerst langsam voran, sämtliche Straßen und Wege waren verstopft.
Als man kurzfristig aus der Schlange ausscherte, um für einige Stunden zu ruhen und die Pferde zu füttern,
kamen die Fuhrwerke für Stunden nicht mehr auf die Straße zurück.
Wieder verbrachte man mehrere Nächte im Schritttempo fahrend auf dem Wagen, Hunger setzte ein, denn die
Lebensmittel und das Pferdefutter wurden knapp. So zog der Elendszug unendlich langsam auf total
überlasteten "morastigen" Wegen bis zum Seebad Mistroj/Miedzyzdroje und weiter bis zur Swine. Dort ging es
am 11.03.1945, kurz nach Mitternacht, bei völliger Dunkelheit über eine behelfsmäßige Pontonbrücke. Zum
Glück scheuten die Pferde nicht, es ging alles gut, in einer Nebenstraße von Swinemünde erholten sich die
Getriebenen kurzfristig.
Swinemünde wurde einen Tag später, am 12.03.1945 gegen Mittag, von der US Air Force schwer bombardiert
und dabei zum größten Teil zerstört. Es sollen dabei bis zu 23000 Menschen den Tod gefunden haben,
vorwiegend Flüchtlinge, die sich in der Stadt befanden.
Wir setzen komfortabel mit einer großen Fähre über die Swine,
mein Blick geht in die Fluten und ich denke daran, wie viele
Menschen hier ihr Leben lassen mussten, wie viele Schicksale
sich hier entschieden.
In Ahlbeck und Heringsdorf , kurz hinter Swinemünde, wurden die
flüchtenden Menschen aus Kleinwollental sehr nett
aufgenommen, man reichte ihnen tatsächlich Kaffee und der
Sonntag wurde den Umständen entsprechend angenehm. In
Heringsdorf sind die Flüchtenden im Kurhaus untergebracht
worden, die Pferde standen dort sogar auf Marmorböden, was
ihnen sicherlich völlig gleichgültig war.
Wir haben nun die mittlerweile unsichtbare Grenze nach
Deutschland überfahren und entlang der Promenaden zwischen Ahlbeck, Heringsdorf, Bansin und Zinnowitz
flanieren unzählige Urlauber und wir müssen gut aufpassen, niemanden anzufahren. Zwischendurch erhaschen
wir aber immer wieder einen Ausblick auf die Ostsee.
Sonntag, 21.08.2011, (83 km)
Wir kommen zunächst sehr gut voran, es geht nordwestlich auf Wolgast zu, eine sehr schön gelegene Stadt am
Peenestrom.
Kurz vor dieser Stadt hatte der Treck im Wald übernachten müssen, die Stute eines Bauern wurde krank und
mein Großvater holte einen Tierarzt. Dies kann ich sehr gut nachvollziehen, ist er doch zeitlebens ein Pferdenarr
gewesen. Die Stute ging trotzdem ein und musste zurückgelassen werden.
Im kleinen Dörfchen Dargezin, einem weiteren Halt des Trecks, fallen mir riesige Feldsteinmauern auf, die einen
großen, ehemaligen landwirtschaftlichen Hof umschließen. Sollten die Flüchtenden hier die zwei Nächte
verbracht haben, von denen berichtet wird, um sich von der Hetze etwas zu erholen?
Wieder sind wir mit unseren Fahrrädern 4 Tage schneller als die vor 66 Jahren vor dem Grauen flüchtenden
Bessarabier. Was mit ihnen, insbesondere den Frauen, passiert wäre, falls sie von den "Feinden" eingeholt
worden wären, ist uns durch persönliche Überlieferungen hinlänglich bekannt.
Wir rollen noch bis kurz vor Altentreptow und haben in unserem zufällig gefundenen Biker- Gutshotel nur noch
gegen die dort herrschende Mückenplage zu kämpfen.
Montag, 22.08.2011, (90 Km)
Es ist wie verhext, wir hatten uns schon gefreut, dass uns der Wind heute von hinten anschieben würde, denn
wir schwenken, nachdem Altentreptow erreicht ist, direkt nach Westen in Richtung Stavenhagen. Allerdings hat
dieser über Nacht entgegengesetzt gedreht und stemmt sich uns
mit voller Kraft entgegen. Es ist extrem anstrengend mit unserem
Gepäck die richtige Windschlüpfrigkeit zu erlangen. Bei Karin
bemerke ich das erste Mal leichten Unmut. Wir können uns aber
überhaupt nicht beklagen, sind wir doch bis zum heutigen Tag von
oben nicht einmal nass geworden, lediglich etwas feucht.
In Stavenhagen haben wir die stürmischste Strecke hinter uns und
wir schnabulieren ausgiebig auf dem Marktplatz, dort wo der Treck
am 16.03.1945 ebenfalls hielt und das Fritz-Reuter-Denkmal
erwähnt wurde. Natürlich wird davor ein Foto aufgenommen und ich
fahre noch schnell zum Bahnhof, dort wo der Treck untergebracht
war. Der Bahnhof ist noch in seiner alten Struktur vorhanden,
rundherum sieht es aber sehr trostlos aus.
Weiter geht´s für uns auf Waren an der Müritz zu. Schlappe
30 Kilometer noch, wenn da nicht der kleine Umweg über
Groß Dratow wäre, dort wo die Flüchtlinge auf einem Gut
zwei Nächte verblieben, um sich zu erholen.
Vom Gut sind nur noch zwei in ihren Ausmaßen imposante
Stallungen vorhanden, ich schaue mir das gesamte Areal,
welches jetzt anscheinend eine landwirtschaftliche
Genossenschaft ist, ausgiebig an.
Hier also haben die Menschen seinerzeit zwei Nächte im
Kälberstall geschlafen und waren an den folgenden Morgen
vom Ammoniakgeruch deutlich benommen aufgewacht.
Privatquartiere gab es nicht, die Mecklenburger Landsleute
wurden immer wieder als sehr unfreundlich beschrieben.
Karin und ich mieten uns in einer kleinen Pension in der
Nähe des alten Yachthafens in Waren für zwei Nächte ein.
Wir liegen mit der Reiseplanung super in der Zeit und gönnen uns hier an der Müritz einen zusätzlichen Tag.
Dienstag, 23.08.2011, (38 km)
Morgens besichtige ich die St. Marienkirche in Waren und steige auf den Kirchturm. Die Marienkirche ist auf dem
höchsten Punkt der Stadt erbaut worden und man hat einen sehr schönen Ausblick auf die umgebende
Seenlandschaft und die Altstadt.
Karin nutzt den Vormittag zum "Shopping" und nachdem ich noch der St. Georgen Kirche einen Besuch
abgestattet habe, treffen wir uns gegen Mittag an unserem verabredeten Ort, den sehr schönen Marktplatz mit
seinen vortrefflich restaurierten Gebäuden. Der Nachmittag wird mit einer Fahrradtour entlang der Müritz
verbracht.
Mittwoch, 24.08.2011, (68 km)
Vorbei das "Lotterleben", es geht wieder weiter auf dem Weg der Altvorderen in Richtung Malchow. Das Wetter
ist uns nicht so hold, wir werden das erste Mal nass, aber dann haben wir unsere Regencapes wenigstens nicht
umsonst mitgenommen. Pünktlich um 12:00 Uhr schlägt das Wetter aber schon wieder zu unseren Gunsten um,
es ist sonnig und wird richtig heiß.
Vom Nachtlager des Flüchtlingstrecks auf dem ehemaligen Gut in Penkow ist nichts mehr zu entdecken. Kurz
hinter Malchow verlassen wir kurz den Treckweg und setzen mit einer Fähre über den Plauer See. Dieses kurze
Highlight wollen wir uns gönnen und sind nach kurzer Zeit in der Stadt Plau angekommen.
Im Ort ist es für mich schon bewegend, das alte Bahnhofshotel
noch in seiner ursprünglichen Form, sogar mit der verblichenen
Aufschrift "Bahnhofshotel", vorzufinden. Dort hatten sich die
Menschen aus Kleinwollental am 20.03.1945 eine Bleibe gesucht.
Eigentlich sollten sie im Schützenhaus untergebracht werden, das
war für sie an diesem späten Abend aber nicht mehr zu erreichen.
Heute sind in
dem Gebäude
ein Internetcafe
und das
Jugendzentrum
von Plau
untergebracht.
Ich gehe hinein,
die Treppe und die Zimmertüren scheinen noch aus der
damaligen Zeit zu sein.
Danach geht es direkt nach Westen in die Bierstadt Lübz. Dort
hatte man seinerzeit überlegt, die Flucht zu beenden,
entschloss sich aber doch zur Weiterfahrt. Vielleicht wäre ich ja
anstatt Polizeibeamter Bierbrauer geworden?
Weiter in der Kreisstadt Parchim nächtigen wir im Hotel
Stadtkrug und haben es damit entschieden besser als die Flüchtlinge, die in der ehemaligen Konservenfabrik in
Massenquartieren untergebracht waren und die Angst umging, sich Läuse und Wanzen einzufangen.
Donnerstag, 25.08.2011, (87 km)
Wir verlassen Parchim bei bedecktem Himmel, aber es ist warm und endlich fast windstill. In Neustadt- Glewe
bei Ludwigslust halten wir kurz auf dem Marktplatz, hier hatten die Fliehenden gerade ihre Suppe am Mittag
bekommen, als Fliegeralarm gegeben wurde. In völliger Hast ging es für sie nach Ludwigslust, die schöne Suppe
verkleckerte und konnte nicht eingenommen werden. Der einzige Trost war der schöne Frühlingstag so früh im
Jahr. Die Gedanken freilich waren in der Heimat Bessarabien, dort wo man jetzt schon mit der Aussaat beginnen
würde. Warum hatte das Schicksal sie dazu verdammt, immer wieder vertrieben zu werden?
Ich schlage mit Karin die Richtung nach Karstädt, nördlich von Perleberg ein. Beim Studium der Karte am
Vorabend war mir schon aufgefallen, dass dies ein Umweg von ca. 20 km bedeuten wird. Ich zerbreche mir
während des Tages darüber den Kopf - weshalb ging es nicht direkt nach Dömitz über die Elbebrücke? Auf
einmal entdecke ich auf der Landkarte ein zweites, viel kleineres Karstädt. Das macht jetzt natürlich Sinn,
allerdings befinden wir uns schon einige Kilometer südlich von Ludwigslust in Richtung des "falschen" Karstädt.
Flugs zurück, ab in das "richtige" Dorf.
Hier wurden die Treckfahrer sehr schlecht aufgenommen, es gab wieder einmal keine Verpflegung, Futter und
Unterkunft. Man schlief, wie schon so oft, auf den Pferdewagen oder im Freien.
Im nächsten Übernachtungsort Neu-Kaliß, kurz vor Dömitz, empfing sie der Bürgermeister aber sehr freundlich
und am Schluss der Reise durch Mecklenburg hatten die Flüchtenden Glück und ihnen wohlgesonnene
Dorfbewohner.
In Dömitz fahren wir über die neu erbaute Dömitzer Brücke. Linksseitig stehen noch die Reste der alten
Eisenbahnbrücke, die am 20.04.1945 bei einem Luftangriff zerstört worden ist. In Dannenberg schlagen wir im
Hotel "Alte Post" unser Nachtlager auf.
Freitag, 26.08.2011, (88 km)
Gestern surrten die Kettenschaltungen unserer Fahrräder und es ging leicht dahin, warum fällt es uns heute
schwerer, als wir die Straße nach Uelzen unter die Räder nehmen? Wir merken aber bald, dass es auf der B 191
bis Zernien stetig bergan geht. In Hohenzethen biegen wir in Richtung Stoetze ab, dort wo der Treck ebenfalls
hingeleitet worden ist.
In Stoetze gefiel es den Flüchtlingen ausnehmend gut, die Bauern waren sehr freundlich und insbesondere die
niedersächsischen Dörfer mit den eichenbestandenen landwirtschaftlichen Höfen und Ortsmittelpunkten gefielen
ihnen gut. Deshalb wurde wahrscheinlich auch noch ein Ausruhtag in Stoetze eingelegt.
Wir radeln bereits in Uelzen ein, halten kurz Rast und schon geht es weiter über Wieren nach Bad Bodenteich.
Mittlerweile steigt das Quecksilber auf über 30 Grad, wie wir an verschiedenen Anzeigen der Geschäfte in den
Ortschaften ablesen können.
Die nächste Übernachtung des Trecks fand in Uelzen statt, die Pferde hatten einen guten Stall, die Menschen
verbrachten erneut eine Nacht im Freien im oder unter dem Pferdewagen, denn die zugewiesene Turnhalle
erweckte den Anschein, als wenn es sich bei einigen Bettgenossen um Läuse oder Wanzen handeln könnte.
In Uelzen erhielt man den letzten Fahrbefehl der Flucht, und zwar in den Landkreis Gifhorn. In Bodenteich sollte
für die Treckfahrer Mittagessen ausgegeben werden, aber zwei Tage vorher, am 25.März 1945, waren am
Bahnhof drei Munitionswagen explodiert und ca. 80 Menschen fanden dabei den Tod. Nach den Aufzeichnungen
der Lehrerin aus Kleinwollental sollen keine unbeschädigten Fenster und Dächer mehr in der Ortschaft
vorhanden gewesen sein. Der Flüchtlingszug machte deshalb in Langenbrügge halt und die Mütter kochten, wie
schon so oft zuvor, ihr Essen selbst. Möglicherweise waren noch Lebensmittelbestände vorhanden, die sie von
zu Hause mitnahmen. Mir ist bekannt, dass meine Großeltern extra für die Flucht kurz zuvor noch ein Schwein
geschlachtet hatten.
In Wittingen wurde den Flüchtenden von der Kreisleitung dann endlich ihr Bestimmungsort mitgeteilt -
Hankensbüttel. Mittlerweile war es aber schon so spät geworden, dass man den Weg dorthin nicht mehr auf sich
nehmen wollte. In Glüsingen wurde die Nacht bei sehr netten Leuten verbracht und am nächsten Tag,
28.03.1945, kamen die Getriebenen am Mittag um 12:00 Uhr auf dem Jahnplatz an der Karl-Söhle-Schule in
Hankensbüttel an. Von dort wurden sie zum Schützenplatz in Emmen geschickt, wo sie 2 - 3 Tage blieben. Bis
auf fünf bessarabische Familien kamen alle anderen in Emmen unter und sind dort zum Teil noch heute
wohnhaft.
Nach genau 960 gefahrenen Kilometern und 12 Tagen
Fahrt kommen Karin und ich in Hankensbüttel an.
Natürlich fahren wir dort auf den Jahnplatz und zum
Schützenhaus in Emmen, dort wo die Flucht kurz vor
Kriegsende auch ihr Ende gefunden hatte.
Für mich hat sich nun ein lang gehegter Wunsch
erfüllt und Karin war nach anfänglicher Skepsis
ebenfalls froh, an der Tour teilgenommen zu
haben, denn wir sind um einige Erfahrungen
reicher und haben ganz besondere Eindrücke,
auch aus dem Blickwinkel der historischen
Sichtweise, in uns aufgenommen.
Ulrich Derwenskus
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