© by Ani in 2010 Feedback Copyright Links    Impressum      Spendenkonto   Webmail Reise nach Bessarabien vom 03.06. bis 09.06.2011 von Dieter und Lore Oelke, geb. Hedrich 3. Juni 2011 Wir waren gut vorbereitet. 4.45 Uhr starteten wir in Weimar. Gegen 6.00 Uhr trafen wir auf einem privaten Autoparkplatz am Rande von Leipzig ein. Das Abstellen, Bezahlen und der Zubringer zum Flughafen liefen perfekt. Am Check-In gaben wir unsere Koffer ab, erhielten unsere Flugtickets (e-Buchung) und waren zufrieden. Zu früh gefreut. Als Dieter zehn Minuten später an die Anzeigetafel sah, stellte er fest, dass in diesem Moment der Flug nach Wien gestrichen war. Was tun? An der Information bot man uns einen Ausweichflug über München-Kiew nach Odessa an. Ankunft spät in der Nacht. Da würde keiner auf uns warten. So beschlossen wir, die Maschine am nächsten Tag zu nehmen. Das Reiseunternehmen Becker wurde unverzüglich von der neuen Situation informiert. So wurden wir zur Überbrückung des Tages in ein nahegelegenes Hotel gefahren. Essen, Trinken Schlafen, Spaziergänge in einer trostlosen Gegend und Fahrt zum und vom Hotel, die Kosten dafür übernahm die Fluggesellschaft.Alles sehr erholsam, aber ein Tag war verloren. 4. Juni 2011 6.45 Uhr stand unser komfortables Taxi startklar vor der Tür. Als Ersatz für das entgangene Frühstück gab es Lunchpakete. Jetzt lief alles reibungslos. Kurz vor 14.00 Uhr Ortszeit landete unsere 15 Jahre alte Boeing 737 in Odessa. Nach ungewohnter Passkontrolle und Befragung nach dem Reiseziel auf ukrainisch, wir ahnten mehr den Inhalt der Frage und Zollkontrolle per Kofferscanner sahen wir in der Empfangshalle ein Schild mit der Aufschrift: Tarutino. Zu dem Schild gehörte eine junge Frau, die Tochter unserer Hotelschefin Svetlana Kruk. Trotz dass sie schon am Vortag auf uns gewartet hatte, Becker hatte erst am späten Nachmittag informiert, begrüßte sie uns sehr freundlich. Mit einem vermutlich Privat- taxi ging es zum Busbahnhof. Schockierendes Erlebnis unterwegs war ein Tödelmarkt, auf dem mehr Müll angeboten wurde.Offensichtlich haben die Ärmsten der Armen ihr letztes Hab und Gut feilgeboten. Nach einigem Hin und Her konnten wir in den Linienbus nach Tarutino einsteigen. Svetlanas Tochter hatte Fahrkarten für uns erstanden. Während der über dreistündigen Fahrt registrierten wir neben zahlreichen Schlaglöchern auf der Straße, die der Fahrer meist mit viel Geschick umfuhr auch die nette und gesprächige Art der Mitreisenden. Trotz des fast vergessenen Russisch klappte es mit der Verständigung. Ein paar Kilometer fuhren wir durch Moldawien. Ein grimmig dreinschauender Grenzsoldat musterte an den zwei Kontrollstellen jeweils die Businsassen, ohne jemanden anzusprechen. Unsere Mitreisenden sorgten dafür, dass wir rechtzeitig und an der richtigen Stelle ausstiegen. Endlich angekommen, wurden wir von der Chefin des Bessarabienhauses in Tauratino Svetlana empfangen, in ein Taxi, welches als solches nicht zu erkennen war, gesetzt und zum Quartier gebracht. Brot und Salz gab es nicht zur Begrüßung. Wenig später traf eine vierköpfige Reisegruppe aus dem Norden Deutschlands ein. Mit ihnen tauschten wir unsere Erfahrungen mit dem Reiseunternehmen Becker aus. Ein leckeres Abendbrot mit Bier und Wein ließen uns die Strapazen der Anreise schnell vergessen. Eine gemeinsame Abendwanderung durch den Ort schloss den ereignisreichen und heißen Tag ab. 5. Juni 2011 Wir haben gut geschlafen und ein reichhaltiges Frühstück sorgte zusätzlich für gute Stimmung. Die heutige Wanderung führt uns wieder durch den Ort, allerdings auf anderen Wegen. Ulrich, einer von der Vierer-Gruppe mit Frau und Schwägerin, dazu Ani aus Rathenow erklärten verschiedene Gebäude im Ort, welche von deutschen Siedlern gebaut wurden. Schließlich erreichten wir nach einem schweißtreibenden Anstieg den örtlichen Friedhof. Unter meterhohem Gestrüpp entdeckten wir mehrere alte deutsche Grabsteine. Schade, dass sich um diesen Teil der örtlichen Geschichte keiner kümmert. Nach kräftezehrenden Rückmarsch bei sengender Sonne bekamen wir im Bessarabienhaus ein außerplanmäßiges Mittagessen. Svetlana hatte eine leckere Gemüsesuppe zubereitet. Danach ausgedehnte Siesta. Das Abendbrot war wieder lecker. Morgen wollen wir die Geburtsstätte meiner Eltern besuchen. 6. Juni 2011 Nach dem inzwischen gewohnt reichhaltigen Frühstück holte uns Herr Rehmann ab. Er ist ein im benachbarten Leipzig (Serbnewoje) ansässiger Bessarabiendeutscher und unser Fahrer, Dolmetscher, Kontakteanknüpfer und eine Seele von einem Mensch. Es ging nach Teplitz. Ich wollte unbedingt das Ortseingangsschild fotografieren, es fand sich keins. Schließlich fanden wir den Ortsnamen auf einer alten Losung aus Sowjetzeiten. Im Ort selbst machten wir am Gelände halt, wo früher die deutsche Kirche stand. Dort befand sich auch eine Steele zum Gedenken an die deutschen Siedler in Teplitz. Heute ist hier ein Kulturhaus, was nach unserer Ansicht auch schon bessere Zeiten erlebt hat. Hier trafen wir eine freundliche Frau, welche sich als Lehrerin Tanja zu erkennen gab. Sie zeigte uns den Weg zum ehemaligen deutschen Friedhof. Im Vergleich zu Tarutino war dieser in einem besseren Zustand. Gras und Gestrüpp waren nur einen halben Meter hoch und die Grabsteine waren offensichtlich an ihrem alten Platz wieder aufgerichtet worden. Ich fand auch einige Namen, die mir aus meinen Recherchen her bekannt waren. Danach sind wir in die Schule des Ortes gefahren und wurden von der Direktorin zu einem kurzen aber sehr herzlichen Gespräch empfangen. Wir übergaben unsere kleinen Mitbringsel, auch Spenden von meinen Kunden in Weimar, welche dankbar entgegen genommen wurden. Die nächste Etappe führte uns in die Straße, heute Leninstraße, in der meine Eltern geboren wurden und aufwuchsen. Mit Hilfe des Ortsplanes fanden wir auch die Grundstücke. Auf dem Grundstück meines Vaters trafen wir auf ein sehr verarmtes altes Ehepaar. Sie entschuldigten sich, dass sie uns nicht hereinbaten, weil sie sich für den Zustand des Hauses schämten. In der Nähe des ehemaligen Krämer-Grundstückes kam eine jüngere Frau auf uns zu, als sie merkte, dass wir Fotos machten. Sie zeigte uns den Brunnen, welchen die Deutschen gebaut hatten. Sie lief ins Haus zurück und holte eine Tasse. Wir sollten vom Wasser probieren. Woldemar, so hieß unser Fahrer mit Vornamen, war der Vorkoster. Wir probierten dann trotz großer Bedenken auch und waren erstaunt über das erfrischende und saubere Wasser. Auf unseren Wunsch hin gab sie uns einen Beutel mit Teplitzer Erde für das Grab meiner Eltern mit. Dabei lernten wir ihre Tochter kennen, ein vielleicht zehnjähriges Mädchen mit hellen, wachen Augen. Sie saß im Rollstuhl, die offensichtlich mißgebildeten Beine mit Binden umwickelt. In Deutschland könnte man ihr sicher helfen, aber hier? 7. Juni 2011 Frühstück, gut wie immer. Gesättigt fuhren wir mit unserem Fahrer Woldemar in Richtung Sarata. Hier hatten meine Eltern bis zur Aussiedlung 1940 gelebt. Unterwegs haben wir Akaziensamen aufgesammelt. Am Ortseingang machten wir das übliche Foto zur Beweissicherung unseres Hierseins. In der Stadt an der ehemaligen, offensichtlich sanierten deutschen Kirche hielten wir an. Leider war sie verschlossen und es fand sich auch kein Schlüsselgewaltiger. Laut Ortsplan von 1940 haben wir uns vorgenommen, die Wernerschule, den deutschen Friedhof und die ehemaligen Grundstücke der beiden Brüder meines Vaters zu besichtigen. Leider fand sich in den Unterlagen keine Wohnadresse meiner Eltern. Eine ältere freundliche Kioskmitarbeiterin schloss ihren Laden zu und fuhr mit. Von der Wernerschule standen nur noch Ruinen. Hier wäre bis 1990 die Sowjetarmee stationiert gewesen. Auf dem Friedhof fanden wir nur noch wenige Grabsteinsockel. Die Grabsteine soll man zum Bau einer Mühle verwendet haben, erklärte uns unsere kurzzeitige Begleiterin. Nach ihrer Aussage sind die Straßen samt der Häuser der beiden Hedrichbrüder dem Erdboden gleichgemacht worden. Ein wenig traurig und enttäuscht verließen wir Sarata. Mit einem kleinen Imbiss am Bahnhof von Arzis stärkten wir uns. Am Nachmittag machten wir eine kleine Wanderung rund um den nahegelegenen See. Ein treuer Begleiter war ein kleiner herrenloser Hund, welcher viel Ähnlichkeit mit der verstorbenen Troll von unserem Sohn Ralf hatte. Morgen wollen wir das Bauernmuseum “Edwin Kelm” in Friedenstal besuchen. Es wird unser letzter Tag in Tarutino sein. 8. Juni 2011 Pünktlich 9.00 Uhr starteten wir mit Woldemar nach Friedenstal. Vor dem Bahnübergang in Arzis bogen wir links weg. Die Straße wurde immer schlechter. Wir fuhren fast nur im Straßengraben. Woldemar fragte einen Bauern nach dem Weg zum deutschen Haus. Da war es. Auf einem großen Schild stand der Name Edwin Kelm, der uns als engagierter Bessarabiendeutscher bekannt war. Nach einigem Warten kam die Museumsleiterin und ließ uns ein. Wir konnten uns einen Überblick über die „Größe“ der Wohn-, Schlaf- und Kochgelegenheiten verschaffen. Weiterhin zeigte sie uns den typischen Keller und eine Reihe landwirtschaftlicher Geräte. Interessant war auch der originalerhaltene Brunnen. Zum Schluss bekam jeder ein kleines Stück Brot, welches aus dem hauseigenen Backofen stammen sollte. Die Museumsleiterin schimpfte über das Desinteresse der einheimischen Bevölkerung. Insgesamt bekamen wir einen guten Eindruck, wie unsere bessarabischen Vorfahren gewohnt und gelebt haben. Herrn Kelm und der Museumsleiterin gebührt ein herzliches Dankeschön. Auf der Rückfahrt wurden in Tarutino noch kleine Geschenke, Honig und Tomaten auf dem Markt eingekauft. Bemerkenswert, dass ein Kilo Tomaten umgerechnet 1,50 € kostete bei einer Rente von monatlich 75€ z.B. unseres Woldemar. Am späten Nachmittag machten wir einen gemeinsamen Spaziergang mit Svetlana zum zweiten See. Sie wollte einen Beutel mit Lebensmitteln zu einem in Not geratenen Künstler bringen, der dort in einer kleinen Holzhütte hauste. Interessant waren ihre Informationen über am Wegesrand wachsenen Kräuter, wilde Früchte und Blätter für die Teezubereitung. Unser Wissen über wilden Knoblauch und Kapuzinerkresse waren für sie interessant. Morgen früh heißt es 5 Uhr aufstehen. Mit Wein und von Svetlana zubereiteten guten Essen verabschiedeten wir uns von Ani, Ulrich und Familie, welche noch ein umfangreicheres Programm in Bessarabien hatten. 9. Juni 2011 5 Uhr weckte uns das Handy. 5.45 Uhr brachte das „Taxi“ uns zur Bushaltestelle. Svetlana fuhr mit. Kurz nach 9 Uhr waren wir in Odessa. Wenige Minuten später holte uns ein Bekannter Svetlanas mit einem aus unserer Sicht noblen Auto ab. Wir fuhren in die Nähe des Hafens. Hier konnte wir uns eine Stunde lang allein umsehen, da Svetlana Amtswege erledigen musste. Wir gingen die berühmte Treppe aus Sergej Eisensteins Film „Panzerkreuzer Potjomkin“ hinab zum Hafengebäude. Dieter war 1972 schon mal hier und zeigte sich erstaunt über die vielen Veränderungen. Gang zur Toilette für 3 Griwna und Kauf von Zigaretten für Rudi waren das Hauptanliegen. Dann gings die lange Treppe wieder hinauf. Das wurde im Foto festgehalten, genau so, wie das Denkmal für Katharina der Zweiten. Dann war Svetlana wieder da. Mit ihr gemeinsam spazierten wir durch die Innenstadt von Odessa. Sie zeigte uns interessante Gebäude, wie die Oper, eine russisch-orthodoxe Kirche und einen schönen Park. Danach fuhr uns Svetlanas Bekannter in einer halsbrecherischen Fahrt zum Flughafen. Wir waren spät dran. Angekommen verabschiedeten wir uns und bedankten uns für ihre herzliche Betreuung. Pass- und Zollkontrolle verliefen zügig. In unserer alten Boeing flogen wir nach Wien. Der Flug war ziemlich unruhig. Trotzdem waren wir überpünktlich in Wien. Wir hatten auf der gesamten Strecke kräftigen Rückenwind. Auf dem Wiener Flughafen begann das uns schon bekannte Szenario. Unsere Maschine wurde für eine Stunde später angekündigt. An der Information wusste man nicht, ob die Maschine vom Ausgangsflugplatz gestartet war, sich in der Luft befand oder nicht gestartet war. Nach einer Stunde Wartezeit hieß es dann, eine Ersatzmaschine wird vorbereitet. Mit dieser Maschine gings erheblich verspätet nach Leipzig. Der Kleinbus, welcher uns zu unserem Auto brachte, war bald nach der Landung da. Nach einer reichlichen Stunde Fahrt waren wir zu Hause. Eine ereignisreiche und teilweise abenteuerliche Reise auf der Spur der Ahnen ging zu Ende. Dieter und Lore Oelke, geb. Hedrich << zurück zur Auswahl