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Gut - Besser - Bessarabien
Reisebericht Tarutino 2011
Sonntag, 31.Juli 2011, Tag 1:
Um 19 Uhr deutscher Zeit kommen wir an dem kleinen Flughafen Hamburg-Lübeck
an. Mutti, Omi und natürlich unsere kleine Bella haben uns hingebracht und bleiben
während des Urlaubs in der Nähe in Mölln, um uns wieder am 10. August abzuholen.
Daran wollen wir jetzt aber noch gar nicht denken. Vor uns liegen spannende und tolle
Tage. Das hoffen wir zumindest, wobei mich doch ein mulmiges Gefühl beschleicht bei
dem Gedanken, einen 13jährigen, pubertierenden Teenager mitzunehmen in eine
andere Welt ohne den ganzen Luxus, den die jungen Leute tagtäglich brauchen, ohne
SMS und Chatten, weil es einfach zu teuer ist außerhalb der EU und vor allem mit
einer Gruppe von Leuten, deren jüngster Teilnehmer die eigene Mutter ist. Aber na ja,
es ist halt ein Abenteuer und etwas Unruhe und Unsicherheit gehören sicherlich dazu...
Um 21.10 Uhr starten wir. Malin macht es Spaß, zum ersten Mal zu fliegen und sie macht viele Fotos.
Der nette Flugbegleiter Anatoli fragt, ob wir einverstanden sind, im Falle einer Notsituation mitzuhelfen, da wir in
der hintersten Reihe sitzen, wo wir selbstverständlich zusagen, denn schließlich erhöht das die Spannung und
Heiterkeit. Dem jungen Paar, das auf der anderen Seite des Mittelganges sitzt, ergeht es ebenso und wir grinsen
uns verschwörerisch zu. Schließlich werden wir alle retten, aber nur, sollte etwas passieren.
Die Notsituation ist zum Glück nicht eingetreten, deshalb landen wir auch pünktlich um 0.30 Uhr Ortszeit in Kiew.
In der Halle, an der Passkontrolle treffen wir auf Werner, den Reiseorganisator und bekommen schon mal einen
flüchtigen Eindruck über einen Teil unserer Gruppe. Der Rest wird von einem anderen Flughafen kommen.
Die streng dreinblickende Dame hinter dem Schalter der Passkontrolle muss es sich genau überlegen, ob sie
mich ins Land lässt, denn sie schaut sich meinen Pass ausgiebig an, was einige Zeit in Anspruch nimmt, sodass
wir die Letzten in der Halle sind.
Als wir endlich doch noch die Erlaubnis bekommen, auf das Land losgelassen zu werden, stehen nur noch
unsere zwei verwaisten Koffer in den beiden dafür vorgesehenen Regalen. Ein Rollband gibt es hier nicht.
Wir haben einige Schwierigkeiten, uns für eine der vielen Türen zu entscheiden und wählen auch prompt die
falsche, werden aber auch gleich mit der für uns fremden, ukrainischen Sprache darauf aufmerksam gemacht.
Draußen ist es dunkel und wir werden schon dringend erwartet. Unsere Koffer werden in den Bus verfrachtet
und los geht es durch das nächtliche Kiew, von dem wir leider nichts erkennen können.
Svetlana erkenne ich, was ja nicht schwer ist. Wer die anderen sind, muss ich später noch heraus finden. Die
Teilnehmer aus Süddeutschland, die schon eher auf einem anderen Flughafen gelandet sind, befinden sich
schon auf ihren Plätzen.
Nach drei Stunden Fahrt erreichen wir Uman. An einer Tankstelle haben wir Pause gemacht. Für die 100 Griwna
(10 €), die Werner uns geliehen hat, haben wir Wasser gekauft und mangels anderer, gesünderer Kost eine Tüte
Schokobrötchen gegen den Hunger. Freundlicherweise werden wir von einigen aus unserer Gruppe darauf
aufmerksam gemacht, doch lieber kein Batteriewasser zum Trinken zu kaufen, da äußerlich kein Unterschied
festzustellen ist, bis auf die Bezeichnung natürlich, die uns leider nichts sagt.
Montag, 1.8.2011, Tag 2:
Am frühen Morgen kommen wir am toll aussehenden Hotel in Uman an. Die Zimmer sind in Ordnung. Wir
können noch ein paar Stunden schlafen bis 9.15 Uhr.
Glücklicherweise wache ich von alleine auf und wundere mich, warum mein Handyweckruf nicht losgeht.
Nach einem Blick auf meine Armbanduhr, die die ukrainische Zeit anzeigt, wird mir klar, dass ich an meinem
Handy nicht die richtige Zeit eingestellt habe, was ich aber sofort nachhole.
Nach einer raschen Dusche werden schon die Koffer abgeholt und es geht weiter zunächst zum Frühstücken in
ein kleines Gebäude vor dem Hotel, wo wir am Tisch bei den Kölnern Edith und Karlheinz und den
Süddeutschen Erich und Erika Platz nehmen, die – wie sich noch heraus stellt – Zwillinge sind.
Wir lassen uns Krautsalat und Tomaten schmecken, Brot und Marmelade. Den Reis und die dicke Bockwurst
lassen wir stehen. Ein Fehler, wie wir später feststellen.
Wir werden mit E-Bussen, die an den Seiten offen sind, durch
den angrenzenden, riesigen (mehrere hundert Hektar großen)
Park gekarrt und sind froh, dass wir die Strecke nicht laufen
müssen.
Die Anlage wurde 1796 von einem Grafen errichtet, der sie
1802 seiner Frau (oder Geliebten) schenkte.
Wir bestaunen toll angelegte Brunnen, riesige
Felsformationen, trinken frisches Wasser aus einem Brunnen,
der uns Schönheit verspricht (und hoffen natürlich, dass er
hält, was er verspricht) und begehen eine Grotte, die zu einer
anderen Welt führen soll, wohin wir aber nicht gelangt sind.
Vor den Toren des Parks warten wir auf unseren Reisebus
und können an den dort aufgestellten Ständen Proviant
kaufen. Malin und ich beschränken uns auf Eis. Da wissen wir
noch nicht, wie lang der Tag noch werden würde.
Allerdings weiht uns Ulrike ein, was wir mit unserer Wurst vom
Frühstück hätten anfangen können, denn überall laufen streunende Hunde herum, die sie mit ihrem von zu
Hause mitgebrachten Katzenfutter erfreut. Malin hilft ihr eifrig dabei und hat ab jetzt eine neue, erfüllende
Aufgabe und bedauert zutiefst, die Frühstückswurst auf dem Teller liegen gelassen zu haben.
Um 12.30 Uhr setzen wir unsere Fahrt Richtung Odessa fort, zunächst durch Uman. Die Häuser sind teilweise in
einem sehr schlechten und doch sind auch immer wieder neue, tolle Bauten dazwischen. Die Farbe Türkis ist
vorherrschend.
Vorbei an vielen Sonnenblumenfeldern geht es auf die Autobahn. Wir machen wir an einer Raststätte Rast, die
man sich aber nicht wie unsere Raststätten vorstellen kann. Eine lange Reihe Stände erstreckt sich unter
Betonwänden und –dächern zum Schutz. Davor haben die Verkäufer ihre Lebensmittel aufgebaut, Abgepacktes,
sowie Brot, eingelegte Gurken im Glas oder lange, geräucherte Würste. So viel man will, wird abgeschnitten
oder entnommen.
Ein Durchgang nach hinten führt zu einem Betonklotz, in dem sich das Plumpsklo befindet. Schon allein der
Gestank hält uns von einer näheren Inspektion ab und wir halten lieber aus.
Gegen 17 Uhr erreichen wir Odessa, das um1794 gegründet wurde. Jedes Jahr findet zu diesem Anlass eine
Parade statt. Hier gibt es laut unserem Dolmetscher Georgij viel Sonne, viele Strände und schöne Architektur.
Die schönen Häuser brauchen zwar einen Anstrich, sind aber immer noch bunt und vielfältig und schön
anzusehen. Für mich ist Odessa, das von der italienischen Baukunst geprägt sein soll, eine Mischung aus
südländischer Atmosphäre und polnischer Städtearchitektur. Viele verschiedene Nationalitäten wohnen hier in
der Stadt am Schwarzen Meer mit einer Million Einwohnern.
An einem Platz mit vielen Aktivitäten für Kinder steigen wir aus, nur für eine halbe Stunde, wie es heißt. Schade,
ich würde gern noch länger bleiben! Dass sich mein Wunsch erfüllt, kann ich da noch nicht ahnen.
Wir wollen uns nur in der Hauptgeschäftsstraße (Deribasowskaja) aufhalten und durchqueren zunächst einen
Park mit Brunnen und Statuen, wo Chinchillas und Leguane vorgeführt werden. Hunde liegen schlafend auf dem
Rasen. Kurz bestaunen wir eine Einkaufspassage mit beeindruckender Kuppel, die eher an einen Dom als eine
Geschäftsgalerie erinnert.
Vor einem Restaurant – wovon es hier viele gibt mit Sitzgelegenheiten draußen – lässt sich Werner nieder, da
einige Reisemitglieder Geld wechseln wollen. Weitere gesellen sich dazu. Doch die meisten möchten die kurze
Zeit nutzen, um sich umzusehen und die Potemkinsche Treppe, die direkt hinunter zum Hafen führt,
aufzusuchen. So gehen wir weiter immer geradeaus. Geschäfte und Restaurants sehen aus wie überall, doch
als wir die Straße ein Stück weiter gehen, hören die Geschäfte
auf und man kann ohne Ablenkung die schönen
Häuserfassaden ansehen.
Unser Weg endet an einer kleinen, schmalen Treppe, von der
Malin annimmt, dass es sich um die besagte, berühmte
Potemkinsche Treppe handelt.
Enttäuscht kehren wir um, denn für eine ausgiebige Suche
bleibt uns keine Zeit. In einer Querstraße erhaschen wir noch
einen Blick auf ein gewaltiges Gebäude, das aussieht wie eine
Oper. Später erfahren wir, dass es sich tatsächlich um die
Oper handelt.
Zurück am Restaurant, das sich inzwischen zum Treffpunkt
entwickelt hat, verteilt sich unsere Gruppe in sämtliche
Himmelsrichtungen. Die einen wollen zur Toilette, die anderen
essen, dabei ist die halbe Stunde längst vorbei. Eigentlich
sollten wir ja um 18 Uhr ein Orgelkonzert in der deutschen St.
Pauls- Kirche anhören. Das ist verschoben auf 18.30 Uhr, aber auch das sieht gar nicht gut aus. Wenn die einen
zurück kommen, sind die anderen weg und umgekehrt, oder es hat gerade wieder jemand neu bestellt.
Malin und ich starten zwei Versuche, gegenüber bei McDonald´s auf die Toilette zu gehen. Beim ersten Mal
landen wir mangels Sprachkenntnissen in der Besenkammer. Beim zweiten Mal ist die Warteschlange zu lang
und die Angst zu groß, die Gruppe könnte weg sein. Das erweist sich allerdings später als absolut unbegründet.
Denn die hat es sich scheinbar in den Kopf gesetzt, doch noch ein Weilchen in Odessa zu bleiben, und so hat
sich erneut eine Gruppe auf den Weg zur Potemkinschen Treppe gemacht.
Ich lasse Klo Klo sein und schließe mich einem weiteren Trüppchen an, weil ich unbedingt zu dieser Treppe
möchte.
Ich bin mir auch fast sicher, dass wir nicht einfach der Straße immer geradeaus folgen müssen, sondern kurz vor
deren Ende nach links abbiegen zu dem imposanten Opern-Gebäude.
Neben diesem Bau erstreckt sich ein Platz mit Brunnen. Trotz meines forschen Vorausstürmens wird meine Tour
jäh unterbrochen von Georgij, der gerade mit einer anderen Gruppe von unseren Leuten zurück kommt von der
Treppe und jetzt energisch seine Schäfchen zusammen und zurück zum Bus treibt. Da müssen wir aber immer
noch auf welche warten, die doch noch bis zur Treppe vordringen können im Gegensatz zu mir. So darf ich sie
mir nur als Foto anschauen.
Leider ist es uns während der ganzen Aktion nicht vergönnt, Geschäfte anzusehen oder über den Markt zu
gehen, der direkt neben der Geschäftsstraße gelegen ist. Gerne möchte ich eines Tages hierher zurück- kehren
mit mehr Zeit im Gepäck.
Nach 19 Uhr kommen wir dann doch noch in der Kirche an und ruhen uns bei dem eigens für uns inszenierten
Konzert von den Strapazen aus. Die Kirche wurde 1895 erbaut und 2008 sehr schön restauriert. Wir bewundern
die Ausstellungsstücke, die bei der Restaurierung gefunden worden sind und auch eine von Martin Luther
eigenhändig geschriebene und ins Deutsche übersetzte Bibel.
Hier können wir auch endlich zur Toilette gehen, was wir ausgiebig nutzen.
Gegen 20.30 Uhr geht es endlich Richtung Tarutino. Eine zweieinhalbstündige Fahrt liegt noch vor uns. Kaum
zehn Minuten nach Antritt der Fahrt wird diese jedoch wieder unterbrochen, weil der Fahrer bei Rot über die
Ampel gefahren ist und noch in Odessa von der Polizei gestoppt wird. Nach zehn Minuten darf er weiter fahren.
Sogar durch Moldawien kommen wir noch an diesem anstrengenden Tag, allerdings nur für ca. zwanzig Minuten
und sehen gerade einmal die Grenzhäuschen. Mit einer Sammelaufstellung unserer Personen dürfen wir zügig
passieren.
Wir schaffen es, noch an diesem 1. August 2011 in Tarutino anzukommen. Nur wenige Minuten verbleiben bis
Mitternacht.
Traditionell mit Brot und Salz und dazu Wein werden wir begrüßt. Auch Malin bekommt ein Gläschen, nippt aber
nur kurz daran und tritt den Rest dann an Ulrike ab.
Endlich dürfen wir unser Zimmer sehen, das ganz oben unter dem Dachboden liegt unter der Schräge. Ein
Kleiderschrank befindet sich zwar nicht darin, dafür aber zwei Baumstämme, die das Zimmer sehr originell
wirken lassen. Von dem einen Baumstamm aus reicht eine Stange hinüber zur Dachschräge. Daran können wir
auf Bügeln unsere Klamotten hängen, was wir aber nicht nutzen, da wir alles in den beiden, kleinen Kommoden
verstauen.
Das Badezimmer wirkt neu mit Dusche und ebenfalls einem halben Baumstamm als Wanddekoration.
Jedes Zimmer hat ein besonderes Thema, z.B. gibt es ein chinesisches Zimmer mit chinesischen Schriftzeichen
oder ein maritimes Zimmer mit Delfinen an den Wänden.
Nach Mitternacht gibt es dann endlich Abendbrot, das wir in dem kleinen Essraum neben der Treppe zu uns
nehmen. Den Anfang macht eine sehr leckere Speise aus Fleisch- und Gemüsestücken. Mit Käse überbacken
wird sie in einem kugelartigen Gefäß serviert. Dazu gibt es eine Art Omelette-/Teig-Brot mit der berühmten,
bessarabischen Pfeffersoße, die genau wie die von Omi schmeckt, mit Paprika und Zucchini. Außerdem
bekommen wir noch gemischten Salat mit Schafskäse, was alles wunderbar schmeckt. Nur ist es viel zu viel und
bald 1 Uhr nachts.
Dienstag, 2.8.2011, Tag 3:
Wir haben sehr gut geschlafen, werden dann allerdings von nachhaltigem Hundegebell geweckt. Eigentlich ist
das hier ja nichts weiter Ungewöhnliches. Malin nervt es aber sehr, weil es irgendwie sehr hartnäckig ist. Mich
veranlasst es zu der Äußerung, dass es nach einem Handyweckruf klingt. Daraufhin springt Malin wie von einer
Spinne gejagt auf und rennt zu ihrem IPod, den sie auf Weckruf gestellt hat. Das Gebell ist mir doch gleich so
unecht vorgekommen!
Um 9.30 Uhr frühstücken wir und ich erfreue mich an einer urigen Emaillekanne in Rot mit weißen Punkten.
Darin befindet sich heißes Wasser für den löslichen Jacobs-Kaffee (Achtung: Das ist keine Schleichwerbung!!!),
an den ich mich echt gewöhnen könnte. Es gibt aber auch Tee und Saft – Möhrensaft wie Malin bemerkt – und
dazu süßes Brot und leckere, kleine, runde Brötchen, leckeren, flüssigen Honig und natürlich auch super-leckere
Himbeer(?)-Marmelade. Später bekommen wir auch Aprikosen und – ich schwöre! – Zucchini-Marmelade.
Anschließend machen wir uns mit Ulrike, Lutz, Edith und Karlheinz auf den Weg, die lange, holperige Straße
hinunter Richtung Zentrum zum Basar. Am Straßenrand begrüßen wir ein im Schatten sitzende Mütterchen, als
würden wir sie schon ewig kennen. Dann werden wir von Georgij eingeholt, der sich uns anschließt. Er bringt
uns bei, dass man hier nicht wie in Polen „Dzien dobre“ – also „Guten Tag“ – sagt, außer wenn man schlecht
gelaunt ist. Stattdessen dreht man es um und sagt: „Dobre Dzien“, was mich zu der ernsthaften Überlegung
veranlasst, ob man in Polen immer schlecht gelaunt ist. Inzwischen hat mir ein polnischer Kollege versichert,
dass die Polen „Dzien dobre“ sagen und trotzdem nicht schlecht gelaunt sind!
Die Geschäfte in Tarutino fallen mir erst gar nicht als solche auf, da sich keine Auslagen im Schaufenster
befinden und in einfachen, kleinen Betonbauten untergebracht sind. Da wir die Schilder auch nicht entziffern
können, erschließt sich uns nicht, ob und was für einen Laden wir vor uns haben.
Auf dem Basar mit den Ständen verhält es sich schon einfacher. Man kann gut erkennen, dass vor allem
Kleidung, Schuhe, Obst und Gemüse verkauft werden, aber auch Entenküken.
Hinter dem Basar fließt der Antschiokrak und wir gehen zur kleinen Brücke, die über den Fluss führt.
Auf dem Rückweg kommen wir durch einen Park, wo auch – wie überall – viele streunende Hunde herum laufen.
Ein kleiner, braun-beiger Streuner hängt besonders an Malin, die die Hunde mit Ulrikes Katzenfutter füttert.
Sämtliche Hunde und Katzen folgen uns zu dem Restaurant, auf dessen Terrasse wir uns setzen, um etwas zu
trinken. Der Kleine folgt uns auch zum knall pink gestrichenen Kulturhaus (früher TSV Bessarabia), in dem wir
uns eine Ausstellung ansehen sollen.
Malin und ich bleiben wegen Puschkin, wie wir unseren kleinen
Freund nennen, draußen auf der Treppe sitzen. Bis zu uns
nach Hause kommt er mit. Auf Ulrikes energisches Eingreifen
hin, schmuggeln wir ihn in einem Einkaufsbeutel hoch in unser
Zimmer, wo wir ihn füttern und ihm Wasser in einem
Plastikbecher geben. Während des Mittagessens müssen wir
ihn leider ins Bad sperren.
Wir bekommen Borschtsch mit Weißkohl, Paprika und
Kartoffelstücken darin, dazu die kleinen, runden Brötchen,
dieses Mal mit Knoblauch bestrichen und Tomatenscheiben
mit weißer Creme und mit Hackfleisch gefüllte Paprika. Wie
Malin treffend bemerkt, schmeckt es wie bei Omi Else und
Oma.
Eine lange Zeit ist Puschkin oben alleine. Malin geht mehrmals
hoch, um an der Tür nach verdächtigen Geräuschen zu
lauschen, aber zum Glück verhält er sich vorbildlich.
Als wir ihn endlich aus dem Bad befreien, ist er verängstigt. Mit eingezogenem Schwanz kommt er heraus, weil
er – wie wir entsetzt registrieren – im Dunkeln ausgehalten hat. An Stromausfall haben wir natürlich nicht
gedacht, doch Puschkin erholt sich schnell und freut sich über unsere Gesellschaft.
Da er das, was er zu sich genommen hat, auch wieder heraus lassen muss, tragen wir ihn wieder hinunter und
laufen mit ihm die Straße entlang. Er hat sich schon richtig an Malin gewöhnt und weicht nicht von ihrer Seite.
Wir erwägen ernsthaft, ihn mit nach Deutschland zu nehmen. Erst müssen wir aber bei einem Tierarzt heraus
finden, wie die Bestimmungen sind, weil die Ukraine nicht zur EU gehört.
Etwas ratlos, wie wir alles anstellen sollen, sitzen wir auf der Mauer vor unserem Haus, Puschkin ruhig schlafend
zu Malins Füßen. Hinter mir im Beet versteckt unter Grünzeug schläft Binka, die trächtige Hündin.
So findet uns Georgij vor. Weil mich die ganze Situation allmählich belastet und wir auf die Hilfe anderer
angewiesen sind, wenn wir Puschkin behalten wollen, erzähle ich ihm alles. Daraufhin telefoniert er. Er sagt uns,
dass der Tierarzt in ein paar Minuten hier vorbei kommen würde, was ich nicht so ganz glauben kann. Warum
sollte er ausgerechnet jetzt, wo wir ihn brauchen, hier sein?! Und vor allem: Woher soll Georgij das wissen?
Daher erklärt er uns, dass der Tierarzt in Tarutino arbeitet und er gerade mit ihm telefoniert hat.
Tatsächlich hält er kaum ein paar Minuten später einen Wagen an, aus dem der Tierarzt steigt. Der enttäuscht
uns leider, indem er uns darüber aufklärt, dass Puschkin erst in der Ukraine für mindestens zwei Wochen in
Quarantäne müsste und dann vielleicht noch mal in Deutschland.
Es bleibt uns nichts anderes übrig, als ganz schweren Herzens Puschkin in den Park zurück zu bringen. Georgij
fährt uns dahin, während ich Puschkin halte. Im Park hält Georgij Puschkin fest, der sich heftig wehrt und zu
Malin will, doch wir beide laufen zurück zum Auto. Mir tut es ganz schrecklich leid, sehe aber keine andere
Möglichkeit, leider.
Ab da meiden wir den Park bis auf einmal, sehen Puschkin aber nicht wieder, was mir Sorgen macht. Erst, als
Ulrike ihn vom Bus aus im Vorbeifahren sieht, bin ich beruhigt. Außerdem erzählt Werner, dass die Leute vom
Kulturhaus gesagt hätten, dass sie wüssten, wo er hin gehört. Dann ist er wohl doch kein Streuner, aber ob er
auch gut behandelt wird...?
Abends werden wir von einer Folklore-Gruppe unterhalten. die besteht aus einigen Frauen, die sich mehrfach
umziehen und tolle, bunte Kleider anhaben. Sie singen ukrainische Volkslieder und tanzen dazu, wozu wir später
auch Gelegenheit haben.
Der große Steingrill wird angeheizt und Fleisch und Wurst gegrillt, wozu Fladenbrot mit Fleisch- und Käsefüllung
serviert wird und gebackene Paprika mit bessarabischer und Omis Pfeffersoße. Dazu trinken wir Wodka und
Wein und das ukrainische Nationalgetränk KVAS, das man auch in großen Behältern überall angeboten
bekommt. Später bekommen wir auch Arbusen (Melonen).
Wir essen jetzt immer draußen im runden Pavillon; vor dem Eingang führt die Folklore-Gruppe die Tänze und
Lieder auf. Wir warten zwischendurch immer geduldig „zwei Moment“, bis sie sich erneut umgezogen haben.
Für einige von uns wird der Abend – wie so viele Abende mit Wodka und Wein – noch sehr lang. Einer der
russischen Arbeiter, die zur Zeit in Svetlanas neu erworbenem Nachbarhaus untergekommen sind, um an der
Gasleitung zu arbeiten, will sich bei einigen aus der Gruppe vorstellen. „Jura.“ Nach einigen Wodka und Wein
lässt die Auffassungsgabe nach und daher äußern sie sich begeistert: „Ach, du studierst Jura? Ist ja toll!“
Mittwoch, 3.8.2011, Tag 4:
Heute frühstücken wir um sieben Uhr, weil es gleich um acht Uhr nach Wilkowo zum Donaudelta geht. Die
Straßen sind schlecht und voller Schlaglöcher und wir werden ganz schön durchgeschüttelt in dem kleinen Bus,
den wir für unsere Ausflüge bekommen. Das ganze Geld für den Straßenbau fließt in die EM 2012-Städte Kiew,
L`viv (Lemberg), Donezk und Charkow.
Um 11 Uhr erreichen wir Wilkovo und parken an der Anlegestelle des Bootes, von dort aus schippern wir über
die Donau. Da in der Mitte der Donau die Grenze von der Ukraine zu Rumänien verläuft, kommen wir möglicher
Weise auch noch nach Rumänien, daher müssen wir alle unsere Namen, Geburtsjahr und Passnummern
angeben.
Zunächst werden wir durch die kleine, idyllische Stadt geführt, die durch Schlammansammlungen (oder
„Schleim“ lt. Georgij) entstanden ist. Durch die Nutzung des Schlamms sind Kanäle entstanden, die mit Wasser
gefüllt sind. Sie werden von den Bewohnern genutzt, um darauf mit ihren Booten zum Einkaufen zu fahren. Um
die Häuser herum werden Muscheln aufgeschüttet, um die Feuchtigkeit abzuhalten. Der Ort hat 7.000
Einwohner. Mich beeindruckt eine türkise Kirche, die durch ihre kräftige Farbe auffällt, und stelle mir vor, wie so
eine Kirche bei uns in Deutschland wirken würde!
Mit einem kleinen Boot, in dem wir so gerade alle Platz finden, geht es die Donau entlang. Auf der anderen Seite
sehen wir Rumänien. Überall gibt es Anlegestege mit kleinen Fischerhäuschen, malerisch anzusehen wie auf
einer Postkarte. Viele Wasservögel können wir beobachten wie Reiher, Kormorane und Eisvögel.
Selbstverständlich wird die bessarabische Fahne gehisst.
Nach einer ganzen Weile gelangen wir zu einer größeren Anlegestelle. Daran angeschlossen befindet sich eine
überdachte, aber an den Seiten offene Hütte aus Pfählen, die sich als unser Essraum heraus stellt. Eine große
Wiese, auf der Holzliegen aufgebaut sind, lädt zum Verweilen ein. Dahinter erstrecken sich kleine Obstgärten,
noch eine Pfahlhütte zum Essen für Gruppen, ein Kochhaus und ein Wohnhaus. Daran schließt sich wieder ein
Garten mit Obstbäumen an und weit hinten zwei aufgestellte Nuschniks. Durch Malins lautes „Iiih!“ abgeschreckt,
sehen wir davon ab, diese zu benutzen.
An einer Waschvorrichtung – einer langen Stange mit mehreren Wasserkränen waschen wir uns die Hände. Uns
wird Fisch aus der Donau serviert, dessen Reste wir für die Hunde einpacken. Außerdem gibt es dazu eine
Kartoffel und Soße und eine leckere Suppe. Aus einem Samowar schenken wir uns Tee ein.
Mit dem Boot fahren wir weiter in Richtung Schwarzes Meer
zum Nullpunkt der Donau, was nur bei diesem Fluss anders
herum gezählt wird. Daher ist der Kilometer 0 bei der
Einmündung.
Im Wasser sehen wir Frösche und weiter entfernt eine große
Fläche mit seerosenartigen Gewächsen. Dort finden sich
mehrere Schwäne ein, die Wassernüsse verspeisen.
Die Pelikane können wir leider nur weiter entfernt erkennen,
als wir zum Nullpunkt – wo es tatsächlich eine große,
aufgestellte Null gibt – gelangen und sich das Schwarze Meer
vor uns erstreckt. Wir legen vor einer großen Hinweistafel, die
wir aber nicht lesen können, an, um zehn Minuten Pause zu
machen. Da wir diese zehn Minuten schon kennen, ermahnt
jemand: „Denkt an Odessa!“, was Georgij zu dem Zusatz
bewegt: „Ukrainische zehn Minuten!“ Das trifft die Sache
schon eher.
Wenn man durch die Null klettert, darf man ein Glas Wein trinken. Jedoch gilt der Brauch nur, wenn man von
hinten, vom Schwarzen Meer aus, hindurch geht. Ich habe mich schon die ganze Zeit gewundert, wieso Georgij
eine Tüte mit sich herum schleppt, in der es verdächtig klirrt. Darin befinden sich wirklich viele, kleine Gläschen
und eine Plastikflasche mit Wein. Malin findet eine Wassernuss, auf die man wegen ihrer spitzen Stacheln
wirklich nicht treten will.
Es dauert noch lange, von hier aus mit dem Boot wieder zum Ausgangspunkt zurück zu fahren. Am Parkplatz
freuen sich einige Hunde über die mitgebrachten Fischreste, auch ein Welpe ist dabei, dem ich eine hohe Kante
hinauf helfen muss, damit er überhaupt zum Fressen gelangen kann.
Eine Frau ruft mir vom Restaurant aus, vor dem ich die Hunde gefüttert habe, etwas zu. Ich befürchte schon,
deswegen ausgeschimpft zu werden. Sie will mir aber nur einen Mülleimer zeigen, in dem ich die leere,
stinkende Tüte entsorgen kann. So freundlich sind die Leute hier überall!
Um zweiundzwanzig Uhr sind wir zu Hause und bekommen in unserem Pavillon gleich Nudeln mit
Hühnerfrikassee, Gemüsedurcheinander, Tomaten- auf Zucchinischeiben und es schmeckt wieder köstlich.
In einem Karton vor dem Bad im Erdgeschoss liegen vier kleine Kätzchen. Margor, die Katzenmutter, hat vor
einem Monat drei Jungen und ein Mädchen bekommen.
Wie jede Nacht zirpen die Grillen draußen richtig laut und geben uns ein Nachtkonzert. Die Hunde bellen dazu.
Donnerstag, 4.8.2011, Tag 5:
Malin darf heute mal ausschlafen. Einige haben schon früher gefrühstückt, weil sie eine weite Fahrt vor sich
haben, denn ihre Heimatdörfer liegen weiter entfernt. Wir haben es ja nicht so weit!
Für Malin packe ich etwas ein, das aussieht wie Pizza. Es handelt sich aber um ein Omelette mit Paprika- und
Gemüsestücken darin. Schade, dass ich zum Probieren zu satt bin! Auch gibt es Teigtaschen mit einer leckeren
Füllung, sowie Brötchen mit Honig und Aprikosenmarmelade.
Nach dem Frühstück kümmern Hugo, Maria und ich uns um die Fahrräder, damit wir vier fahrbare Räder
bekommen. Die Beiden möchten bis nach Moldawien radeln, was nur achtzehn Kilometer entfernt sein soll. Auf
Werners Rat hin versprechen sie, sich nicht über die Grenze zu begeben. In dieser Richtung wird es außerdem
immer bergiger, eine Radtour ist anstrengend genug. Da braucht es nicht noch eventuell zolltechnische
Probleme.
Es dauert eine Ewigkeit, ehe Malin geduscht und die Haare gefönt hat, daher radeln wir auch erst um 10.40 Uhr
los. Wir fahren die ganze Krasnaer Straße entlang, in der wir wohnen. Sie zieht sich durch ganz Tarutino
hindurch von einem bis zum anderen Ende. Wir kommen am Zentrum vorbei und an der russischen Kirche und
danach an der Poliklinik. Am Ende Tarutinos angekommen biegen wir nach links ab.
Malin rettet eben einen kleinen Welpen von der Straße und bringt ihn zu seiner Mutter. Nach dieser
Rettungsaktion geht es gleich weiter links in eine kleine, ruhigere Schotterstraße hinein, die Spitalstraße (früher
Spital ului). Die verläuft parallel zur Krasnaer Straße. Hier hat Omi gewohnt vor über siebzig Jahren. Das muss
man sich mal vorstellen!
Natürlich filme ich so viel ich kann. Einige Häuser sehen älter aus, andere sind eindeutig neuerer Bauart. Ein
hübsches, blaues Häuschen hinter grünem Mais gefällt mir besonders gut. Hier könnte ich mir gut vorstellen, zu
wohnen.
Anhand der Karte vermuten wir, dass der vorletzte Hof auf der rechten Seite der von Omi sein könnte. Allerdings
liegt das Haus direkt neben der Straße, müsste aber weiter nach hinten versetzt liegen. Da aber die alte, weiße
Mauer wie in fast allen bessarabischen Dörfern nicht mehr existiert und durch einen Eisenzaun ersetzt worden
ist, kann man nichts mehr erkennen oder mit Sicherheit festmachen. Auch der Brunnen ist nicht mehr zu sehen.
So hat leider auch Omi, als ich ihr den Film und die Fotos später zeige, Schwierigkeiten, irgendetwas
zuzuordnen. Früher konnte man auch von unten, wo es zum Antschiokrak geht, auf den Hof kommen, doch da
ist alles zugemacht worden. Auch die Straße verläuft nicht mehr weiter in Richtung Markt, obwohl man früher von
hier direkt zu der russischen Kirche gelangen konnte.
So drehen wir um und fahren eine Parallelstraße weiter – die Regina-Maria-Straße (Vorderreihe) - in Richtung
Zentrum.
Hinter dem Zentrum liegt das große Gebäude des ehemaligen Sportvereins von Omi Else, das jetzt verrammelt
und herunter gekommen ist. Die Tennisanlagen dahinter sind verschwunden. Gleich neben dem Gebäude des
früheren Sportvereins fließt der Antschiokrak, den wir über die Brücke überqueren und zum Sportplatz kommen,
wo gerade zwei Jungenmannschaften gegeneinander Fußball spielen. Der Sportplatz ist also geblieben, wenn
auch vermutlich mit einer neueren Mauer eingefasst.
Wir wenden uns in die andere Richtung, um die ehemalige, deutsche Schule zu suchen, die nicht weit direkt
gegenüber dem pinkfarbenen Kulturhaus in erfrischendem Grün auftaucht. Ein neuer Eisenzaun in Grün-Gelb
fasst das Grundstück ein. Der Eingang scheint ungefähr so geblieben zu sein. Ansonsten ist der Bau nur noch
einstöckig. Auch das wird alles bildlich festgehalten. Über eine andere Brücke geht es gleich daneben wieder
über den Fluss. Wir folgen ihm ein Stück entlang zu einer kleinen Anhöhe, zu der alte, verwachsene,
zerbröckelte Stufen scheinbar ins Nichts hinauf führen. Hier ist einfach nichts mehr zu erkennen, wo früher
einmal die deutsche Kirche gestanden hat.
Wir kehren um und ich würde zu gerne zum deutschen Friedhof fahren, aber Malin streikt schon unten an der
Regina-Maria-Straße, von wo aus es den Berg hoch geht nach Beresina. Sie legt einfach ihr Rad hin – obwohl
es doch ein Mountainbike ist und man gut die Berge damit hinauf kommt – und setzt sich daneben. Auch ihr: „Du
kannst ja fahren, ich warte hier!“ überzeugt mich nicht, alleine die ungewisse Entfernung in dieser mittäglichen
Hitze in Kauf zu nehmen. Da wir auch keine Familienangehörigen auf dem Friedhof liegen haben, gebe ich nach,
setze mich zu meiner streikenden Tochter und stärke mich.
Durch diese Pause merken wir, wie kaputt wir sind, nachdem wir ein paar Stunden in der Hitze herum geradelt
sind, und so freuen wir uns auf einen entspannten, restlichen Nachmittag zu Hause.
Gegen 13.40 Uhr kommen wir zu Hause an nach gut drei Stunden und setzen uns nach draußen in die Sonne.
Ottheim bietet uns Weintrauben an, die er auf dem Markt gekauft hat und die köstlich schmecken. Auf einem
Foto zeigt er uns sein Großelternhaus in Tarutino in der Gartenstraße. Außerdem ist er auch mit Steinkes von
der Tuchfabrik, die früher hier ansässig war, verwandt.
Wir spielen „Mensch ärgere dich nicht“, essen Sonnenblumenkerne und bekommen von Svetlana ukrainisches
Eis aus Vanille mit Schokosoße, was einfach super schmeckt, das leckerste Eis, was ich je gegessen habe.
Am Abend trudeln nach und nach alle ein, bis auf Erich und Erika, die in Moldawien sind und ganz spät erst
zurück kommen.
Während wir mit Käse überbackene Kartoffeln und dazu panierte Hackfleischbällchen, Tomaten, Zucchini mit
Knoblauch und Paprika essen, erzählt uns Ulrike von deren Tour nach Mannsburg. Von einer netten Frau sind
sie eingeladen worden, ihren Garten zu besichtigen und haben eine Melone und eine ganze Tüte frischer
Gurken geschenkt bekommen. Man schmeckt auch hier den riesigen Unterschied zu gekauftem Gemüse aus
dem Supermarkt, wie wir es gewohnt sind. Diesen Geschmack kennen wir gar nicht mehr.
Freitag, 5.8.2011, Tag 6:
Heute machen wir eine Fahrt durch die Dörfer der Umgebung. Zunächst geht es nach Krasna zur kleinen
Kapelle auf dem ehemals deutschen Friedhof, wo es noch einen Gedenkstein für die deutschen Siedler gibt. Die
Kapelle ist mit Spendengeldern aus Rheinland-Pfalz finanziert worden.
Die nächste Haltestation ist an der Dorfschule, ehemals deutsche Schule. Wir dürfen auch hinein. Das erste
Zimmer ist als Museum eingerichtet. Es gibt alte Sachen der Bessarabien-Deutschen zu besichtigen, sowie neue
Basteleien und Handarbeiten der Kinder. Wir machen einen Rundgang durch alle Klassenzimmer, die meist recht
farbenfroh gestaltet sind. Durch anschauliche Erklärungen an den Wänden erkennt man immer schnell, welches
Fach hier unterrichtet wird. Bei den Darstellungen von Kalaschnikows und Handgranaten lässt mich meine
Phantasie, um welches Fach es sich handelt, allerdings im Stich.
Die niedliche Küche mit dem Essraum und der kleinen Bühne davor laden zum Dableiben ein. Malin führt gleich -
entgegen ihrer sonstigen, zurückhaltenden Art - etwas vor mit mir als Zuschauer.
Ein bisschen wirkt alles wie früher, als die Deutschen hier noch lebten und zur Schule gingen. Alles ist gemütlich
eingerichtet.
In der bunten Turnhalle mit Holzfußboden verweilt Malin besonders lange und sie braucht eine Extra-Einladung
zur Weiterfahrt.
Bevor wir uns aber wieder auf den Weg machen, müssen wir noch das Schulklo genauestens inspizieren. Das
ist gar nicht so einfach, da es wilde Diskussionen darüber gibt, welches Zeichen für männlich steht und welches
für weiblich.
Die Kinder, die hier zur Schule gehen, finden nur ein Loch vor. Daneben gibt es aber die etwas luxuriösere
Ausführung mit Emailletritten, auf die man sich beim Pinkeln stellt. Malin will sich schon darauf setzen, wovon ich
ihr aber abrate. Diese „Hightech-Klos“ findet sie mittlerweile sehr amüsant.
Nächster Stopp ist in Paris. Jetzt sind wir auch mal dagewesen! Es gibt hier kaum viel mehr als eine
Hauptstraße, dann hat man Paris gesehen.
Ein riesiges, buntes, orthodoxes Kreuz mit drei Balken steht am Straßenrand. Dahinter befindet sich die Kirche.
Ich kann Georgij dazu bringen, kurz an dem Seil mit den Glocken zu bimmeln, damit ich filmen kann. Zum Glück
erscheinen keine Dorfbewohner, um dem vermeintlichen Gottesdienst beizuwohnen. Dann hätten wir uns
ernsthaft etwas einfallen lassen müssen.
Vor der Kirche neben dem Eingangstor befindet sich ein alter Ziehbrunnen. Wir möchten selber Wasser hoch
holen. Dazu muss vorher der Eimer geleert werden. Gerade, als Georgij schwungvoll das Wasser über das
daneben gelegene Blumenbeet kippen möchte, kommt Erich mit seiner Kamera um die Ecke. Zum Glück kann
Georgij rechtzeitig stoppen. Ob die Kamera das wohl ausgehalten hätte...?!
In Friedenstal besuchen wir das Edwin-Kelm-Museum im früheren Hof seiner Eltern. Auch hier gibt es einen
Ziehbrunnen, an dem wir uns erfrischen, und Hightech-Klos sogar mit Klobrille aber doch noch mit Grube. Als
Doris erzählt, dass es zwei Klos sind, die einander gegenüber liegen, bin ich geschockt bei der Vorstellung, dass
man sich ja gegenseitig zusehen könnte beim Pinkeln. Was bin ich erleichtert, als ich feststelle, dass sie eher
nebeneinander liegen mit einer niedrigen Wand dazwischen1
In der Scheune sehen wir uns alte, landwirtschaftliche Geräte an, wovon eine Dreschmaschine sich als sehr
praktisch bei der Hitze erweist. Man kann nämlich vorne an der Kurbel drehen, dadurch wird hinten so viel Wind
erzeugt, dass einem die Haare flattern Bei der ständigen Wärme von 35 Grad jeden Tag ist das außerordentlich
angenehm. Malin will nicht weiter kurbeln, während ich filme, und wird zur Strafe in ein kleines Häuschen für Heu
oder Mais gesperrt. Durch die Holzstäbe kann sie heraus schauen, wird aber bald darauf wieder auf freien Fuß
gelassen.
Neben der Scheune sehen wir uns die gemütliche Stube mit alten Möbeln an. Im Häuschen gegenüber befindet
sich die Sommerküche, die dann benutzt wird, wenn es zu warm ist, um den großen Ofen anzuheizen. Der
würde gleich alle Räume mit erwärmen. Wir gehen noch hinunter in den Erdkeller, dann fahren wir weiter nach
Eigenfeld.
Da werden wir vor einem Haus von zwei Mädchen mit Brot und Salz empfangen und mit netten Worten auf
Deutsch begrüßt. Anschließend werden wir hinein geführt in ein kleines Museum. Auch hier sehen wir uns
Handarbeiten wie diese typischen, gestickten Decken an und alte Stücke der Deutschen von früher.
Zum Mittagessen müssen wir nur ca. 100 m weiter in eine Art Kulturhaus fahren, das zu einem großen,
landwirtschaftlichen Betrieb mit vielen Schafherden gehört. Es muss sich um eine ehemalige Kolchose handeln,
deren Überreste man an manchen Orten noch erkennen kann.
Vor dem Haus waschen wir uns die Hände, wir stellen uns in einer Reihe auf. Aus einem Eimer wird mit einer
Kelle Wasser geschöpft und über unsere Hände gegossen und das Handtuch weiter gereicht. Das ist eine sehr
einfache und doch auch praktische Art, wie ich finde. Spaß macht es außerdem.
Wir nehmen Platz in einem Raum, in dem sich außer einem langen Tisch mit vielen Stühlen keine Möbel
befinden. Das Essen ist schon aufgetischt, vor allem gibt es Schafskäse aus eigener Herstellung, gefüllt in
Fladenbrote, dazu Tomaten und leckere Kuchen. Es wird Wein serviert und ich muss schon wieder trinken.
Auch hier suchen wir nach dem Essen das Hightech-Klo auf – also die Nuschniks hinter dem Haus, in dessen
Grube Malin beinahe hinein plumpst. Danach fahren wir weiter, vorbei an riesigen Kuhherden. Die Kühe werden
gerade von Frauen mit der Hand gemolken. Wir kommen an Feldern vorbei mit vielen Störchen bis nach Sarata,
wo wir dieses Mal wirklich nur kurz halten, um die Kirche zu besichtigen.
Außerhalb Saratas entdecken wir noch einen richtig alten, typischen Ziehbrunnen mit hohem Balken. Auf meine
Bitte hin halten wir hier mitten in der Einöde. Malin darf mehrere Eimer Wasser schöpfen und in den Trog
schütten, um mit den Füßen darin herum zu patschen. Am Brunnen haben wir so viel Spaß, als wäre es ein
eigener Programmpunkt.
In Neu-Elft erwartet uns schon eine sehr nette, deutsch sprechende Frau, die uns auch den Neu-Elfter
Gedenkstein zeigt. Auf der einen Seite steht etwas in Deutsch geschrieben und weist ebenfalls den
Friedensspruch auf wie alle anderen Steine in den übrigen Orten auch. Um die sehr urig-gemütliche Dorfschule
herum geht es hinaus in die Steppe, wie es scheint. Wir sehen uns den alten, deutschen Friedhof an mit
verwitterten, umgestürzten Steinen, die hier und da aus dem Grün heraus ragen.
Piker wachsen hier, wie ich deutlich zu spüren bekomme, und lila farbiger Salbei. Schade, dass ich gerade keine
Halsschmerzen habe!
Eine ältere Frau lässt uns ihren Hof besichtigen, wo sie alte Mühlsteine aufgereiht hat. Der alte Brunnen und ein
alter Steinschuppen sehen auch recht idyllisch aus, wie auf einer Postkarte.
Von der deutsch sprechenden Frau, die uns das Dorf gezeigt hat, werden wir eingeladen. Hinten im Hof wimmelt
es nur so von Hühnern und Enten in einem Gehege. Kleine Kätzchen laufen – sehr zu Malins Entzücken –
herum und Hund Freund (Den Namen auf Russisch habe ich vergessen!).
Wir bekommen Maiskolben und Wein und machen es uns unter der Laube aus Weinranken gemütlich. Bevor wir
wieder aufbrechen, sammeln wir schnell etwas Geld, um es den netten Leuten für ihre Gastfreundschaft zu
geben.
Von einem Hirten begleitet laufen die Kühe Über die Dorfstraße nach Hause. Andächtig schauen wir diesem
Schauspiel - ähnlich einem Almabtrieb - zu.
Die Zeit scheint hier stehen geblieben zu sein. Alles ist einfach und unkompliziert. Überall ist man willkommen
und man wird herzlich empfangen. Man muss viel Zeit einplanen, um auch diesen spontanen Einladungen folgen
zu können, die ein wesentlicher Bestandteil sind, um das Land und dessen Leute kennen zu lernen.
In Tarutino kommen wir daher auch erst wieder um 21.15 Uhr an zum Abendessen: Ein großer Teller mit einer
Reiskugel, Teigröllchen mit Mais, Fischstücke mit Paprika, Omelettestücke, Tomaten auf Zucchini und dazu Tee.
Samstag, 6.8.2011, Tag 7:
Heute Vormittag darf jeder machen, was er will. Ich möchte noch einmal zum großen Basar, der nur mittwochs
und samstags stattfindet. Malin braucht ihre Ruhe und bleibt zu Hause.
Ich staune, wie viele Stände Platz finden und wie viele Längs- und Querreihen es gibt. Erst jetzt kann ich
ausmachen, dass es überall in den kleinen Betonbuden winzige Läden gibt, die nur aus einem ca. 10 m2 großen
Raum – wenn überhaupt – bestehen.
Meist werden Kleidung und Schuhe angeboten und Gemüse, aber auch Haushaltswaren, Taschen und
Schulhefte. Auf dem Gemüsemarkt erstehe ich zwei Gläser Honig, der wie unser leckerer Frühstückshonig
aussieht. Zum Mitbringen und Verteilen zu Hause hole ich abgepackte Bonbons und zum Essen für unterwegs
Kekse.
Hinter dem Basar erstreckt sich der Viehmarkt, wo es nicht nur lebendes Federvieh zu kaufen gibt und viele,
kleine Küken, sondern auch Ferkel, die auf einem Anhänger und sogar im Kofferraum auf Stroh liegend auf
Käufer warten. Von unserer Gruppe treffe ich Christa und Toni, die erzählen, dass sie aufgefordert wurden, die
Schweinchen zu kaufen, als sie sich scheinbar für sie interessiert haben. Daher gehe ich lieber nicht so nah
heran, sonst komme ich noch mit einem Schweinchen im Rucksack zurück.
Mein Weg führt über den Viehmarkt hinaus, wo ich nach einem Durchgang zu Omis Straße suche. Ich gelange
aber nur auf ein zugewachsenes, verwahrlostes Gelände zwischen Antschiokrak und Omis früherem Hof. Die
Überreste von zwei neueren Häusern kann ich noch ausmachen, dann steht ein neues, bewohntes Haus etwas
unterhalb neben dem Antschiokrak.
Von hier unten kommt man nicht mehr an die Häuser der Spitalstraße heran, so wie früher. Enttäuscht gebe ich
auf. In eine Tüte fülle ich Heimaterde für Omi zumindest von der Nähe ihres Hofes. Hoffentlich reagiert keiner am
Flughafen beim Durchleuchten des Koffers, dass ich ein Stück Ukraine ausführe!
Die Last drückt schwer auf meinem Rücken und zieht mich vor allem bei dieser Hitze herunter. Nach zweieinhalb
Stunden bin ich wieder zu Hause. Vom Zentrum aus geht man ungefähr eine halbe Stunde. Die lange Krasnaer
Straße zieht sich ganz schön hin.
Mit einem typischen, kleinen Holzpferdewagen, in dem höchstens acht Personen passen, werden wir um 14 Uhr
abgeholt. Zwei Pferde sind davor gespannt. An das eine ist außerdem ein Fohlen gebunden, das immer
mitlaufen muss und ganz verängstigt ist. Auf Brettern, die einfach mit Decken darüber quer über den Wagen
gelegt werden, nehmen wir Platz. Wenn der Kutscher einmal stark abbremsen muss, fliegen wir alle auf die
Straße. So richtig verkehrssicher ist das nicht, aber Malin ist begeistert.
Zum ersten Mal schlagen wir nicht den Weg Richtung Zentrum ein, sondern verlassen Tarutino in Richtung Kulm.
Der Weg steigt an, aber wir biegen nach kurzer Zeit von der Straße ab in einen Sandweg. Im Galopp gelangen
wir an den ersten Tarutinoer Teich mit Staudamm. (Anmerkung der Autorin: Man hätte an dieser Stelle auch
„See“ schreiben können. Allerdings findet man diese beiden Gewässer in den alten, deutschen Stadtplänen unter
der Bezeichnung „Teich“!) Nur wenige Leute erfrischen sich darin. Man hat fast die ganze Gegend für sich. Doch
wir lassen diesen Teich hinter uns und erreichen den oberen Teich. Der liegt malerisch vor uns, umgeben von
Schilf. In der Mitte des Teiches ragen Baumstämme aus dem Wasser.
Oberhalb des hinteren Ufers befindet sich eine Grill- und Picknickstelle, die mit Weidenstöcken eingegrenzt ist.
Lange Tische und Bänke aus Baumstämmen sind aufgebaut. An einem Maulbeerbaum hängt ein Eimer mit
Wasser zum Hände waschen neben dem abenteuerlich anmutenden Grill mit langem Blechrohr.
Svetlanas Freund Sveat kocht über dem offenen Feuer in einem riesigen Kessel eine Suppe mit Kartoffeln,
Möhren und Nudeln, die sehr lecker schmeckt. Dazu werden die frischen Gurken serviert, die Ulrikes Gruppe
geschenkt bekommen hat, Paprika mit Reis, knuspriges Fladenbrot mit Schafskäse, gedünsteten Weißkohl,
gebackene Kartoffeln und Schweinefleisch.
Sofort treiben sich einige Hunde in unserer Nähe herum, die wir selbstverständlich füttern vor allem einen, der
humpelt. Uns tut er sehr leid und er bekommt am meisten.
Wir essen bei Akkordeonbegleitung. Zwei mit bunten Kleidern ausstaffierte, junge Mädchen tanzen dazu.
Georgij hat heute frei. Er muss ja nicht wirklich dolmetschen. Für alle Fälle ist aber die junge Deutsch-Studentin
Rima dabei. Von der lasse ich mir das kyrillische Alphabet
erklären, muss aber erkennen, dass es intensiverer Studien
bedarf, als es nur mal eben nebenbei bei einem Picknick zu
erlernen.
Neben dem Picknickplatz stehen einige kleine Wohncontainer
beieinander. Wie sich herausstellt, handelt es sich um das
Wochenenddomizil einer Familie, die hier alle ihre Tiere –
Schweine, Gänse usw. – untergebracht hat. Über Interesse
freuen sie sich sehr und so bekommen sie mehrmals an
diesem Tag von unserer Gruppe Besuch.
In den Teich führt ein Steg, an dem ein Boot festgemacht ist.
Malin äußert den Wunsch, Boot zu fahren. So will Erich sich
auf den Weg machen zu der Familie, der offensichtlich dieses
Boot gehört. Ich frage ihn, ob er Russisch kann, woraufhin er
meint: „Nein, aber ich frage trotzdem.“ So zieht er dann los. Es
stellt sich als einfach heraus. Er drückt dem Mann 10 Griwna
(1 €) in die Hand und wir entern das Boot.
Überrascht reagieren wir allerdings, als nicht – wie gedacht – Erich die Ruder übernimmt, sondern die Tochter
des Bootsbesitzers. Die kann kaum älter sein als Malin, was bei unserer Gruppe zu Heiterkeitsausbrüchen führt.
Was für ein Bild müssen wir abgeben, dass wir uns von diesem Mädchen über den Teich rudern lassen!
Auch Malins zweiter Wunsch zu reiten erfüllt sich schnell. Das eine Kutschpferd Bujan wird fertig gemacht. Sogar
bunte Bänder flattern in seiner Mähne. Ohne Sattel, nur auf einer Decke sitzt Malin hoch zu Ross und darf –
geführt vom Pferdebesitzer – ein Stückchen am Ufer entlang und zurück reiten.
Dieser schöne, entspannte Tag am Tarutinoer Teich, den es früher auch schon gegeben hat, neigt sich dem
Ende zu.
Um 19.30 Uhr fährt Malin mit der ersten Fuhre zurück. Ich gehe mit noch einigen anderen zu Fuß zurück. Zur
Quelle mit dem frischen, gesunden Wasser, das uns Werner im Wald neben dem unteren Teich zeigen will,
gehen wir aber nicht mehr.
Kurz vor Ortsanfang an einem abgelegenen Haus werden wir von Binka, der trächtigen Hündin, überschwänglich
begrüßt. Mit ihrem dicken Leib springt sie sogar an mir hoch. Ihren Kleinen muss es richtig schlecht geworden
sein, so hin und her geschaukelt zu werden.
Ab 21 Uhr werden uns Tänze von den beiden jungen Mädchen vorgeführt, die auch immer wieder in tollen,
neuen Gewändern auftreten.
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