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Elschen Klein ging allein...
- Das erste Vierteljahrhundert der Else Klein von
Bessarabien über Pommern nach Westfalen!
aufgeschrieben von ihrer Enkelin Anja Johansson
Gerade beiße ich herzhaft in ein riesiges Stück Melone. Der Saft läuft mir am Kinn
hinunter. Mein Blick fällt auf Omi Else, die mir gegenüber sitzt. Sie guckt mich
schmunzelnd an und meint mit einem zufriedenen Seufzer: „Der Saft fließt...“ „...wie in
Rumänien!“, ergänze ich. Sie musste immer beim Meloneessen an zu Hause denken an
Bessarabien. Früher als Omi klein war, lag es in Rumänien. Jetzt gehört es zur Ukraine.
Damals im Winter 1923/24 war Omi gerade drei Jahre alt, als ihre Eltern mit ihr von
Berlin nach Bessarabien gezogen sind.
Ich bin mit ihren Geschichten von früher aufgewachsen. Immer wieder höre ich ihr gerne
zu. Dieses Mal aber wollte ich mitschreiben, schießt es mir plötzlich durch den
Kopf. Das hatte ich schon lange vorgehabt. „Halt, Omi! Wo hast Du Papier und
einen Stift? Ich schreibe mit!“ Omi Else sieht mich verdutzt an. „Oh, Herr!“, kichert
sie dann unsicher. „Jetzt hast Du mich aber aus dem Konzept gebracht. Was soll
ich denn erzählen?“
„Wie ist es dazu gekommen, dass Deine Eltern nach Bessarabien gegangen sind?“
„Nach dem ersten Weltkrieg gab es keine Arbeit in Deutschland, vor allem nicht in
Berlin, wo sie zunächst in einem Obdachlosenheim am Prenzlauer Berg gewohnt
haben. Da bin ich geboren. Meine Mutter musste ja von Wolhynien fliehen und
mein Vater ist von der Krim gekommen. Sie sind dann zwar nach Berlin-Zehlendorf
gezogen, aber mein Vater wird als Gärtner keine Arbeit bekommen haben. Zu der
Zeit sind Aufrufe gemacht worden, dass Leute angefordert wurden, die nach
Bessarabien gehen wollten. Von einer Sammelstelle aus bei Hannover ist es dann
losgegangen. Emmi ist noch 1923 in Celle geboren, Arthur und Lilli schon in
Bessarabien.“
„Und was war mit den Eltern Deiner Eltern also Deinen Großeltern? Wo befanden
die sich?“
„Die habe ich nie kennen gelernt. Ich nehme an, sie sind vielleicht auf der Flucht umgekommen. Meine Mutter
hat nur erzählt, wie sie auf den Wagen gesessen haben und die russischen Soldaten sie beschossen haben. Die
Kugeln haben sich aber in den Federbetten zwischen den Federn verirrt und so waren nur Löcher in den
Federbetten... Von ihren Eltern hat sie nie gesprochen.“
Bessarabien
„Kannst Du beschreiben, wie Ihr gewohnt habt. Wie sah das Haus aus?“
Omi hat sich wiedergefunden. Sie ist in ihrem Element und ich konnte endlich alles festhalten...
„Wir haben in einem Zweifamilienhaus gewohnt. Das gehörte Alma Lächelts Stiefvater Johann Krause. Alma war
meine beste Freundin.“ Ich nicke wissend. „Die ist doch 2001 gestorben.“ „Tja, jetzt kann ich sie nicht mal mehr
eben anrufen, wenn ich etwas von zu Hause wissen möchte...“ Omi sieht traurig aus. Dann fährt sie fort: „Vor
dem Haus war eine Steinmauer. Das Haus selber stand mit der Giebelseite zur Straße. Zwischen Haus und
Mauer war noch Garten, sowie hinter dem Haus. Nur vor dem Haus gab es keine Beete. Durch ein einfaches
Holztor ist man auf den Hof gegangen. Neben einem großen Tor gab es noch ein kleines. Der Hof war ziemlich
groß so in etwa wie der riesige Garten von Opa Richard. Im Sommer wurde da das Getreide gedroschen mit
großen Steinen. Krauses hatten eigene Felder,
aber die lagen weiter weg. In aller Herrgottsfrühe musste man da aus den Federn, wenn der Mond noch schien.
Das Getreide wurde gemäht und auf den Hof gebracht zum Dreschen. Das Getreide wurde da nicht zu Garben
gebunden wie sie es z.B. in Pommern gemacht haben. Heute wird das ja mit der Maschine gleich auf dem Feld
gemacht. Auf dem Hof standen Akazienbäume. Wenn die Tiere auf dem Hof waren, blieb das große Tor zu.
Ansonsten war es offen. Auf der anderen Seite des Hofes gab es die gleichen zwei Tore. Durch die gelang man
auf die breite Hauptstraße. Die Leute konnten abkürzen, wenn die Tore offen standen. Allerdings nur die, die der
Nero kannte. Andere hat er ja nicht durchgelassen.“ Ach, ja richtig, jetzt weiß ich es wieder: Nero war ja der
Hofhund. „Was war das für ein Hund?“, möchte ich aber noch gerne wissen. „Das war ein großer Schäferhund.
Der hatte seine Hundehütte auf dem Hof. Er war angekettet, aber die Kette war an einem Draht befestigt, der
von der einen bis zur anderen Seite des Hofes gespannt war von seiner Hundehütte bis zum Geräteschuppen.
So konnte die Kette daran hin und her rutschen und der Nero konnte überall auf dem Hof hin..“ „War Nero nicht
der Hund, der bei der Beerdigung seines Besitzers mit dabei war?“ „Jaaaa, jaaa. Das stimmt. Den Hund hatte
Herr Krause schon als er Soldat war. Er ist immer bei ihm gewesen und er hat ihn dressiert. Nero hat immer auf
die Kinder aufgepasst. Wenn sie zu nah an den Brunnen gingen oder auch runter vom Hof wollten, kam der Nero
und packte sie mit seiner Schnauze. So hat er sie zurückgezogen. , ob sie wollten oder nicht.“
„Und wie war das noch mal mit der Beerdigung?“ „Also der Krause lag im Wohnzimmer aufgebahrt. Das machte
man früher bei uns so. Am Tag der Beerdigung wurde der Sarg hinausgetragen auf den Hof. Krauses hatten
noch einmal einen separaten Eingang direkt vom Wohnzimmer in den Hof. Bei dieser Beerdigung war es aber
das einzige Mal, das sie ihn benutzten. Na ja, auf jeden Fall haben sie zwei Bänke auf dem Hof aufgestellt.
Darauf stellten sie den Sarg. Da gutes Wetter war, konnte die Predigt auf dem Hof gehalten werden. Nero war in
der Scheune eingesperrt. Da machte er aber so ein Spektakel und hat gejault, dass man ihn da wieder
herausgelassen hat. Ja, und während der ganzen Predigt hat er unterm Sarg gelegen. Niemand hat ihn darunter
wegholen können. Schon alleine wegen des Hundes war die Gemeinde zu Tränen gerührt. Nach der Predigt
ging die Prozession mit dem Sarg zum Friedhof. Der Nero kam auch mit. Anschließend haben sie ihn wieder mit
zurück auf den Hof genommen, aber am nächsten Tag war er wieder weg. Er ist wieder zum Friedhof gelaufen
und hat sich auf das Grab gelegt. Er wollte auch nicht mehr fressen. Immer wieder ist er zum Friedhof hin und
man konnte ihn ja nicht immer von da wegholen. Da ist er verhungert. Das hat sogar in der Zeitung gestanden.“
„Was war das denn für ein Brunnen auf dem Hof, von dem Du gerade geredet hast?“ „Na, das war so einer, wie
er typisch für diese Gegend war. An einem langen Balken hing ein Stab, an dem ein Eimer befestigt war. Am
hinteren Ende befand sich ein Gewicht, ein Stein. Den Eimer hangelte man hinunter und schöpfte Wasser. Wenn
der Eimer voll war, musste man aufpassen, dass er nicht durch das Gewicht hinten zurückschnackte. Etwas
schwappte aber doch immer über. Dann wurde das Wasser aus dem Eimer an der Stange in den eigenen Eimer
gefüllt. Dann waren da noch zwei Tröge am Brunnen.“
„Wo hattet Ihr eigentlich das Klo?“ „Das Klo? Was Du alles wissen willst! Genau gegenüber vom Haus stand ein
Schuppen für Geräte. Vom Hauseingang aus ging man direkt über den Hof auf zwei Plumpsklos an diesem
Schuppen zu. Vorne war an jeder Holztür ein Herzchen eingeschnitzt. Das war dann so ein Donnerbalken, also
eine Holzbank mit einem Loch drin. Es gab keine Klobrille oder Deckel...“ „Und wo ist das dann reingefallen?“
„Unter dem Schuppen war wohl eine Grube und das wurde dann irgendwie da raus gepumpt. Genau weiß ich
auch nicht. Auf jeden Fall sind damit dann die Felder gedüngt worden.“ „Hattet Ihr auch Toilettenpapier?“ „Nein.
Wir haben Zeitungspapier genommen.“ Dieses Thema ist einfach zu faszinierend. Noch bin ich nicht fertig damit.
„Wo habt Ihr Euch denn, als Ihr fertig wart, die Hände gewaschen?“ „Im Haus, als wir wieder reingegangen sind.“
Puh, ich dachte schon, das hätte man früher noch nicht gemacht. Da bin ich aber doch irgendwie erleichtert!
„Was gab es denn sonst noch auf Eurem Hof?“ „Da war der Keller genau gegenüber vom Haus also neben dem
Schuppen mit den Plumpsklos. Das war eigentlich ein Hügel, auf dem wir sogar gespielt haben. Unten war der
Eingang wie der Eingang einer Garage so kann man sich das in etwa vorstellen. Man ging hinein und drinnen
führte gleich eine große Treppe hinunter unter die Erde. Man brauchte nicht den Kopf einzuziehen. Gleich rechts,
wenn man die Treppe hinunter kam, auf Regalen hatten wir unsere Essensvorräte. Möhren hatten wir auch den
ganzen Winter über in großen Trögen im Sand stecken. Es standen auch riesige Weinfässer auf Holzbalken in
dem Gewölbe. Krauses hatten da noch ungefähr acht Fässer. Zur Weinlese stand eine Presse auf dem Hof.
Wenn der Wagen mit den Trauben kam, wurden die darin gepresst. Der Traubensaft lief in Behälter und wurde
dann zum Gären in die Fässer gebracht. Die Presse stand mehrere Tage da, bis die Lese beendet war. Wir
konnten so viel trinken, wie wir vertragen konnten. An der Presse standen einige Tassen, die immer im Gebrauch
waren. Alle Kinder liefen den ganzen Tag mit beklebten, beschmierten Gesichtern herum. Jeder konnte sehen,
woher das kam, denn gewaschen wurden sie nur am Abend. Übrigens wurde fast zu jedem Mittagessen Wein
getrunken, allerdings nur ein Gläschen.“ „War es nicht auf dem Hof sehr matschig, wenn es geregnet hat?“, fällt
mir da ein. „Nein.“ Omi schüttelt mit dem Kopf. „Das war ganz fester Boden. Wenn ich es mir genau überlege,
weiß ich auch nicht, was das für ein Boden gewesen ist. Auf jeden Fall war er immer gleich fest egal was für
Wetter. Da sprangen ja auch unsere Tiere rum. Wir hatten Hühner und Gänse immer zusammen mit den
Nachbarstieren. Wir konnten sie gar nicht auseinander halten. Jeder hat einfach genommen, was er brauchte.
Was an Eiern übrig blieb, wurde den anderen Nachbarn gegeben. Kaninchen hatten wir auch. Die hätten wir
aber nicht selber schlachten können. Wir haben sie eingetauscht und etwas Anderes dafür bekommen.“
„Wie hieß eigentlich die Straße, in der Ihr gewohnt habt?“ „Spitalstraße!“ „Und auf rumänisch?“ „Strada
Spitalului!“ Dabei verheddert Omi sich fast die Zunge. Ich muss noch ein paar Mal nachfragen, ehe ich glaube,
es richtig aufschreiben zu können. „Wir hatten nämlich ein Spital gleich in der Nähe. Ein Krankenhaus!“ Weiß ich
doch, dass Spital = Krankenhaus ist!
„Wir waren gerade beim Hof stehen geblieben“, komme ich wieder zum Thema zurück. „Ach so, ja. Neben dem
Keller, der ja gegenüber von unserem Haus gelegen hat und auch gleich direkt an der Steinmauer, war...“
„...der Schuppen mit den Plumpsklos“, beende ich den Satz. Das habe ich mir behalten. „Ja, aber nicht ganz“,
grinst Omi mich an. „Zwischen dem Keller und dem Schuppen war noch ein Trampelpfad, der zu den Nachbarn
führte. Neben dem Schuppen stand der Strohschober. Das war einfach ein gleichmäßig hoch aufgestapelter
Strohhaufen wie ein Strohberg ohne Dach, nur im Winter kamen Planen über das Stroh. Am Strohschober
konnte man sich prima verstecken, wenn wir gespielt haben. Und daneben war dann ein kleiner Schuppen, worin
die Kutsche von Krauses untergebracht war. Darin sind wir sonntags mal raus gefahren über die Felder
stundenlang. Vor dem Schuppen befand sich noch der Hühnerstall und neben dem Schuppen stand ein
Steinofen, in dem im Sommer das Brot gebacken wurde und daneben lagen immer drei große Steine, die geholt
wurden, um darunter Feuer zu machen und auf die Steine kam dann ein großer Kessel aus Messing. Darin
haben wir auch eingekocht, Pflaumen und Weintrauben als Marmelade. Mitten auf dem Hof wurde das gemacht.
Dann kam wieder eine Steinmauer mit zwei Toren wie schon auf der anderen Seite, sodass der Hof von zwei
Seiten aus erreichbar war. Gegenüber dem Schuppen mit dem Hühnerstall befand
sich der Stall für die Tiere. Aber halt, genau in der Mitte stand noch der
Ziehbrunnen. Der war viereckig eingefasst und mit Holz abgedeckt. Daneben stand
ein länglicher Trog zum Trinken für die Tiere. Der hatte auch einen Stöpsel, damit
man das schmutzige Wasser rauslassen konnte. Nun ja, also wenn man in den
Stall hineinging, waren rechts vom Gang die Pferde und links die Kühe. Im
Anschluss an den Stall kam die Scheune. Die war genau zwischen Stall und
Wohnhaus. Da war Torf aufgestapelt. Links in der Ecke neben dem Eingang stand
ein großer Bottich zum Waschen. Da drin haben wir gebadet und auch geduscht.
Zum Duschen wurde eine Gießkanne oben drüber aufgehängt. Das Wasser wurde
dann auf den Hof gespritzt, wo es hinunter bis zum Tor lief Richtung Brunnen. Der
Hof war nämlich etwas abschüssig. Im Winter wurde es im Eimer vorsichtig
ausgekippt, dass keine Eisbahn entstand. Dann standen noch ein Spinnrad und ein
Webstuhl in der Scheune. Da gingen die Frauen – also Frau Krause und meine
Mutter – immer zum Spinnen und Weben hinein, wenn sie dazu Zeit hatten. Dabei
haben sie meistens gesungen. In der Tenne – also in der Scheune – befand sich
ein großer Tisch, an den sich die Arbeiter setzten, wenn sie vom Feld kamen.
Rechts vor der Scheune stand Neros Hundehütte. Zwischen Scheune und
Wohnhaus war ein schmaler Gang. Von da aus konnte man über eine Leiter auf
unseren Dachboden gelangen. Hinter dem Haus befand sich der Gemüsegarten.
Wir haben uns ja selbst versorgt. Fast alles, was wir gegessen haben, kam aus
dem Garten. Für den Winter wurde das Gemüse dann eingelegt und im Keller
aufbewahrt. Die Beete haben wir uns mit Krauses geteilt, aber es wurde immer dem Anderen davon abgegeben,
was man zu viel hatte. Wir haben auch viel Zuccini gegessen. Ooooch, ich bekomme gerade Hunger auf
Zuccini...“
„Ja, zum Essen kommen wir gleich noch. Erst musst Du mir noch das Haus beschreiben“,
führe ich Omi wieder zum eigentlichen Thema zurück. „Tja, also das war ein weißes Haus...“
„Waren alle Häuser weiß oder welche Farben gab es da noch?“ „Nu ja, die meisten waren weiß, ansonsten gab
es vielleicht noch rosa oder blaue, aber hell waren sie alle. Unser Haus und Hof sahen aus wie fast alle Häuser
und Höfe auch. Vor dem Haus stand links neben der Treppe eine lange Bank mit einem Tisch davor unter einem
Baum. Da wurde im Sommer gefrühstückt, Mittag und Abendbrot gegessen. Alles spielte sich da ab. Unter dem
Tisch standen immer so zwei oder drei Hocker. Wenn jemand vorbeikam, zog der den Hocker hervor und konnte
sich darauf setzen. Unter unserem Fenster war dann noch einmal eine kurze Bank. Man ging die Stufen hoch
zum gemeinsamen Eingang. Krauses wohnten links, wir auf der rechten Seite. Zuerst war da ein Flur. Da
standen alle Schuhe. Geradeaus ging man in die Küche. Die haben wir uns mit Krauses geteilt. Früher hatte
man damit keine Schwierigkeiten, sich zu arrangieren. Gleich links wenn man in die Küche kam, standen immer
zwei Eimer mit Wasser auf einer kleinen Bank. Darunter befand sich noch mal ein Behälter. Darein kam das
benutzte Wasser, das man dann auf den Hof gekippt hat. In der Küche stand ein großer Ofen mit vielen
Kochstellen links vom Fenster. Der Ofen war Tag und Nacht warm und ganz hinten stand immer ein Eimer
Wasser. Wenn man eine Kochstelle benutzen wollte, hat man mit einem Eisenstab in das Loch vom Eisendeckel
gestochen und ihn so hoch gehoben. So hat man sich nicht verbrannt. Es gab Eisenringe in verschiedenen
Größen, die man auf die Kochstelle legen konnte. Bei einem kleinen Topf legte man mehrere Ringe ineinander,
damit der Topf darauf stehen konnte. Hatte man einen großen Topf, brauchte man vielleicht nur einen Ring.
Durch diese Ringe hat man es immer passend machen können. Über dem Herd wurden Töpfe aufgehoben. Im
Ofenrohr konnte man auch Essen warm halten oder Küken.“ „Küken?“, frage ich ungläubig. „Ja.“ Omi lacht. „Im
Frühjahr wenn die kleinen Küken geschlüpft sind, haben wir oft so ein oder zwei Küken in einen Hut gesteckt und
dann in das Ofenrohr zum Wärmen gesetzt. Ein zweiter Ofen ist vom Flur aus geheizt worden. Die Klappe
befand sich genau in der Ecke, sodass der Stein- oder Lehmofen oder was das da war gleichzeitig die Küche
und auch das Wohnzimmer heizte. Der rundliche Ofen stand also halb in der Küche und halb im Wohnzimmer.
Eigentlich sah der nicht aus wie ein Ofen, man konnte ja nur eine Lehmwand sehen, die abgerundet war. Wo der
Ofen oben abschloss, konnte man etwas draufstellen. Auch in diesem Ofenrohr wurde manchmal Wasser oder
auch Behälter mit Essen warm gehalten. Dieser Ofen konnte wegen seiner Größe gut zum Brotbacken
verwendet werden. Rechts neben dem Fenster stand eine Küchenbank und an der rechten Wand zum
Elternschlafzimmer noch eine an dem großen Küchentisch, an dem beide Familien gegessen haben. Am unteren
Ende Krauses und am vorderen Ende Aberles – also wir“, fügt Oma noch hinzu. Für den Fall, dass ich mich nicht
an ihren Mädchennamen erinnern konnte. „Über den Bänken befanden sich Regale, wo das Geschirr verwahrt
wurde. Neben dem Ofen – also zwischen der Küchentür, die sich nach links öffnen ließ und dem Ofen - befand
sich die Waschkammer. Der Ofen ging noch ein Stück in diese Kammer rein, sodass es immer schön warm war,
wenn wir uns da jeden Morgen gewaschen haben...“ „Gut. Aber vom Waschen darfst Du erst gleich erzählen“,
würge ich Omi ab. „Alles der Reihe nach. Erst einmal möchte ich, dass Du mir die Wohnung beschreibst.“
Omi schaut mich nur an. Dann redet sie aber doch zum Glück weiter. „Auf jeden Fall standen in der
Waschkammer noch zwei Nachttöpfe aus Emaille mit Deckel. Darauf konnten die kleinen Kinder gehen, wenn
sie nachts mal mussten. Morgens wurde es dann weggebracht. Rechts vom Flur ist man ins Wohnzimmer
gelangt. Ich weiß noch, dass da Mutters große Uhr stand mit großen Pendeln, eine Standuhr. Den Ofen habe ich
ja schon erwähnt. Davor war eine Bank und man konnte auf ihn raufklettern. Da haben wir Kinder immer gerne
drauf gespielt.“ „Habt Ihr auch darauf geschlafen?“ „Nein, das nicht. Hätte man machen können, ja. Aber bei uns
war das nicht so.“ „Habt Ihr auch Bilder hängen gehabt und waren die Wände tapeziert?“, werfe ich dazwischen.
„Ja, Bilder haben wir schon gehabt, aber was für welche...kann ich Dir heute auch nicht mehr sagen. Tapeten
hatten wir nicht. Die Wände waren weiß gekalkt. Die Fenster waren doppelt. Es gab ein inneres und ein äußeres
Fenster. Dazwischen war auch noch mal eine Fensterbank. Im Winter haben wir Wolle und Watte zwischen die
beiden Fenster gelegt, damit es nicht so zieht, auch mal Sternchen an Weihnachten. Im Sommer war fast immer
das innere Fenster offen und ein kleines Viereck vom Fensterkreuz ganz oben am äußeren Fenster geöffnet. Im
Wohnzimmer stand noch eine Liege. Darauf hat Arthur geschlafen. (Omis jüngerer Bruder) Außerdem war da
noch ein runder Tisch mit Stühlen drum herum. Vom Wohnzimmer aus ging eine Tür zum Elternschlafzimmer.
Das war ein großer Raum. Lilli (Omis jüngste Schwester) hat immer mit bei den Eltern geschlafen. Später hat sie
auf einer Chaiselongue gelegen, also einer Art Liege. Unter dem Fenster stand noch eine große Truhe. Darüber
sind wir oft aus dem Fenster geklettert direkt in den Maulbeerbaum, der im Garten stand und haben im Baum
Maulbeeren gegessen. Die sehen aus wie Himbeeren oder Brombeeren nur länglicher in weiß oder blau. Sie
schmecken unheimlich süß und reifen ständig nach. Diese Maulbeerbäume gab es überall und waren gute
Kletterbäume. Anstatt zu schlafen, habe ich manchmal in dem Baum gesessen.
Jedenfalls wurden in dieser Truhe im Winter die Sommersachen und im Sommer die
Wintersachen verwahrt. Außerdem eignete sie sich gut zum Draufsitzen. Es lag auch immer
ein dickes Schafswollkissen darauf. Emmi (Omis jüngere Schwester) und ich mussten immer
durch das Elternschlafzimmer gehen, um in unser Schlafzimmer zu gelangen. Darin standen
nur zwei Betten.“
„Und was hattet Ihr für Möbel?“ „Au ha. Du stellst vielleicht Fragen!“ Omi kräuselt ihre Stirn. „Na, wir hatten
einfache, helle Holzmöbel wie selbstgemacht. Die Betten hatten alle Knöpfe oben auf den Pfosten. Eigentlich
waren die Betten viel zu breit, wenn ich mir das so recht überlege. Viel breiter als die Betten, die wir heute so
haben. Auf den Schränken waren auch solche „Knöpfe“ oder was ich dazu sagen soll. An einem Schrank hing so
ein ganz breiter, interessanter Schlüssel. Da haben wir immer etwas drangehängt mehrere Bügel auf einmal.
Mutter hat immer geschimpft, dass wir es nicht so voll hängen sollen, aber wir haben es trotzdem immer wieder
gemacht...“ Omi lacht schelmisch. „Die Bügel waren übrigens selbstgemacht aus Zuckerrohr. Im Schrank wurden
sie oben mit einem Band befestigt und eigentlich nicht hinausgenommen. Haken gab es keine.“
„Was hattet Ihr für Lampen? Habt Ihr schon Strom gehabt?“ „Nein. Oh nein. Wir hatten keinen Strom. Wir haben
Petroleumlampen gehabt. Wenn jemand lesen wollte, hat er sich eine Lampe genommen, ist in eine Ecke damit
gegangen und hat bei so einer Funzel gelesen. Die Lampengläser mussten jeden Tag geputzt werden, weil sie
rußig waren vom Petroleum. Nur im Wohnzimmer hatten wir eine große Lampe, die man an einem Rädchen
heller und dunkler stellen konnte. Das war schon etwas Besonderes. Wie wir 1938 nach Deutschland gekommen
sind und überall Strom hatten, war das eine richtige Sensation...“
„Später, Omi, später. Dazu kommen wir auch noch! Jetzt möchte ich erst wissen, womit Ihr Feuer gemacht habt.
Mit Kohle?“ „Nein, mit Kohle nicht. Die wurde nur zum Bügeln benutzt für das Bügeleisen. Die wird wohl zu teuer
gewesen sein. Was weiß ich! Wir haben mit Stroh und Torf geheizt. Kuhfladen brannten auch besonders gut. Wir
haben getrocknete Kuhfladen in Eimern gesammelt. Die kamen dann in den Ofen.“
„So, jetzt kommen wir zum Waschen. Also Ihr habt im Bottich in der Scheune gebadet und
geduscht, hast Du gesagt?“ „Ja, ab und zu. Ansonsten haben wir uns jeden Morgen in der kleinen
Waschkammer in der Ecke der Küche fertig gemacht. Da mussten wir uns immer beeilen, weil sich da ja alle
waschen mussten. Zwei Stühle passten da gerade so hinein. Über beide Stuhllehnen lag ein Brett als Ablage für
die Waschutensilien also Seife oder was man so brauchte. Auf jedem Stuhl stand eine Waschschüssel mit einer
Porzellankanne darin. Unten auf dem Boden stand noch mal eine Emaillekanne, in der sich zusätzlich warmes
Wasser befand. Auf den Querbalken unter den Stühlen standen noch Emailleschüsseln, worin man sich die Füße
waschen konnte.“
„Und die Zähne? Wo habt Ihr Euch die Zähne geputzt?“ Omi denkt scharf nach. „Hm. Also ich kann mich an
keine Zahnbürste erinnern. Auch an keine Zahnpasta.“ Ich schaue sie ganz entsetzt an. „Wir haben wohl den
Mund ausgespült und mit Wasser gegurgelt.“
„Oh je, da müsst Ihr ja oft beim Zahnarzt gewesen sein...“ „Wir waren nie beim Zahnarzt.“ Ach, herrje!
Themawechsel!
„Da wir gerade beim Waschen sind: wie habt Ihr denn Wäsche gewaschen?“ „Das haben die beiden Frauen –
also Mutter und Frau Krause – immer gemeinsam gemacht. Sie haben sich abgesprochen, weil sie ihre
gegenseitige Hilfe benötigten. Jede hatte einen großen Waschtopf aus Zink. Ja, halt einen Bottich, sagen wir
Bottich. Abends wurde die Wäsche in Sodawasser eingeweicht. Zum Waschen wurden drei große Steine neben
den Brunnen gelegt. Das Sodawasser wurde ausgewaschen und die Wäsche in einen Kessel mit Lauge
geschüttet. Dieser Kessel stand auf den drei Steinen. Darunter wurde Feuer gemacht und die Wäsche immer
umgerührt mit einem großen Holzstab und mit einem Stampfer gestampft. So wurde die Wäsche gekocht und
anschließend ließ man sie abkühlen. Anschließend wurde sie zunächst vom Kessel in eine Schüssel und dann in
einen Bottich gefüllt, der auf zwei Holzböcken stand. Darin wurde die Wäsche auf einem Waschbrett mit Seife
bearbeitet und in einem anderen Bottich in Nähe des Brunnens ausgespült. Über Leinen, die quer über den Hof
gespannt waren, wurde die Wäsche zum Trocknen aufgehängt. Das hat einen ganzen Tag gedauert. Es war
eben Waschtag.“ Ich staune, wie kompliziert doch das Waschen früher gewesen ist: von einem Bottich in einen
Kessel und vom Kessel in eine Schüssel und wieder in einen Bottich...Nee, nee. Da ist man doch froh, wenn das
heute praktisch auf Knopfdruck klappt! Da fällt mir noch etwas ein.... „Und was haben die im Winter gemacht?
Auch auf dem Hof gewaschen?“ „Nein, das war dann noch etwas umständlicher.“ „N O C H umständlicher???“
Das gibt es doch gar nicht! „Im Winter wurde die Wäsche in kleineren Kesseln in der Küche gewaschen und
vorher in einem großen Kessel in der Scheune eingeweicht. Auf dem Boden hat die Wäsche dann getrocknet.“
„Wie ist die Wäsche dann gebügelt worden?“ „Ja, wie schon gesagt: in das Bügeleisen kam Kohle. Vor dem
Eingang wurde das Eisen geschwenkt, um die Glut anzufachen.“
„Hatte Deine Mutter auch ein Bügelbrett?“ „Nein. Sie hat einfach auf einer Decke auf dem Küchentisch gebügelt.
So mache ich es doch auch noch.“ Ach ja, richtig! „Meistens wurde aber gemangelt. Die Wäsche wurde um ein
rundes Stück Holz ganz glatt gelegt. Wie heißt dieses runde Holz noch mal, womit man Teig ausrollt?“
„Nudelholz?“ „Ja, kann sein. Mit einem Holzbalken, der unten wie ein Reibeisen gewellt war, hat man immer
darüber hin und her gerollt am Griff. Nach einiger Zeit war es glatt.“ „Kann ich mir nicht vorstellen.“
„Doch. Es war aber so.“
„Wie habt Ihr denn gespült?“ „In einer Schüssel auf einem Brett haben wir gespült. Wir hatten kein Spülbecken.
Zwar konnte man das Ende vom großen Küchentisch ausziehen. Darunter befand sich ein Gestell mit zwei
Schüsseln, aber das war uns meist zu umständlich. Wir hatten kein Pril, also haben
wir es noch mal heiß abgespült. In einem Wandbrett wurde das Geschirr
hintereinander wie auf ein Regal gestellt. Davor war noch mal eine Leiste, damit es
nicht hinunter fiel. Darunter hingen drei Emaillebecher. Wenn man Durst hatte,
nahm man sich einen Becher ab. Aus einem der beiden Eimer, die in der Küche
standen, schöpfte man Wasser. Was man nicht ausgetrunken hatte, wurde wieder
zurück in den dritten Eimer gekippt, der unter der Bank stand. Die Eimer mit dem
sauberen Wasser wurden immer aus dem Brunnen aufgefüllt. Der Becher wurde
dann wieder unter das Wandbrett gehängt. Ab und zu wurden die Becher dann
gespült.“ „Wie, und da haben alle raus getrunken, ohne dass der Becher jedes Mal
sauber gemacht worden wäre?“ „Ja, wie gesagt: jeder hat den Becher wieder
zurückgehängt und ab und zu wurden die Becher dann halt gespült. Da hat keiner
gefragt, wer da vorher raus getrunken hat.“ Ich schüttele ungläubig mit dem Kopf.
„Wie habt Ihr geputzt?“ „Die Fußböden wurden geschrubbt und gewischt. Mutter hat
ganz normal Staub gewischt wie es heute auch gemacht wird. Nur dass wir weniger
hatten. Wir hatten kaum Bücher. Wenn wir lesen wollten, konnten wir uns welche in
der Schulbibliothek leihen. Der große Küchentisch wurde einmal in der Woche richtig mit einer Bürste
abgeschrubbt, sodass er immer blank war.“
„Was habt Ihr noch getrunken außer Wasser?“ „Lindenblütentee, Tee aus getrockneter Pfefferminze aus dem
Garten, auch gekauften Tee von Handelsvertretern, die manchmal vorbei kamen.“
„Was habt Ihr so gegessen?“ „Mutter hat das Brot selber gebacken meist Weißbrot. Sie hat die Laibe geformt
und dann auf der Schaufel in den Ofen geschoben. Die Kohlköpfe wurden im Keller am Strunk aufgehängt. Der
Weißkohl wurde über einer großen Reibe in einen Bottich gerieben. Erst kam eine Lage Kohl dann Salz drauf.
Anschließend kam die nächste Lage Kohl und wieder Salz drauf, dass sich der Kohl hielt. Das war dann also
Sauerkraut. Paprika wurde oben abgeschnitten und dann mit Möhren und Sellerie gefüllt. Das ganze wurde mit
dem Strunk vom Sellerie umgebunden. Das wurde in Töpfen eingelegt. Zuccini haben wir sehr viel gegessen.
Hauptsächlich geschmort oder mit Auberginen und viel auch mit Paprika gedünstet. Zuerst wurde eine Zwiebel
klein geschnibbelt. Wenn die glasig war, kam die gestückelte Paprika rein und zum Schluss die Zucchini. Dann
hat man es noch abgeschmeckt und gewürzt. Dazu gab es Reis und Weißbrot wurde auch viel dazu gegessen.
Kartoffeln gab es nur wenig.
So wurde alles aus dem Garten verwertet. Einkaufen so wie heute brauchten wir eigentlich gar nicht. Raps- oder
Sonnenblumenöl haben wir direkt von der Mühle geholt in Flaschen. Außerdem stand an jeder Ecke ein altes
Mütterchen oder Väterchen, die Sonnenblumenkerne – „Semoutschki“ auf rumänisch – verkauften. Im
Vorbeigehen legte man Geld hin und nahm sich ein Tütchen für ein paar Ban – also rumänische Pfennige wenn
man so will. Wo man geht und steht hat man Semoutschki geknackt. Man hatte überall Beschäftigung auch auf
dem Weg. Abends saß man vor der Haustür oder auf dem Mäuerchen und hat Sonnenblumenkerne gegessen.
Die leeren Hülsen hat man die ganze Zeit vor sich auf den Boden gespuckt und anschließend zusammengefegt.
Ooooh, überall waren diese riesigen Sonnenblumenfelder. Es war, als ob dich die Blumen alle angucken würden,
sie haben dir alle ihr Gesicht zugewandt.“
„Und mein Lieblingsessen Riebelsuppe hast Du noch vergessen! Das kennt sonst keiner, also muss es doch
etwas Typisches für Bessarabien sein“, muss ich sie erinnern. „Oh ja, Riebelsuppe! Die kleinen Riebelchen
wurden aus Eiern und Mehl gezwirbelt und in der Milch aufgewärmt. Dazu kam dann noch Zucker... Hm. Das
gab es oft abends und Bratkartoffeln.“
„Was? Riebelsuppe und Bratkartoffeln? Das passt doch gar nicht!“ „Doch. Das haben wir aber so gegessen.
Außer der Riebelsuppe haben wir viel Brei aus Maismehl gekocht. Das war sozusagen das Nationalgericht
`Mamaliga`. Über den Brei haben wir Milch gegossen. Schade, dass ich das nie für Dich gekocht habe. Es
schmeckte wunderbar.“
„Und was gab es zum Frühstück?“ Ich mache mich schon mal auf eine eigenartige Kombination gefasst und
werde glatt enttäuscht. „Butterbrot mit Marmelade und Butter!“ „Das war ja genauso wie heute!“ Omi lacht. „Na,
was hattest Du denn erwartet?“ „Vielleicht etwas mehr Exotisches!“ „Margarine gab es damals keine. Wir haben
auch nur mit Schmalz und Öl gebacken und gebraten. Wir haben auch immer auf Brettchen gegessen nicht auf
Tellern. In die Schule haben wir Butterbrote mitgenommen. Vieles haben wir auch alleine machen müssen, weil
Mutter sowieso schon genug zu tun hatte.“
„Wie war das mit dem Mittagessen?“ „Es wurde viel mit Mehl gemacht wie Nudeln und Strudeln. Ich weiß noch:
da wurde der Teig zu fingerdicken Rollen gerollt. Davon wurden immer Stücke abgeschnitten und angebraten.
Wasser wurde aufgefüllt und aufgekocht z.B. Fleischbrühe, wo die Teigstücke zum Schluss reinkamen. Es gab
Dampfnudeln kaum Fleisch, statt dessen viel Gemüse und Eintöpfe. Fisch war zu teuer. Vater hat meistens
mittags nicht zu Hause gegessen. Er war „Baumputzen“, also Äste abschneiden bei verschiedenen Leuten. Er
war wie ein Gärtner nur eben für Bäume, „Baumgärtner“ nannte sich sein Beruf. Zuerst hat er nur privat
gearbeitet und hat dann bei den Leuten Essen bekommen, erst später hat er in der Baumschule gearbeitet. Ich
habe ihm oft geholfen, wenn er Weinreben veredelt hat.“
„Gut. Erzähl von der Arbeit, was jeder so gemacht hat.“ „Vater hat später in...ja sagen wir in einem
Gemüsegarten gearbeitet. Er war da Vorarbeiter und hatte da einige Mitarbeiter, deren Chef er war. Das war ein
großer Betrieb und er war verantwortlich dafür. Dort gab es ganz viele Beete und Bewässerungsrillen, die das
Wasser von einem Brunnen bekamen. Der war rund mit einer Art Mühlrad, wo Eimer dicht an dicht Wasser
ausschöpften. Daran war ein Pferd gespannt, das an dem Rad zog. Jetzt mussten nur noch die Törchen, die es
vor jeder Bewässerungsrille gab, geöffnet oder geschlossen werden je nachdem ob Wasser gebraucht wurde
oder nicht.
Mutter hat die Tiere auf dem Feld und Hof gefüttert. Sonst hat sie noch bei der Familie Mutschall gewaschen und
gebügelt. Irgendwie waren wir wohl mit denen verwandt, hat es geheißen. Die Mutter von meinem Vater ist eine
geborene Mutschall. Auf jeden Fall musste Mutter immer eine halbe Stunde dahin laufen. Oft hat sie die Wäsche
auch mit nach Hause gebracht. Die Frauen haben ja gewebt und gesponnen einmal für uns selber aber einiges
haben sie auch verkauft. Oder ja, was heißt verkauft. Es wurde eben eingetauscht. Die Leute brachten ein paar
Lumpen, aus denen dann Flickenteppiche gemacht wurden. Sie haben mit Naturalien bezahlt wie einen halben
Zentner Mehl oder Haferflocken, die sie selber gemacht hatten. Wir Kinder haben auch abends alte Lumpen in
Streifen geschnitten. Die wurden dann in die Teppiche eingewebt. Auf den Holzböden hatten wir überall solche
Flickenteppiche. Die gibt es auch heute noch. Guck mal, da auf dem Balkon habe ich auch so einen Teppich.
Wenn Du genau hinsiehst, kannst Du bestimmt erkennen, wo die verschiedenen Stoffstreifen aufhören. Da hängt
schon so ein Zippel raus.“ Sie dreht den Teppich um. Tatsächlich kann ich mir jetzt vorstellen, wie sie das früher
selber hergestellt haben.
„Hat Deine Mutter denn nicht auf dem Feld gearbeitet?“ „Die Felder waren zu weit weg. Überall gab es nur große
Steppen und ja, Sonnenblumenfelder. Ansonsten hat die ganze Familie den Nachbarn bei der Einfuhr geholfen
hauptsächlich samstags und sonntags. Das hat man aber nicht für Geld gemacht, sondern einfach so. Man hat
sich halt gegenseitig geholfen.“
„Was hattest Du für Aufgaben? Die Kinder mussten doch auch schon früh mithelfen, oder nicht?“ „Ich habe
schon so mit acht Jahren Abendbrot gemacht. Ja, hauptsächlich Riebelsuppe und Bratkartoffeln eben. Wenn
Mutter dann ihre Arbeit erledigt hatte, war das Abendessen fertig. Ich musste auch immer auf meine drei kleinen
Geschwister aufpassen. Überall musste ich die Kleinen mit schlörren. Da konnte ich nicht richtig spielen. Das
war nicht so einfach.
Aber einmal, weiß ich noch, hat es gehagelt. Da musste ich ganz schnell die Gänse und Enten vom Teich runter
holen. Das war noch ziemlich am Anfang, als wir nach Tarutino gekommen sind. Wir haben ja zuerst in Schabo,
glaube ich hieß das, gewohnt. Da ist noch Arthur geboren. Als wir nach Tarutino kamen, haben wir zuerst am
Oberend gewohnt auf der anderen Seite in Tarutino, bevor wir auf Almas Hof gekommen sind. Das lag noch
hinter der Kirche und der Schule. Da in der Nähe gab es einen angelegten Teich. Sonst gab es ja kein
natürliches Gewässer. Rings um den Teich standen Weidenbäume. Da sind wir – meine Freundinnen und ich –
drunter gekrochen. Wir hatten lauter rote Pocken vom Hagel. Jeder hatte den Rock hochgezogen und trug ein
paar Enten darin. Ich war so im ersten oder zweiten Schuljahr.“
„Wie war das, als Ihr in Schabo gewohnt habt? Davon weiß ich ja gar nichts!“ „Nun ja, daran kann ich mich auch
kaum erinnern. Ich weiß nur noch, als Arthur geboren ist, da muss ich so sechs Jahre gewesen sein... Warte
mal, ich bin 1920 geboren und Arthur 1926, ja genau. Auf jeden Fall sollten Emmi und ich in der Lehmkuhle
spielen solange. Die lag nämlich bei uns in der Nähe und die Kinder gingen dahin zum Spielen. Das war so groß
wie ein halber Sportplatz. Da war es schön windstill und dort gedieh auch sehr viel. Die Leute brachten da Erde
hin und hatten Gemüsebeete. Uns wurde jetzt gesagt: „Der Storch kommt. Geht mal zur Lehmkuhle spielen.“ Ich
war knatschig, weil ich zuerst nicht wollte. Ich bin dann aber doch gegangen. Wie sie uns dann wieder gerufen
haben, habe ich gerade noch gesehen, wie eine Frau mit einem Schal oder so einem Schultertuch mit Fransen
und einem Köfferchen das Haus verließ. Das war die Hebamme. Ich bin reingegangen. „Das stimmt nicht mit
dem Storch! Die Frau hat das Brüderchen gebracht!“ Da kannst Du mal sehen, wie doof ich noch war mit sechs.“
Omi lacht und schüttelt mit dem Kopf. „Emmi hatte ja ein krankes Auge und ist deshalb viel bevorzugt worden.
Sie hat es auch ausgenützt und war immer gleich am Schreien. Dann hieß es immer: „Emmichen hier...,
Emmichen da...“ Ich war immer ziemlich rau. Deshalb meinten meine Eltern vorher zu Emmi: „Wenn das
Brüderchen kommt, seid Ihr zu zweit.“ Daraufhin meinte ich: „Dann gehe ich morgens mit Papa mit, setze mich
unter den Baum und warte so lange. Dann komme ich erst mit ihm wieder zurück!“ Als Emmi und ich dann ins
Zimmer kamen, bekamen wir gleich zu hören, dass Mutter noch im Bett bleiben müsse, weil der Storch sie ins
Bein gebissen hätte. So etwas ist uns früher erzählt worden! Emmi reckte gleich ihren Hals, um das Brüderchen
im Bett besser sehen zu können. Mutter fragte mich: „Elschen, willst Du nicht auch Dein Brüderchen sehen?“
„Nein!“, sagte ich gleich, weil ich daran denken musste, dass er und Emmi dann gegen mich sind. Ich bin aber
doch ganz langsam immer ein kleines Stückchen nach vorne getippelt, weil ich schon neugierig war. Nach
einiger Zeit habe ich mich an das Brüderchen gewöhnt. Ich wusste ja, dass es mir nichts tun konnte, so klein wie
es war. An die erste Zeit nach Arthurs Geburt kann ich mich noch gut erinnern. Jeden Tag kam eine andere Frau
und brachte Essen für uns. Die haben sich abgesprochen in der Nachbarschaft. So war es auf dem Land üblich.
Solch ein schönes Essen haben wir sonst nie bekommen. Als es dann Mutter wieder besser ging, war ich gar
nicht damit einverstanden. „Mama, bleib doch liegen“, habe ich gesagt. „Bleib doch noch im Bett liegen. Wir
haben so schönes Essen gekriegt. Du brauchst gar nicht aufstehen!“ Einmal kam auch die Hebamme wieder. Ich
habe sie ganz böse angesehen und einen großen Bogen um sie gemacht. Die Hebamme wusste auch Bescheid,
dass ich dachte, sie hätte den Kleinen gebracht und fragte mich: „Willst Du Dein Brüderchen behalten oder soll
ich es wieder mitnehmen?“ „Nein!“, rief ich entsetzt aus und wie sie sich dem Bettchen näherte, habe ich so an
ihr herumgezerrt, dass ich ihr beinahe die Schulter ausgerenkt hätte. Den Kleinen musste ich zum Spielen
mitnehmen. Da habe ich ihn einfach in den Schatten gesetzt und gespielt. Es war nur so, dass nach einiger Zeit
die Sonne weitergewandert war und er nicht mehr im Schatten gesessen hat. Wie wir dann schon alle
Erwachsen waren und Arthur richtig braun gebrannt war und er gefragt wurde, warum er so braun ist, da hat er
geantwortet: „Weil Elschen mich immer in die Sonne gesetzt hat!“ Oder ich wollte Mutter mit seinen schmutzigen
Windeln helfen und ihr Arbeit abnehmen. Da habe ich im kalten Wasser schon mal die Kacke rausgewaschen.
Ich kam aber nicht an die Wäscheleine, also habe ich die Windeln über den Reisighaufen vor dem Ofen draußen
gelegt. Wie Mutter die Straße entlang kam und von Weitem unseren Hof sah, hat sie sich gefragt: „Was sind
denn das für weiße Flecken da überall?“ Erst auf dem Hof hat sie gesehen, dass überall die Windeln hängen.
Sie waren zwar nicht sauber, aber das Gröbste war wenigstens schon mal raus... Als ich so zehn war, bin ich oft
nach der Schule zum Altenheim in Tarutino gegangen. Das ist von den Reichen unterstützt worden. Ich bin mit
einem Korb zu den reichen Leuten gegangen und habe da Zutaten und Essen abgeholt. Ich bekam genau
Bescheid, wo ich hingehen sollte. Von den Alten habe ich immer etwas bekommen, einen Apfel oder so. Ich bin
immer erst abends nach Hause gekommen und musste die Schularbeiten bei der Petroleumlampe machen. Im
Altenheim hat eine Krankenschwester gearbeitet, die ich sehr verehrt habe. Die hieß Else Hermann, das weiß
ich noch. Wenn ich da von den Leuten gefragt worden bin, was ich später mal werden möchte. Habe ich immer
geantwortet: Ich möchte Schwester Else Hermann werden! Später wollte ich aber Schneiderin werden. Tja,
Beides ist nichts geworden, weil die Lehre damals noch etwas kostete und Geld haben wir ja damals nicht
gehabt. Ich habe nach der Schule also mit 14 bei Banasch in der Textilfabrik angefangen. Ich war in der Weberei
und Spinnerei tätig. Ich hatte Wechselschicht, dass ich teilweise ganz früh noch im Hellen ins Bett musste, weil
ich früh wieder raus bin. Zu Hause brauchte ich da nicht mehr so viel mithelfen. Dann ging ich auch abends noch
in den Verein vom BDJ. Das hieß bei uns „Bund deutscher Jugend“. Das Abzeichen davon muss ich wohl
verloren haben oder ich habe es nicht mitgenommen... Wir haben gesungen, geturnt und getanzt. Wir haben
Volkstänze eingeübt und in anderen Dörfern aufgeführt. Das war immer toll. Ich konnte tanzen, Du, das kann ich
Dir sagen! Wir haben auch viel gebastelt. Die Jungs haben z.B. mit der Laubsäge Figuren wie Hänsel und Gretel
ausgesägt. Die Mädchen haben sie angemalt und Nadeln angeklebt für das Winterhilfswerk. Die Bastelsachen
mussten verkauft werden. Ich habe mich meistens freiwillig gemeldet und bin von Hof zu Hof gegangen. Die
Leiterin hielt große Stücke auf mich, weil sonst keiner so mitgeholfen hat. Die anderen Mädchen mussten
abends noch mithelfen und ich hatte dann frei. Sie ist oft zu mir gekommen: „Elschen, kannst Du mir helfen?“
Dabei wäre ich normalerweise nie in den Verein gekommen. Sonst waren eher die Reichen darin, aber Alma hat
mich von Anfang an mitgenommen. Nur durch sie bin ich da reingekommen, aber das haben sie mich nie
merken lassen. Ich habe mich immer dazugehörig gefühlt. Von meinen Geschwistern war sonst keiner dabei. Die
meisten Mädchen in Tarutino waren nicht darin. Vom Verein hatten wir auch unsere Volkstracht. Das war auch
ein Glück. Darin waren wir immer fein angezogen, also sonntags oder zu Feiern. Jeder musste sich die Tracht
selber besorgen und zwar nähen lassen. Die Schürze und das Schultertuch zum Umhängen haben meistens die
Mütter bestickt mit dem besonderen Zeichen der Gruppe. Unsere Gruppe hatte einen Strauß mit Ähren,
Kornblumen und Klatschmohn. Sonst hatten wir ja nicht so viele Sachen.“ Ich horche auf.
„Was hattet Ihr überhaupt so für Anziehsachen?“ „Wir konnten nicht so Klamotten kaufen wie heute. Da sind wir
nicht ins Kaufhaus gegangen. Gab es ja auch nicht. Wir haben Stoff gekauft und von Schneiderinnen nähen
lassen. Meist hat aber Mutter selbst genäht immer nach dem gleichen Schnitt nach
ganz einfachem Muster. Da wurden dann Falten eingenäht. Wenn man wieder ein
Stück gewachsen war, wurde wieder eine Falte ausgelassen. Da brauchte man
nichts Neues zu kaufen, man ist nie da herausgewachsen.“
„Seid Ihr auch barfuss gegangen, um Eure Schuhe nicht so abzutragen?“ „Im
Sommer ja aber wir hatten auch Sandalen. Für den Winter hatten wir feste Schuhe.
Es gab ein Paar Schuhe für alltags und ein Paar für sonntags.“
„Und was hattet Ihr für Unterwäsche?“ Das interessiert mich schließlich auch! „Die
wurde auch aus Stoff genäht aus Nesselstoff. Der wurde vom vielen Waschen
immer weißer. Die Schlüpfer hatten die Form von Shorts. Die Gummibänder wurden
noch durchgezogen.“
„Und was habt Ihr gemacht, wenn Ihr Eure Tage hattet?“ „Ja, wir hatten Stoffbinden
dafür, die auch selbstgenäht waren. Wir hatten einen Gurt um den Bauch und vorne
wurde ein Stück angeknöpft, dass um den Po herum ging . Dadurch wurden die
Binden gehalten, die dann immer wieder ausgekocht und steril gemacht worden
sind.“
„Kommen wir zur Schule. Du
bist in die deutsche Schule gegangen?“ „Ja, jede Nation
hatte ihre eigenen Schulen und Vereine. Alles war getrennt.
In meiner Schule waren ungefähr siebenhundert Kinder in
der großen Volksschule. Das erste Schuljahr war man bei
uns in der Kleinen Volksschule. Da wohnten wir noch am
Oberend, sodass ich da in die Schule gegangen bin.“
„Musstet Ihr da auch Schürzen umhaben, damit Ihr Eure
Anziehsachen schont?“ „Nur im ersten und zweiten
Schuljahr, danach nicht mehr. Mutter hat uns immer
ermahnt, dass wir auf dem Schulweg nur ja nicht trödeln
und womöglich zu spät kommen. Wir hatten ja keine Armbanduhren, wo wir sehen konnten, wie spät es war.
Wir durften nirgendwo stehen bleiben. Bei uns war es immer so, dass die, die am weitesten von der Schule
entfernt waren, zum nächsten gingen. Da warteten sie dann am Tor, bis derjenige kam. Dann ging es weiter bis
zum nächsten und so wurden es nach und nach immer mehr. Bis es hinterher eine große Gruppe war. Wir hatten
eine halbe Stunde zu gehen. Das kannst Du vergleichen als wenn ich jetzt von zu Hause bis zum Bahnhof
gehen müsste. So weit gingen wir jeden Tag einmal hin und zurück. Das kann man sich heute gar nicht mehr
vorstellen!“
„Was hattet Ihr denn für Schultaschen?“ „Bis zum zweiten Schuljahr hatten wir einfach irgendeine Tasche wie
z.B. eine geflochtene Strohtasche. Später bekamen wir einen gewebten Beutel, den die Mutter selbst gemacht
hatte.“
„Was war da drin?“ „So ein Holzgriffelkasten, wo man den Deckel so aufschieben konnte, weißt Du?“ Ich nicke.
Ja, so einen Griffelkasten kenne ich auch. Der war mal eine Zeit lang wieder ganz modern zu meiner Schulzeit.
„Dann hatten wir ein viereckiges Tintenfass. Dafür gab es in unserer Schulbank ein Loch, in das wir das
Tintenfass hineinstellen konnten. Wir hatten durchgängige Bänke für jeweils vier Schüler.Jeder hatte unter der
Bank ein eigenes Fach für seine Sachen vor allem für die Bücher. Wir hatten so einen Federhalter mit einer
Feder zum Draufstecken. Daran war ein Holzgriff. Bleiminen für Bleistifte bewahrten wir in einem Schächtelchen
auf. Die mussten jedes Mal in den Stift gesteckt werden.“ „Ich glaube, ich kann es mir vorstellen. Solche Bleistifte
gibt es ja heute auch wieder.“
„Seid Ihr auch regelmäßig in die Kirche gegangen?“ „Bei uns war das so: einen Sonntag gingen die Eltern, den
nächsten die Kinder. Aber auf dem Weg zur Kirche musste man am Sportplatz vorbei. Wenn da etwas los war,
bin ich meist da stehen geblieben und habe lieber da zugeguckt. Für die Kirche hatte ich nicht so viel übrig.
Wenn dann die Leute aus der Kirche kamen, mussten die ja an mir vorbei. Die habe ich dann gefragt, worüber
der Pfarrer an dem Tag geredet hat in seiner Predigt und auch so und was für Lieder gesungen worden sind. Zu
Hause konnte ich das dann erzählen und keiner ist drauf gekommen, dass ich gar nicht in der Kirche gewesen
bin. Wir haben aber nicht immer in die Kirche gekonnt. Wenn das vorkam, mussten
wir vormittags statt Kirche antreten und uns um den Tisch herum setzen. Vater hatte
ein ganz dickes, altes Predigtbuch so dick wie eine Handbreit. Statt spielen, hat er
uns daraus vorgelesen. Wir haben gar nichts davon verstanden. Hauptsache, wir
saßen da und haben so eine Art Kirche gemacht.“ Ich lache über Omis wenig
begeisterten Gesichtsausdruck. „Das dicke Predigtbuch konnte er aber nicht
mitnehmen nach Pommern, das wäre zu schwer und zu groß gewesen.“ Hierbei
schaut Omi wieder zufrieden drein.
„Wie weit entfernt war denn die Kirche? Musstet Ihr auch so weit gehen wie zur
Schule?“ „Ja, genau. Wir mussten erst zum Marktplatz und dann darüber gehen.
Rechts neben der Kirche war das Vereinshaus mit Tennisplätzen davor, links stand
die Schule. Es war also alles zusammen. Wir hatten ja gaaaanz breite Straßen. Die
waren viel breiter als die heute, obwohl damals keine Autos darauf fuhren. Neben der
Straße waren Bäume gepflanzt und daneben war der Bürgersteig. Gepflastert war
aber nichts. Wenn wir zum Verein gegangen sind unsere ganze Gruppe, sind wir
meist singend die breite Straße entlang gegangen. Oft hat auch jemand
Mundharmonika gespielt oder Klaus hatte seine Ziehharmonika dabei. (Klaus ist Omis Jugendfreund, mit dem
sie auch heute noch – 2005 – Kontakt und auch ein paar Mal in Kanada besucht hat) Im Winter konnte man
eventuell mit einem Bauern auf dem Schlitten mitfahren. Da hingen dann alle Kinder wie die Trauben dran. Wir
hatten ja oft richtig treibenden Schnee. Mutter wickelte uns ein großes Tuch um den Kopf, aber wenn wir dann in
der Schule ankamen, war alles um die Augen herum vereist.“
„Seid Ihr in Tarutino auch mal ins Kino gegangen?“ „Einmal sind wir im Kino gewesen. Das war wohl so 1936
oder wahrscheinlich eher 1937. Da war das Kino ganz neu gemacht. Vorher hatten wir nie etwas davon gehört.
Es war aber noch ein Stummfilm, der hieß „Schatten der Vergangenheit“, das weiß ich noch. Wo die
Schauspieler geredet haben, stand dann der Text.“
„War das denn auf deutsch?“ „Ja, wir hatten ja so ziemlich alles auf deutsch da.“
„Gab es auch Kirmes bei Euch oder so etwas Ähnliches?“ „Es kam schon mal ein Zirkus in unser Dorf. Wir
hatten aber kein Geld dafür, also haben wir nur so auf dem Zirkusplatz geguckt. Ab und zu war auch
Pferdemarkt. Von überall aus den kleinen Dörfern kamen sie mit den Pferden. Der Kauf wurde mit Handschlag
abgemacht. Das Geld gab es auf die Hand alles ohne Papiere. Die Käufer schauten den Pferden ins Maul.
An den Zähnen konnten sie das Alter der Pferde erkennen.“
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