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„[…] ins Herz schloss ich dich ein“
Im März des vergangenen Jahres stand ich inmitten eines Ackers tiefschwarzer Erde und
schmeckte das Salz des nahe gelegenen Schwarzen Meeres.
Umgeben von einer Vielzahl von Lehmruinen schloss ich meine Augen und hörte plötzlich das
Holpern der Wagenräder, die vor 70 Jahren das letzte Mal die Dorfstraße dieses beinahe
vergessenen Fleckchens namens Sangerowka in der heutigen Südukraine passierten. Ich
stellte mir das Läuten der Dorfkirche vor und das aufgeregte, temperamentvolle Geschwätz der
Bewohner, die dieses Dorf ihre Heimat nannten.
Zu wissen, dass ein kleines Mädchen unter eben diesen Bewohnern meine Urgroßmutter war
und diese ihr zu Zuhause in einem der jetzigen Lehmtrümmern hatte, erfüllte mein Herz mit
unzähligen Emotionen.
Meine Füße berührten den Boden ihrer Herkunft und ich fühlte das Wurzelwerk, das mich mit
ihm verband.
Dieses Gefühl der Verbundenheit war beinahe stärker als
jenes, das ich noch heute gelegentlich, jedoch mit viel
Genuss, wahrnehme.
Etwa die Gerüche, die ich aus meiner Kindheit kenne oder die
Andersartigkeit der Sprache um mich herum; kannte ich sie doch nur aus dem Siedlerhaus
meiner Urgroßeltern, das inmitten des Havellandes in einem 400-Seelen-Dorf stand und für
mich an beinahe jedem denkbaren Wochenende das Wohlgefühl eines Zuhauses und die
dazugehörige Geborgenheit bereit hielt.
Nicht noch einmal habe ich mich an einem anderen Ort, der bessarabischer nicht hätte sein
können, so sehr heimisch gefühlt wie in jenen Jahren.
Mir war nie bewusst, was das Schicksal meiner Urgroßeltern beinhaltete und dass ich
dieses Erbe neben 250.000 anderen Deutschen heute teile, wie sehr ich diese
mitgebrachte Kultur erlebt habe und dass ich Traditionen und Esskulturen erleben durfte,
die in unseren Breiten keine üblichen sind.
Es erfüllt mich mit Stolz, meine Wurzeln in einem mir bislang völlig fremden Land gefühlt zu
haben und mich ebenso fremden Menschen, egal welcher Altersklasse, verbunden fühle,
weil es genügt, an verschiedenen Orten einander zu begegnen und unter all derer eine zu sein, die den Faden hält und ihn
gern um Längen erweitern möchte.
Auch wenn ich, durchschnittlich gesehen, ein sehr junges Bindeglied bin, sehe ich mich als Teil dieser Landsmannschaft.
Meine Ahnen ließen sich neben unzähligen anderen hier in Ostdeutschland nieder und die öffentliche Pflege ihrer
Gemeinschaft wurde nicht gern gesehen, ja sogar untersagt. Dieser Wunsch schlief unter den hier ansässigen Bessarabern
zwar scheinbar notgedrungen ein, ist aber keinesfalls erloschen, wie die erste Zusammenkunft im Herbst 2009 in Stechow
zeigte. Für die Fortsetzung derartiger Veranstaltungen und ein Anlaufpunkt für all jene zu bieten, setze ich mich ein.
Es sind nicht nur die unzähligen Schicksale, die ich erfahren durfte, nicht meine bloße Herkunft mit allen unvergleichlichen
Gefühlen und Erinnerungen, die mich mit ihr verbinden, sondern auch die Menschen, die heute in Bessarabien zum Teil hinter
den deutschen Fassaden ihr Zuhause gefunden haben und auch jene Deutsche, denen ich diese emotionale Begegnung mit
ihren Wurzeln so sehr wünsche und ermöglichen möchte…